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Recherchen zum kolonialen Erbe

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Von: Pitt von Bebenburg

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Die Gesichtshäute zweier Soldaten des französischen Heeres aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt gelagert worden waren, wurden Anfang des Jahres nach Frankreich überführt.
Die Gesichtshäute zweier Soldaten des französischen Heeres aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt gelagert worden waren, wurden Anfang des Jahres nach Frankreich überführt. © Renate Hoyer

Der hessische Landtag dringt auf eine Überprüfung von Museumssammlungen aus außereuropäischen Ländern. Hessen unterstützt die Institutionen bei ihren Recherchen.

In vielen hessischen Museen gibt es Sammlungsstücke aus außereuropäischen Ländern, die im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialgeschichte stehen könnten. Ihre Erforschung soll nun in Gang kommen.

Der hessische Landtag hat sich Ende voriger Woche mit breiter Mehrheit dafür ausgesprochen, „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ zu überprüfen. Die Bestände der Landesmuseen sollten dabei „in Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten aus den Herkunftsgesellschaften“ erforscht werden, heißt es in dem Beschluss, der vom Wissenschaftsausschuss gefällt wurde. Der Antrag war von der schwarz-grünen Koalition gemeinsam mit der FDP formuliert worden. Auch SPD und Linke stimmten zu. Nur die AfD votierte dagegen.

Im vergangenen Jahr hatte der Hessische Museumsverband eine Umfrage vorgelegt, an der sich 190 kommunale und privat betriebene Museen in Hessen beteiligt hatten. Davon verfügten 51 über außereuropäische Ausstellungsstücke. Nur wenige hätten die Herkunft untersucht. „Fehlendes Geld, Zeit und Personal sind vielerorts Gründe, weswegen besonders in den kleineren Museen keine Provenienzforschung stattfinden konnte“, konstatierte der Museumsverband.

Die Umfrage habe nicht geklärt, „ob bei den Objekten auch ein Unrechtskontext vorliegt“. Daher seien weitere Recherchen nötig. Die Forschung habe allerdings ergeben, „dass fast kein Museum ohne Verdachtsfälle bleibt“, stellte der Verband fest.

Hessen unterstützt die Institutionen bei ihren Recherchen. Der Hessische Museumsverband erhält jährlich 75 000 Euro vom Land, um nichtstaatliche Museen zu beraten. Für die Landesmuseen stehen höhere Mittel aus dem Landesetat bereit – 215 000 Euro zur Aufarbeitung von Sammlungsgut aus kolonialem Kontext sowie 210 000 Euro für Recherchen zu Sammlungsstücken, die aus nationalsozialistischem Raubgut stammen könnten. Um Letztere kümmert sich die 2015 eingerichtete Zentrale Stelle für Provenienzforschung, um die Kolonialismusthematik eine Forscherin am Museum Wiesbaden und ein Forscher am Landesmuseum Darmstadt.

Mit besonderem Nachdruck sollten „die in Landeseinrichtungen befindlichen menschlichen Gebeine und sterblichen Überreste aus kolonialen Kontexten“ überprüft werden, heißt es in dem Landtagsbeschluss. Sie sollten an die Herkunftsgesellschaften zurückgegeben werden, „insofern diese einen Anspruch stellen“. Ziel sei „eine zeitnahe Rückführung“, wobei „mit der erforderlichen Sensibilität“ vorgegangen werden solle.

Ein Beispiel für einen solchen Fall sind die Gesichtshäute zweier Soldaten des französischen Heeres aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt gelagert worden waren. Sie waren Anfang des Jahres nach Frankreich überführt und auf dem Soldatenfriedhof in Metz beigesetzt worden.

Im Wissenschaftsausschuss drang Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) jetzt auf „faire und gerechte Lösungen“. Das gelte sowohl für Stücke mit einer kolonialen Herkunft als auch für Raubgut der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Beide Felder müssten getrennt aufgearbeitet werden, aber die Verantwortung sei sehr hoch in beiden Bereichen, betonte Dorn.

Für einen Eklat sorgte der AfD-Abgeordnete Frank Grobe. Er stellte infrage, ob die deutsche Kolonialgeschichte „grundsätzlich verwerflich“ sei, was er als Frage an Dorn formulierte. Daneben äußerte der AfD-Politiker den Verdacht, dass die in deutschen Museen verwahrten afrikanischen Kunstgegenstände nach einer Rückgabe etwa nach Nigeria auf den Kunstmarkt kommen und „für immer in Privatsammlungen verschwinden“ würden.

Der Ausschussvorsitzende Daniel May (Grüne) wies Grobe daraufhin zurecht. May bezeichnete Grobes Unterstellungen gegenüber der nigerianischen Regierung dabei als nicht hinnehmbar. Kolonialismus sei „auf gar keinen Fall irgendwie zu rechtfertigen, weil er menschenverachtend ist“, fügte der Grünen-Politiker hinzu.

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