Gut gebrüllt

Oldies

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Wer hält länger in der Politik durch? Und was ist dafür nötig? Die Kolumne der Frankfurter Rundschau aus dem hessischen Landtag.

Wer weiß schon, ob Ministerpräsident Volker Bouffier zu den Landtagswahlen 2028 und 2033 erneut antritt? Man mag dieser Tage ja nichts mehr ausschließen. Derzeit macht der Landesvater jedenfalls den Eindruck, als habe er das Gerede über seine Nachfolge satt, das er vor einem Jahr noch selbst befördert hat. Dabei galt zumindest sein Ausscheiden zum Ende der Wahlperiode 2023 als sicher.

Ende des Monats lässt sich Bouffier als Landesvorsitzender der CDU bestätigen. Warum also sollte er nicht 2023 erneut kandidieren und 2028 wieder? Er wäre dann noch keine 77 Jahre alt.

Der am längsten amtierende Regierungschef in Deutschland ist Bouffier ohnehin schon, wenn man von Angela Merkel absieht. Aber die hat ja ihren Rückzug für 2021 angekündigt. Bouffier lässt sich alles offen. Jetzt mehr als noch vor einem Jahr.

„Ich bin froh, dass ich die Krebserkrankung überwunden habe und mit voller Kraft meine Arbeit machen kann“, sagte er im HR-Fernsehen. Fragen über einen vorzeitigen Rücktritt stellten sich „derzeit nicht“. Es sei „jetzt nicht die Zeit“, um darüber zu sprechen.

Im vergangenen Jahr hatte Bouffier Spekulationen noch selbst angeheizt. Damals antwortete er durchaus positiv auf die Frage, ob er wie sein Vorgänger Roland Koch vorzeitig aus dem Amt scheiden könnte, damit sein Nachfolger als Ministerpräsident in den Wahlkampf ziehen könnte. „Dafür spricht viel“, sagte Bouffier. Aber in Corona-Zeiten und nach dem schockierenden Tod seines designierten Nachfolgers Thomas Schäfer sieht das offenbar anders aus.

Zehn Jahre im Amt hat er auf dem Buckel. Grund zum Gratulieren für die CDU, klar. Aber auch für die SPD? Jene Partei, die nach gut zwei Jahrzehnten in der Opposition endlich mal wieder regieren will?

Ja, fand deren Partei- und Fraktionsvorsitzende Nancy Faeser, Bouffiers mögliche Nachfolgerin in der Staatskanzlei. Sie billigte dem Widersacher zu, er habe über „Glück, Geduld, Geschick und natürlich das erforderliche Maß an politischer Konsequenz und persönlicher Disziplin“ verfügt. Erstaunlich? Könnte man meinen im einst „härtesten Parlament Deutschlands“. Faeser aber findet: „Auch unter politischen Konkurrent*innen sollte es selbstverständlich sein, die Leistung des jeweils anderen zu würdigen und zu achten.“

Im Aussitzen von Skandalen macht dem Oldie ohnehin niemand mehr etwas vor, und auch als Parlamentarier ist er mit allen Wassern gewaschen. Bouffier gehört dem Landtag seit 1982 an (mit einer Unterbrechung in seiner Zeit als Staatssekretär). So lange ist sonst nur Landtagsvizepäsident Frank Lortz (CDU) dabei – und Brunhilde Schmidt.

Brunhilde wer? Draußen kennt niemand ihren Namen, aber im Landtag war die bescheidene, freundliche Schmidt stets präsent, als Botin und Frau für alles. Noch nach ihrer Pensionierung kam sie regelmäßig in die liebgewonnene Umgebung und sorgte dafür, dass niemand unbefugt in die Sitzungen platzte.

Jetzt habe sie sich entschieden, zu ihrem Sohn nach Bayern zu ziehen, berichtete Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) und verabschiedete die treue Seele mit einem Geschenk aus Höchster Porzellan. Da gab es, nach einer Woche heftiger politischer Auseinandersetzungen, den längsten Applaus – mehr als für Bouffier, Faeser und all die anderen Rednerinnen und Redner.

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