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Personalengpässe in Gesundheitswesen in Hessen: Die Leute sind ausgepowert

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Von: Jutta Rippegather

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Das Hauptproblem sieht der Gesundheitsminister in der Abrechnung medizinischer Leistungen über Fallpauschalen.
Vereinzelt fallen Eingriffe aus. © Matthias Bein/dpa

Der Ärztlicher Bereitschaftsdienst ist unterbesetzt. Kliniken müssen Betten schließen.

Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter sein können: Just am Samstagnachmittag stürzte Klaus M. beim Joggen und zog sich zwei heftig blutende Wunden auf der Stirn zu. Nichts Lebensbedrohliches, aber auch nichts, was mit der Hausapotheke zu versorgen wäre. Zumal auch der kleine Finger immer mehr anschwoll. Für Fälle wie diesen ist der Ärztliche Bereitschaftsdienst die richtige Anlaufstelle. Die Kassenärztliche Vereinigung deckt damit die Zeit außerhalb der Öffnungszeiten der Arztpraxen ab. Erreichbar ist er unter der bundesweit einheitlichen Telefonnummer 116 117. Doch da lief nur ein Band mit Computerstimme: „Die Wartezeit beträgt eine halbe Stunde.“

Hoher Krankenstand

So wie Klaus M. geht es derzeit vielen. „Wir haben einen wahnsinnig hohen Krankenstand“, sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH). Die telefonische Dispozentrale sei unterbesetzt. Nach zweieinhalb Jahren Pandemie sei das medizinische Personal ausgelaugt, nicht bereit, solche Zusatzdienste neben der normalen Arbeit zu übernehmen. „Wir haben ganz, ganz stark zu kämpfen.“

Wie hoch die Ausfallquote ist, vermag der KV-Sprecher nicht zu beziffern. Doch nach seiner Darstellung blutet die ambulante Versorgung personell zunehmend aus. Erst jüngst habe ein Praxisinhaber gesagt, er müsse einen Tag pro Woche schließen. Er finde keine medizinischen Fachangestellten. Der Ärztliche Bereitschaftsdienst, so Roth, wird mit geringfügig Beschäftigten besetzt, die sich über die normale Tätigkeit in einer Praxis hinaus etwas hinzuverdienen möchten. „Dazu haben viele keine Lust mehr, sie wollen sich nicht am Wochenende noch beschimpfen lassen.“ Die Belastung sei ja auch in den Praxen gestiegen. „Das ist ihnen zu viel.“ Zumal nicht wenige Patient:innen im Umgangston zunehmend rauer und unverschämter würden.

Auch in anderen Gesundheitsberufen wächst der Frust über die Respektlosigkeit. Eine nie dagewesene Kündigungswelle beklagte dieser Tage das bundesweite „Bündnis pro Rettungsdienst“. Es bestehe die Gefahr, dass das System zusammenbreche. Der Rettungsdienst komme immer mehr an seine Grenzen. Die Einsatzzahlen nähmen bundesweit zu, oft seien es Bagatellfälle. Zu beobachten seien eine gesunkene Schwelle, Rettungsdienste zu alarmieren, und geringe Kenntnisse, welche Nummer die richtige sei - die 112 oder die 116 117.

Und wie ist die aktuelle Lage in Hessens Krankenhäusern? „Wir haben deutliche Engpässe beim Personal, zehn bis 30 Prozent der Betten können nicht betrieben werden“, sagt Thomas Menzel, Vorstandssprecher des Klinikums Fulda am Mittwochmittag. Er hatte sich gerade mit den Kolleg:innen der anderen Großversorger im Land ausgetauscht und mit den kleineren Häusern in Osthessen. Die Covid-Herbstwelle sei abgeebbt, Ende Dezember/Januar könnten die Infektionszahlen wieder steigen. Doch jetzt sind die Influenza und andere Atemwegserkrankungen unterwegs, betreffen Patient:innen und Beschäftigte gleichermaßen. „Die Hauptlast tragen die Praxen, aber auch in den Krankenhäusern ist die Lage angespannt.“ Stationen müssten in der Regel nicht geschlossen werden. Doch es komme vor, dass ein planbarer Eingriff verschoben werden müsse.

Kinderklinik ist „knallvoll“

„Das Personal ist ausgepowert, ich habe große Hochachtung vor dessen Einsatz“, sagt Menzel. Speziell die Arbeit in der Kinderklinik sei wegen der vielen RSV-Fälle extrem fordernd. „Sie ist knallvoll.“ Dass im Herbst und Winter dort mehr zu tun sei als im Sommer, sei normal. „Doch in dieser Dramatik haben wir das bis jetzt noch nicht erlebt.“ Wegen Lockdown und Maskenpflicht seien die typischen Atemwegserkrankungen in der Pandemie ausgeblieben. „Jetzt kommt alles mit doppelter Kraft zurück.“

Und wie ging es weiter mit Klaus M.? Der fühlte sich nicht nach einer halben Stunde Warteschleife. Rief aber auch nicht die 112 an. Er ließ sich zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst fahren. Dort und in der Notaufnahme nebenan wurde dem Mann mit der blutenden Stirn geholfen.

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