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ÖPNV in Hessen: Kein Personal fürs Stellwerk

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Von: Jutta Rippegather

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In Mainz-Kastel bleibt am Vormittag das Stellwerk unbesetzt. Züge fallen aus. Kein Einzelfall in diesem Sommer.

Wieder ist die Deutsche Bahn außerstande, eine Schicht in einem Stellwerk zu besetzen. Diesmal traf es am Mittwoch Reisende in Zügen, die von Mainz-Bischofsheim aus hätten koordiniert werden müssen. In der Zeit von 6 bis 10 Uhr gab es kein Personal für das Stellwerk. Die S-Bahn-Linie 9 konnte lediglich von Frankfurt nach Raunheim fahren und musste dort wenden, teilte eine Bahnsprecherin der Frankfurter Rundschau auf Anfrage mit. „Grund war die kurzfristige Krankmeldung eines Mitarbeiters im Stellwerk.“

Das hatte nicht alleine Auswirkungen auf die S-Bahn. Der Regionalzug einer FR-Leserin aus Frankfurt stand kurz vor Mainz-Kastel knapp eine halbe Stunde still. Statt um 10.20 Uhr erreichte die Frau die hessische Landeshauptstadt erst um 10.40 Uhr. Urlaubszeit, dazu noch ein hoher Krankenstand, unter anderem wegen Corona: Der Deutschen Bahn geht das Personal aus – nicht das erste Mal, aber im Moment auffallend häufig. Die Liste der Ausfälle wird immer länger. Erst wenige Tage vor dem Ausfall in Mainz-Kastel blieb das Stellwerk in Frankfurt-Süd leer. Betroffen: die S-Bahn-Linien 4 und 6. Von Mittwoch, 10., bis Sonntag, 14. August, kam es jeweils zwischen 20 und 6 Uhr zu Ausfällen. Züge der S4 fuhren von Gleis 102 am Hauptbahnhof Frankfurt nach Kronberg ab.

Im Stellwerk Frankfurt-Süd wird ein Teil des S-Bahn- und Regio-Verkehrs für Rhein-Main koordiniert - laut Bahn von „spezialisierten Fahrdienstleitern“. Und die sind rar. Ein weiteres Beispiel aus diesem Sommer: Mitte Juli stand wegen einer Krankmeldung der Betrieb im Stellwerk Hanau-Rauschsiedlung still. Die Stadt war von Friedberg oder Kassel aus nicht zu erreichen. Der Fahrgastverband Pro Bahn macht eine „verfehlte Personalpolitik“ für das Desaster verantwortlich. Und eine Verkehrspolitik, die auf Teufel komm raus auf Wettbewerb setzt. Der habe dazu geführt, dass die Unternehmen keine Reserven vorhalten könnten – nicht beim Personal und auch nicht im Fahrzeugpark. Ausschreibungen gewinne, wer am billigsten sei.

Hohe Krankenstände

Die Bahn verweist auf die erhöhten Krankenstände. „Wir entschuldigen uns bei unseren Reisenden für die damit verbundenen Unannehmlichkeiten und bitten um Verständnis.“ Das Unternehmen habe seine Einstellungsoffensive „gerade auch in Corona-Zeiten“ kontinuierlich fortgesetzt. Im vergangenen Jahr seien bundesweit 22 000 neue Beschäftigte hinzugekommen. Und: „4200 Jobzusagen gab es in Hessen.“ Nach Bahnangaben sind in den bundesweit 2600 Stellwerken rund 13 000 Fahrdienstleiter:innen im Einsatz. Ihre Hauptaufgabe ist das Stellen von Weichen und Signalen.

Die Zukunft gehöre den digitalen Stellwerken. Charakteristisch für die neue Generation sei, dass die individuellen Verbindungen zu einzelnen Stellelementen über teils kilometerlange Kabelbündel entfallen. Fahrdienstleiter:innen könnten dank der digitalen Technik große Bereiche komfortabel an einem Bildschirmarbeitsplatz überwachen, Signal und Weichen per Mausklick stellen.

In Zukunft sollen einige Hundert digitale Stellwerke den Bahnbetrieb in der Republik verlässlich steuern. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg: 2018 ging in Annaberg-Buchholz das erste in Betrieb. Bis Ende nächsten Jahres sollen es fünf sein.

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