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Überraschend ganz nach vorn. Sebastian Schaub aus Limburg will als Parteivorsitzender die Grünen zur stärksten Partei in Hessen machen.
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Überraschend ganz nach vorn. Sebastian Schaub aus Limburg will als Parteivorsitzender die Grünen zur stärksten Partei in Hessen machen.

Hessische Grüne

Neuer Grünen-Parteichef: „Die Bevölkerung muss mitgehen können“

  • Peter Hanack
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  • Pitt von Bebenburg
    Pitt von Bebenburg
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Der neue Ko-Parteivorsitzende der Grünen in Hessen, Sebastian Schaub, weiß, dass Veränderungen Zeit brauchen. Aber er ist zugleich auch ungeduldig, wenn es um die Verkehrswende und Klimagerechtigkeit geht. Seine Wahl kam überraschend.

Herr Schaub, Sie haben als Ziel ausgegeben, eine grüne Ministerpräsidentin oder einen grünen Ministerpräsidenten in die hessische Staatskanzlei zu bringen. Wie wollen Sie das schaffen?

Ich möchte, dass wir als Grüne so stark wie möglich werden. Um das zu schaffen, möchte ich an die Dinge anknüpfen, die wir im Kommunalwahlkampf richtig gemacht haben.

Nämlich welche?

Wir sind viel rausgegangen zu den Bürgerinnen und Bürgern und haben uns angehört, was deren Nöte sind vor Ort. Es geht darum, dass wir Themen aufnehmen und in Bewegung bringen. Wir wollen uns mit den Bürgerinnen und Bürgern auf den Weg machen.

Sie sind beim Grünen-Landesparteitag als Basiskandidat gewählt worden, gegen den jungen, aber schon etablierten Bundestagsabgeordneten Philip Krämer. Waren Sie überrascht?

Ja, allerdings, das war so.

Wie verstehen Sie den Auftrag der Basis?

Ich bin angetreten, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir einen Landesvorsitzenden brauchen, der sich voll auf die nächsten zwei Jahre konzentrieren kann. Dieser Landtagswahlkampf wird der wichtigste, den wir je gehabt haben. Wir haben sehr viele grüne Themen, die wir endlich voranbringen können, beim Wirtschaftsumbau oder gegen den Klimawandel.

Eine Revolte? „Nein“

Ist Ihre Wahl auch eine kleine Revolte gewesen gegen das Establishment in der Partei?

Nein. Das war eher ein Angebot, dass ich das Amt in Vollzeit ausüben kann. Philip Krämer ist jemand, der einen sehr guten Job gemacht hat. Er hatte sich dazu entschlossen, das künftig als Bundestagsabgeordneter zwischen Berlin und Wiesbaden zu machen. Ich kann mich jetzt ganz nur dieser Aufgabe als Parteivorsitzender widmen.

Was wollen Sie voranbringen?

Mir geht es um die Verkehrswende. Mit Elektroautos sind die Probleme nicht gelöst. Wir müssen den Umbau des gesamten Verkehrssektors voranbringen. Um es konkret zu machen: Wir erleben, dass ganz neue Techniken öffentlichen Verkehr in einer ganz neuen Dimension möglich machen. Selbstfahrende Autos sind nur ein Beispiel dafür. Durch Corona hat sich der Trend zurück aufs Land verstärkt. Wir reaktivieren Bahnstrecken im ländlichen Raum, wo wieder öffentliche Verkehre nutzbar werden. Wir merken doch, dass das Auto an seine Grenzen stößt. Das müssen wir gemeinsam angehen.

Der gleichen Meinung wie die Protestierer im Dannenröder Forst

Vieles hat sich an der symbolträchtigen Auseinandersetzung im Dannenröder Forst festgemacht. Welche Impulse nehmen Sie daraus mit?

Das Wichtige ist, dass wir in Zukunft, wenn solche Entscheidungen anstehen, parlamentarische Mehrheiten brauchen, um sie mitzugestalten. Das Abholzen des Dannenröder Forsts, der Bau der A49, das sind Entscheidungen, die ohne die Grünen getroffen wurden. Die müssen wir jetzt umsetzen, obwohl die Grünen immer dagegen gekämpft haben. Das macht die Diskussionen so schwierig. Es ist nicht so, dass wir mit den Leuten, die protestieren, unterschiedlicher Meinung wären. Wir sind der gleichen Meinung. Aber in einer Demokratie müssen Politikerinnen und Politiker rechtskräftige Entscheidungen auch respektieren, die sie nicht selbst getroffen haben.

Die hessischen Grünen haben enorm an Mitgliedern gewonnen. Worauf führen Sie das zurück?

Ich glaube, dass wir als Partei eine hohe Attraktivität haben. Wir haben basisdemokratische Strukturen. Wir haben Politikerinnen und Politiker, die keine Berührungsängste haben.

ZUR Person

Sebastian Schaub (51) ist bei der Mitgliederversammlung der hessischen Grünen überraschend zum neuen Parteivorsitzenden gewählt worden. Er teilt sich die Aufgabe in den nächsten zwei Jahren mit der wiedergewählten Ko-Vorsitzenden Sigrid Erfurth (65).

Im vierten Wahlgang setzte er sich gegen den bisherigen Ko-Vorsitzenden Philipp Krämer durch, der im September in den Deutschen Bundestag gewählt wurde.

Seit 2016 ist Schaub Mitglied des Limburger Stadtparlaments, seit 2018 ist er dort Fraktionssprecher der Grünen. Außerdem gehört er dem Limburger Ortsvorstand an und ist Beisitzer im Kreisvorstand von Limburg-Weilburg.

Der promovierte Betriebswirt arbeitet seit 2009 als Unternehmensberater. Er lebt in Limburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder. pgh

Könnte es auch an Themen liegen?

Natürlich, wir gehen die Themen an, die die Herausforderungen unserer Zeit sind, ob es um Klimawende geht oder um Verkehrswende. Die vertreten wir seit 40 Jahren, und die werden zunehmend in der Gesellschaft als relevant wahrgenommen. Es geht auch um Themen, die junge Leute ansprechen, um Generationengerechtigkeit, um Klimagerechtigkeit.

Wie ungeduldig sind Sie bei solchen Fragen?

Politik ist ein sehr langfristiger Prozess, das sehe ich schon bei mir in der Kommunalpolitik. Ja, ich bin ungeduldig. Aber ich weiß: Wenn wir diesen Wechsel erreichen wollen, den wir anstreben, dann müssen wir es so machen, dass die gesamte Bevölkerung mitgehen kann und mitgehen möchte. Dafür brauchen wir Zeit und Geduld, und wir müssen mit den Leuten sprechen.

Kann es Ihnen auf die Füße fallen, dass die Leute in zwei Jahren bei der Landtagswahl sagen: Jetzt regieren die Grünen im Bund und es hat sich immer noch nichts verändert?

Das kann passieren. Aber ich finde, dass wir mit dem Koalitionsvertrag die Chance haben, wirklich etwas zu bewegen.

„Gute Ministerien bekommen“

Wie soll das gehen mit einem Bundesverkehrsminister von der FDP?

Das Verkehrsministerium wäre wünschenswert gewesen. Aber dass wir nicht alle Ministerien besetzen können, war klar. Ich glaube, dass wir für die Dinge, die wir ansprechen wollen, schon gute Ministerien bekommen haben. Wir werden sehr viele Dinge tatsächlich umsetzen können, die wir uns in Sachen Klimapolitik auf die Fahnen geschrieben haben.

Wie bekommen Sie den ehrenamtlichen Parteivorsitz unter einen Hut mit Ihrer beruflichen Arbeit?

Ich habe die Möglichkeit, als Unternehmensberater projektbezogen zu arbeiten. Daher habe ich mit meinem Arbeitgeber vereinbart, die nächsten anderthalb oder zwei Jahre nur sehr wenige Projekte anzunehmen. Ich habe angekündigt, dass ich mich um den Landesvorsitz voll umfänglich kümmern werde, und das werde ich auch tun.

Kommen wir noch einmal auf den Anfang zurück: In zwei Jahren ist Landtagswahl in Hessen. Wie geht sie aus?

Ich hoffe, die Grünen stellen dann die stärkste Fraktion. Darauf möchte ich hinarbeiten. Dann überlegen wir uns die nächsten Schritte. Natürlich finde ich es toll, dass Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann einen Grünen als Ministerpräsidenten hat.

„Manchmal kann man grüner sein als Kretschmann“

Sind Sie Kretschmann-Fan?

Ich finde, dass er das sehr gut gemacht hat als Landesvater. Ich muss dazu sagen: Ich finde nicht alle seine Positionen gut. Manchmal kann man grüner sein in der einen oder anderen Frage.

Weil er sich als Grüner so für den Autobauer Daimler stark macht?

Zum Beispiel, das wäre so ein Punkt.

Interview: Pitt von Bebenburg und Peter Hanack

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