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Terror von Hanau: „Polizei hat ihren Job nicht richtig gemacht“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Auf riesigen Tafeln hat Forensic Architecture minutiös den Tatablauf nachgezeichnet.
Auf riesigen Tafeln hat Forensic Architecture minutiös den Tatablauf nachgezeichnet. © Renate Hoyer

Nach dem Terror von Hanau sprechen Robert Trafford und Dimitra Andritsou über ihre Recherchen und werfen Fragen auf.

Der Polizeieinsatz in der Terrornacht von Hanau am 19. Februar 2020 war ein Desaster. Zu diesem Schluss kommt die Gruppe Forensic Architecture/Forensis in ihren Recherchen für eine Ausstellung, die noch bis zum 11. September im Frankfurter Kunstverein zu sehen ist. Dimitra Andritsou (Forensis) und Robert Trafford (Forensic Architecture) haben dafür unter anderem Aufnahmen eines Polizeihubschraubers ausgewertet, die dem Hanau-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags bis dahin nicht vorgelegen hatten. Inzwischen sind sie auf Anforderung des Ausschussvorsitzenden Marius Weiß (SPD) eingetroffen.

Frau Andritsou, Herr Trafford, welche Reaktionen haben Sie auf die Ausstellung „Three Doors“ im Frankfurter Kunstverein erhalten, die sich mit dem Terroranschlag in Hanau beschäftigt?

Robert Trafford: Die Reaktionen waren sehr ermutigend. Vor der Eröffnung haben wir Überlebende und Angehörige von Opfern mit ihren Familien, Unterstützerinnen und Unterstützer von der Initiative 19. Februar durch die Ausstellung geführt. Es war für sie klar, dass die Ausstellung ein neues Kapitel in ihrem andauernden Kampf darstellt. Genau das hatten wir gehofft.

Dimitra Andritsou: Niculescu Paun, der Vater des ermordeten Vili Viorel, sagte: Die Wahrheit ist in diesem Raum.

Wie ging es weiter?

Trafford: In den Stunden nach den ersten Medienveröffentlichungen gab es starke Reaktionen aus der SPD und der Linken, die Sondersitzungen des Untersuchungsausschusses und den Rücktritt von Innenminister Beuth forderten. Es wurde klar, dass ihnen Material vorenthalten worden war, und durch die Ausstellung wurde insbesondere die Bedeutung der Hubschrauber-Aufnahmen deutlich. Es hat uns ermutigt, dass der Ausschussvorsitzende Marius Weiß darauf dringt zu erfahren, warum diese bedeutsamen Unterlagen nicht vorgelegt worden sind.

Terror von Hanau: „Unsensibler“ Umgang mit den Betroffenen durch Polizei

Es sind auch Ausschussmitglieder in der Ausstellung gewesen.

Trafford: Leider meistens nur von drei Parteien, der SPD, der Linken und den Grünen. Die CDU ist weitgehend abwesend.

Sie sprechen von Fehlern der Polizei, aber auch von strukturellem Rassismus. Wo endet für Sie das Versagen wegen Inkompetenz, wo beginnt falsches Handeln aus rassistischen Motiven?

Trafford: Das ist eine Frage, die ins Zentrum vieler unserer Arbeiten führt, aber ich glaube, man kann diese Trennlinie nicht ziehen. Für Polizistinnen und Polizisten, die alle Menschen in dieser Gesellschaft beschützen sollen, gibt es eine moralische Verpflichtung, nicht unfähig zu sein. Man kann niemanden davonkommen lassen mit der Entschuldigung, es sei nur Inkompetenz gewesen.

Andritsou: Der damalige Ministerpräsident Bouffier hat nach dem Bekanntwerden von rechten Tendenzen beim Spezialeinsatzkommando gesagt, dies bedeute nicht, dass in Hanau eingesetzte SEK-Beamte schlechte Polizeibeamte sein müssten. Wir halten das für eine unangemessene Äußerung. Wir stellen fest: Es traf beides zu. Es gab rechtsextreme Beamte oder Beamte, die unter Rechtsextremismus-Verdacht standen, und der Einsatz ist komplett fehlgeschlagen. Wir sehen auch die Verbindung zu der Frage, warum der Notausgang in der Arena-Bar verschlossen war und dies über Jahre geduldet wurde, oder zum Umgang mit Angehörigen. Der Vater der ermordeten Mercedes Kierpacz wurde von SEK-Beamten mit Waffen bedroht, weil sie ihn für einen Verdächtigen hielten. Ein Überlebender wurde nach seinem Ausweis gefragt, während er noch blutete.

Trafford: Es gibt viele Details, die sich zum Bild eines erstaunlich unsensiblen Umgangs mit den Betroffenen zusammensetzen, um es zurückhaltend auszudrücken. Das gilt auch für die Wochen und Monate nach den Taten.

Terror von Hanau: Warum hat Polizei „ihren Job nicht richtig gemacht“?

Sehen Sie darin spezifische Probleme in Hessen?

Trafford: Es mag nicht nur in Hessen so sein. Aber in Hessen stehen oder standen fast 100 Polizeibeamtinnen und -beamte unter Rechtsextremismus-Verdacht. Das ist eine enorme Zahl. Wir sind auch im Fall des NSU-Mordes in Kassel auf ein Versagen gestoßen, wo die Rolle des Verfassungsschützers am Tatort bis heute ungeklärt ist. Und was Hanau betrifft, haben wir zahlreiche Beispiele. Ein Beamter, der als einer der ersten am Tatort Arena-Bar eintraf, machte eine erstaunliche Aussage – nämlich, dass man den Tatort nicht so genau untersucht habe, weil der Täter ja bereits tot gewesen sei. Mit anderen Worten: Die Polizei hat ihren Job nicht richtig gemacht. Was geklärt werden muss, ist: Warum hat sie ihren Job nicht richtig gemacht? Klar ist, dass es derartige Probleme auch in anderen Bundesländern gibt. Ein Teil unserer Ausstellung setzt sich zum Beispiel mit der Zelle in Dessau auseinander, in der Oury Jalloh im Jahr 2005 verbrannt ist.

Warum zeigen Sie Ihre Arbeiten in einer Kunstinstitution?

Trafford: Das hat große Vorteile. Menschen können dort eine längere Zeit verbringen und sich mit unseren Recherchen vertraut machen. Wir können jenseits der Videos noch einiges erklären, auch darüber, mit welchen Methoden wir arbeiten. Es ist ein öffentlicher Raum, in den wir Politikerinnen und Politiker einladen können. Wir haben bei Forensic Architecture im Lauf der Zeit immer mehr entdeckt, wie wichtig kulturelle Institutionen wie der Kunstverein in diesem Zusammenhang sind. Es ist ein gutes Beispiel für das Ineinandergreifen von Initiativen, Kunstinstitutionen, lokaler Politik und uns, um Aufklärung zu erreichen. So kann Demokratie funktionieren.

Wo soll die Ausstellung noch gezeigt werden?

Andritsou: Eine wichtige Ausstellung wird in Hanau sein. Das soll um den dritten Jahrestag herum sein, also im Februar 2023. Wir sprechen aber auch mit einer Reihe von anderen Städten in Deutschland. (Interview: Pitt von Bebenburg)

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