1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Papier über Papier

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Pitt von Bebenburg

Kommentare

Es ist keine Kunst, ein Buch zu kaufen, aber es unterzubringen, gehört zur hohen Schule der Stauraumaufteilung.
Stapel aus Papier © Imago

Möglicherweise lesen Sie diesen Artikel auf Zeitungspapier. Vielleicht rufen Sie ihn auch online ab. Die einen mögen es so, die anderen so. Immerhin: Sie haben die Wahl.

In der hessischen Landesverwaltung sieht das schon anders aus. Auch hier bestehen beide Welten, die digitale und die analoge. Aber nicht überall kann man wählen. Zum Beispiel bei der Polizei.

Die Sicherheitsbehörde habe einen „vergleichsweise hohen Papierverbrauch zu verzeichnen“, berichtet die schwarz-grüne Landesregierung auf eine Anfrage des FDP-Digitalpolitikers Oliver Stirböck. Denn Polizistinnen und Polizisten müssten alles „nachvollziehbar, rechtlich nachprüfbar und revisionssicher dokumentieren“. Das finden wir natürlich auch.

Welche ein Wort: Schrifterfordernis

Dafür gelte oft noch das „Schrifterfordernis in Papierform“, erläutert der Minister. Was für ein Wort – das „Schrifterfordernis“. Ein Begriff, der so richtig nach verstaubten Akten klingt.

Doch die Landesregierung will raus aus dem Staub und dem hohen Papierverbrauch. Das hat sie Stirböck versichert. Man beabsichtige, „so viel Papier einzusparen, wie dies einer effektiven und effizienten Arbeit der Landesregierung zuträglich“ sei.

170 Millionen Blatt in einem halben Jahr

Doch es wandert nach wie vor viel Papier über die Behördenschreibtische. Mehr als 170 Millionen Blatt hat die Landesverwaltung allein im ersten Halbjahr 2021 bestellt. Erworben für netto gut 700 000 Euro. So ungefähr jedenfalls. Denn das sind nur die elektronisch im SAP-System erfassten Papierbestellungen. Wie viel Papier noch auf Papier bestellt wurde, ist nicht bekannt.

Bei einem Pilotprojekt im Museum Keltenwelt habe sich erwiesen, „dass die Erfassung des gesamten Papierverbrauchs schon für eine Dienststelle eines erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwands bedarf“, schreibt Boddenberg. Wir haben Verständnis und malen uns aus, wie Museumsbedienstete jedes Blatt Papier notieren müssen – auf einem Blatt Papier.

Wenn es weitergegangen ist wie im ersten Halbjahr, dürfte der Verbrauch 2021 auf 340 Millionen elektronisch gezählte Blätter gesunken sein. Langsam, ganz langsam geht er zurück: Im ganzen Jahr 2019 waren es noch mehr als 360 Millionen Blatt, im Jahr 2020 ein paar weniger als 360 Millionen.

Kleiner Rückgang durch Corona

Eigentlich erstaunlich, dass der Rückgang nicht stärker ausgefallen ist in den Corona-Jahren. Denn auch in den Ministerien und Behörden des Landes sind viele Beschäftigte ins Homeoffice ausgewichen, wo sie in der Regel über keine dienstlichen Drucker für ihren Arbeitsplatz verfügen. „Dies hat zu einer deutlichen Erhöhung der papierlosen Kommunikation geführt“, ist sich Minister Boddenberg sicher.

All das lesen wir in der Drucksache 20/6272 des Hessischen Landtags. Ganz traditionell auf Papier. Der Fragesteller ist übrigens entsetzt über die Antworten. Auf elektronischem Wege hat FDP-Mann Stirböck uns seine Einschätzung zukommen lassen.

Zehn Mal Mount Everest

„Davon ausgehend, dass ein Blatt 0,1 Millimeter dick ist, bilden schon eine Million Blätter einen hundert Meter hohen Stapel“, hat er errechnet. „Würde man alle Blätter aus zweieinhalb Jahren aufeinanderstapeln, wäre das ein mehr als 89 Kilometer hoher Berg – oder anders gesagt: zehn Mal der Mount Everest!“, rechnet Stirböck vor. Die Landesregierung habe also „eine ganze Bergkette des Himalaya an Papier“ geschaffen. Auf dem Weg der Papiervermeidung steht der Landesregierung wohl noch ein Berg an Arbeit bevor.

Auch interessant

Kommentare