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Strebt eine deutschlandweite Vernetzung an – und eine RMV-App ist ebenfalls in Vorbereitung: RMV-Geschäftsführer Knut Ringat hat einiges vor. Christoph Boeckheler
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Strebt eine deutschlandweite Vernetzung an – und eine RMV-App ist ebenfalls in Vorbereitung: RMV-Geschäftsführer Knut Ringat hat einiges vor. Christoph Boeckheler

Hessen

RMV: „Die Höhe der Tarife sind eine politische Entscheidung“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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RMV-Geschäftsführer Knut Ringat über die Folgen der Pandemie, die Pläne zur Modernisierung des Öffentlichen Nahverkehrs. Und die nervigen Folgen der vielen Baustellen

Das Nutzen von Bus und Bahn muss einfacher werden. Nur so lässt sich die Klimawende schaffen, sagt Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Wir fragten ihn, was die Fahrgäste in den nächsten Monaten erwartet.

Herr Ringat, noch nie war der Sprit für das Auto so teuer. Freut Sie das?

Viel spannender ist, wie sich insgesamt die Rahmenbedingungen für den ÖPNV mit der neuen Bundesregierung ändern. Uns kommt eine bedeutende Rolle beim Klimaschutz zu. Im Moment sind wir noch in der Corona-Pandemie gefangen. Wir haben auch bei deutlich weniger Fahrgästen das gesamte Angebot gefahren, um genug Platz zu bieten. Trotz allem hatten wir nicht einen so dramatischen Einnahmeeinbruch. 240 Millionen Euro Corona-Schaden im Jahr 2020 hört sich erstmal viel an. Auf der anderen Seite sank die Zahl der Fahrgäste um weit mehr als die Hälfte, und wir haben trotzdem rund 80 Prozent unserer Einnahmen gehabt.

Wie kommt das?

Weggebrochen sind vor allem die Gelegenheitskunden, weil die Theater zu hatten, die Fußballstadien. Geblieben sind unsere Stammkunden. Wir haben ja unsere tollen Tarifangebote wie das Schülerticket oder das Seniorenticket. Alleine 30 Prozent unserer Fahrgeld-Einnahmen generieren wir über Jobtickets. Seit Beginn der Pandemie haben wir 120 neue Verträge abgeschlossen mit über 40 000 neuen Nutzern. Das Jobticket ist längst nicht mehr nur das Ticket für die Fahrt zum Arbeitsplatz, sondern macht die Menschen auch in der Freizeit mobil. Es ist also auch mit Homeoffice attraktiv.

Und was ist die Alternative für jene, die nicht in den Genuss eines Jobtickets kommen, aber künftig mehr im Homeoffice arbeiten?

Wir haben vergangenes Jahr den Prepaid-Tarif ins Leben gerufen. Im September haben wir probeweise die Tageskarte mit reingenommen, um zu testen, ob das ein sinnvolles Angebot etwa bei Homeoffice ist. Das hat einen Schub ausgelöst: Der Umsatz beim Prepaid-Rabatt ist im Vergleich zum August um 55 Prozent gestiegen, mittlerweile haben insgesamt 13 000 Nutzer rund 1,8 Millionen Euro eingezahlt. Für mich zeigt das einmal mehr, dass unser Ziel sein muss, ein besonders einfaches Angebot zu machen. Die Menschen kriegen das mit und nutzen das.

Wie weit ist die Tarifreform gediehen?

In eineinhalb Jahren wollen wir sukzessive einen neuen, komplett zeitgemäßen Tarif einführen. Die Idee ist eine Basiskarte, wie man sie mit der BahnCard kennt. Der Kunde zahlt eine bestimmte Summe und bekommt dafür einen bestimmten Rabatt. Je mehr Fahrten, desto höher der Rabatt. Unsere Erfahrung mit dem RMVsmart-Tarif zeigt, dass die Menschen dann das Auto öfter stehen lassen.

Zum einfachen Zugang gehört auch ein simpler Zugang. Wann kommt die neue RMV-App und wie wird sie heißen?

RMV-Go wird sie heißen. Noch in diesem Jahr wollen wir die erste Version der neuen RMV-App testen. Im Frühjahr nächsten Jahres könnte sie eingeführt werden. Sie beinhaltet eine Reisebegleitung von Haustür zu Haustür, wie man sie vom Navigationsgerät im Auto kennt. Sharingprodukte wie Leihräder und On-Demand-Angebote werden ebenfalls Schritt für Schritt in die App eingebunden.

Zur Person

Knut Ringat ist seit dem Jahr 2008 Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV). Der 61-Jährige ist zudem Vizepräsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen und lehrt als Honorarprofessor an der Fakultät Verkehrswissenschaften der TU Dresden. jur

Was wird sich am Ticketverkauf ändern?

Wir werden eine deutschlandweite Vernetzung einführen, genannt Mobility inside. Start mit sieben großen Regionen ist zum Jahreswechsel – erst in einer separaten App, die später in RMV-Go integriert wird. Über Mobility inside wird es dann möglich sein, aus der Heimat-App Fahrten in anderen Regionen zu buchen. Für uns ist das der erste Schritt hin zu einem deutschlandweiten Tarif mit einem einfachen Vertrieb. Außerdem testen wir im Moment in Frankfurt eine weitere komfortable Funktion: Fahrgäste checken sich per Smartphone ein, wenn sie ÖPNV fahren, das Auschecken passiert automatisch. Dann berechnet ein Algorithmus den Fahrtpreis und bezahlt wird per Rechnung am Monatsende. Wenn das gut geht, wird das so schnell wie möglich in die Praxis überführt.

Klingt alles super. Doch die Fahrgastzahlen liegen im Vergleich zu vor Corona noch immer bei Zwei Dritteln.

Beim Handyticket verkaufen wir schon wieder wie vor Corona. Das zieht mit den Öffnungen weiter an. Aber je länger die Pandemie dauert, desto mehr verstetigt der Mensch sein Verhalten. Um da wieder rauszukommen, braucht es einen langen Atem. Es wird wahrscheinlich 2024 sein, bis wir wieder zu den alten Zahlen zurückkehren. Ich mache mir da aber wenig Sorgen, denn auch Elektrofahrzeuge stehen auf den Autobahnen und in den Städten im Stau. Stadtentwicklung und Verkehr müssen zusammen gedacht werden. Die Leute werden ihr Mobilitätsverhalten deutlich verändern. Danach müssen wir unsere Angebote ausrichten.

Peilen Sie weiterhin eine Milliarde Fahrgäste an?

Wir peilen bis 2030 ein Plus von 30 Prozent Fahrgästen zu den Vor-Corona-Werten an, das wären dann knapp 1,1 Milliarden. Wir brauchen das zur Erreichung der Klimaziele. Sonst drohen der Bundesrepublik sehr hohe Strafzahlungen seitens der EU. Das Geld ist bei uns besser investiert.

Wird es eine Fahrpreiserhöhung geben?

Ende des Jahres die üblichen 1,5 Prozent. Unsere Kosten sind aber um rund 5 Prozent gestiegen. Damit können wir auf zwei Arten umgehen: Entweder der Tarif wird weiter moderat erhöht und die Politik stützt uns mehr. Oder wir beteiligen die Fahrgäste stärker an den Kosten. Das ist eine politische Entscheidung.

Der Kostendeckungsgrad von 56 Prozent war lange eine heilige Kuh im RMV. Argument war eine gewisse Unabhängigkeit von der Lage der öffentlichen Kassen.

Mit dem Schülerticket ist der Kostendeckungsgrad bereits gesunken, mit dem Seniorenticket ebenfalls. Inzwischen liegt er bei kurz über 50 Prozent. Mobilitäts- und Verkehrswende heißt mehr Geld von der öffentlichen Hand. Die Tarifentscheidung fällt am Ende politisch im Aufsichtsrat.

Sie werden ja auch mehr Einnahmen haben, wenn Sie mehr Fahrgäste haben.

Ja. Aber zur Ehrlichkeit gehört auch: Wir sind in einem Jahrzehnt des Bauens am offenen Herzen. Solange die Bagger rollen, wird die Pünktlichkeit nicht besser. Es wird anstrengend mit Schienenersatzverkehr und ständiger Neuorientierung. Aber am Ende lohnt es sich.

Interview: Jutta Rippegather

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