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NS-Zeit in Hessen: Die ärztliche Machtposition gnadenlos missbraucht

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Von: Jutta Rippegather

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Therese war 16 Jahre alt, als sie nach Riedstadt kam. Mit 18 wurde sie sterilisiert. Landeswohlfahrtsverband Hessen
Therese war 16 Jahre alt, als sie nach Riedstadt kam. Mit 18 wurde sie sterilisiert. © Landeswohlfahrtverband

Olaf Völker gibt Opfern der Zwangssterilisation in der Nazizeit ein Gesicht. Es reichten dubiosen Diagnosen, der Eingriff war politisch motiviert.

Therese ist gerade 16 Jahre alt, als sie im Jahr 1932 in die Heil- und Pflegeanstalt Riedstadt überwiesen wird. „Erbliche Fallsucht“ lautet die Diagnose. Ihre Gefühle vertraut sie in Versform ihrem Tagebuch an: „Mein Herz ist verschlossen; und keiner weis was drin, ich darf auch niemand fragen, mir selbst will es nicht in den Sinn.“

Potenzielle Erbkranke

Keine zwei Jahre später ist ihre Zukunft besiegelt: Als potenzielle „Erbkranke“ soll sie keine Kinder bekommen dürfen. Bedingung für eine möglichen Entlassung sei die Sterilisation. Zur Begründung zitiert die Anstaltsleitung aus Thereses Fürsorgeakte: „Großmutter väterlicherseits Trinker. Der Vater soll vor dem Tod schwere psychische Erscheinungen geboten haben.“

Das Verbrechen an Therese geht unter die Haut. Wie das der anderen 13 Frauen aus den Psychiatrien in Riedstadt-Goddelau und Alzey, die das Nazi-Regime zwangsweise unfruchtbar machte. Eine zufällige Auswahl aus einer Gruppe unbekannter Zahl. Der Frankfurter Arzt Olaf Völker hat ihnen mit Porträtfotos und ihren individuellen Geschichten im Wortsinn ein Gesicht gegeben. Seine jetzt als Buch veröffentlichte Doktorarbeit versteht er auch als Mahnung an seine Profession. Als Zeugnis dafür, wie leicht ärztliches Handeln sich durch politischen Einfluss ändern kann, wie er in der Dokumentation schreibt.

Sechs Jahre hat der angehende Internist in Archiven geforscht, Patientenakten gesichtet, Veröffentlichungen studiert. Am spannendsten, sagt er, war der biografische Teil. Wie Menschen mit der Situation umgingen, in die sie oft unverschuldet gerieten. Ein Ansporn für ihn, sichtbar zu machen, mit welchen dubiosen Diagnosen Männern und Frauen das Recht abgesprochen wurde, Familien zu gründen.

Unter den 14 von ihm beschrieben Opfern waren Mütter, die dem Eingriff zustimmten, weil sie zu ihren Familien zurückwollten. Frauen, die ihrem Leben ein Ende bereiteten, weil sie die Verstümmelung nicht ertrugen. Und auch solche, die an den Folgen der Operation starben.

Die Sterilisation von Therese und den anderen Psychiatriepatientinnen erfolgte in der Hebammenlehranstalt Mainz. Deren Akten verwaltet das jetzt dort beheimatete Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin der Mainzer Universität. Auch in Riedstadt sichtete Völker Krankenakten. Ein reicher biografischer Schatz. „Man kommt den Menschen näher, wenn man ihre Briefe liest, ihre Akten, ihre Aussagen.“ Der interessanteste Teil der Arbeit für ihn, der Geschichten erzählen will „von Menschen, denen unverschuldet großes Leid zugefügt wurde“. Er klammert auch nicht die Rolle des Arztes aus. „Im Verhältnis zum Patienten befindet er sich in einer Machtposition.“ Der Anstaltsarzt handelt wider den Eid des Hippokrates, stellt politisch motivierte Diagnosen ohne fundierten wissenschaftlichen Hintergrund.

Das Buch

Olaf Völker: Zwangssterilisation an Psychiatrieinsassinnen in Mainz 1933 bis 1945.

Mainzer University Press.

Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau macht Völker einen Zeitsprung zum Heute: „Dieses Machtverhältnis besteht immer noch, auch wenn man als Patient autonom ist. Man begibt sich vertrauensvoll in ein Verhältnis zu dem Arzt und hofft, dass er das Beste für einen erwirkt.“ Eine Tatsache, der sich seine Profession stets bewusst sei sollte. „Es tut der Ärzteschaft generell nicht schlecht, wenn man sich immer wieder einmal daran erinnert, in was für einer Position sie ist und was das eigene Handeln auslöst.“

Psychische Diagnose als Stigma

Weil die Opfer ohne Nachfahren blieben, haben sie kaum eine Stimme. Bei der Aufarbeitung der Euthanasie wurde das Thema zunächst ausgeklammert. Erst in den 80er Jahren kam es hoch. Es ist schambesetzt, viele Überlebende schwiegen, sagt Völker. „Bis heute ist eine psychiatrische Diagnose ein Stigma. Deshalb geht man nicht an die Öffentlichkeit.“

Noch in den 60er Jahren wurden Behinderte sterilisiert. Die „Kontinuität in den behandelnden Personen“, wie es Völker ausdrückt, machte es möglich. „Von den medizinischen Autoritäten haben sich viele in die Bundesrepublik gerettet und in Schlüsselpositionen Lehrmeinungen vertreten, die diesen Diskurs der Eugenik fortgeführt haben.“

Spurensuche in Hessen: Die Dauerausstellung der Gedenkstätte Hadamar legt den Schwerpunkt auf die Euthanasie. „Im Fokus der Vermittlungsarbeit steht die Biografie der Ermordeten“, sagt Leiterin Judith Sucher. Schon jetzt gibt es einen kleinen Teil, der sich mit Zwangssterilisation beschäftigt. Der soll in der neuen Schau größer werden, die derzeit konzipiert wird. Ein eigenständiges Forschungsprojekt zu dem Projekt ist Sucher nicht bekannt.

In der Broschüre zur Ausstellung in Hadamar ist ein Beitrag über Klara Nowak zu finden, eine große Kämpferin für die Anerkennung des Unrechts an Zwangssterilisierten. Eine von wenigen, die ihr Schweigen brachen und anderen als Vorbild dienten, ihrem Beispiel zu folgen. Die Entwürdigungen in der Psychiatrie und Zwangssterilisation hatten die Berlinerin nachhaltig traumatisiert. 1987 gründete sie mit anderen Betroffenen den Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten. Die Gründung der Opferorganisation sei ihr Lebenswerk gewesen. „Und es scheint ihr Wunsch gewesen zu sein, dass wir sie nur durch diese Aktivitäten als Mensch kennenlernen sollen und so ihr Lebenswerk würdigen“, heißt es in der Broschüre.

Olaf Völker: Zwangssterilisation an Psychiatrieinsassinnen in Mainz 1933 bis 1945, Mainzer University Press.

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