1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Was kommt nach dem Neun-Euro-Ticket? Zuspruch für dauerhafte Bahn-Flatrate

Erstellt:

Von: Jutta Rippegather

Kommentare

Das Neun-Euro-Ticket soll kein Strohfeuer bleiben. Doch die Bedingungen müssen sich bessern.

Frankfurt – Der Fahrgastverband Pro Bahn plädiert für ein dreistufiges Flatratemodell, der Rhein-Main-Verkehrsverbund für eine 69-Euro-Monatsfahrkarte. Und die hessischen Grünen schlagen als ersten Schritt ein 365-Euro-Ticket für Menschen mit niedrigem Einkommen vor – auf Kosten des Bunds, wie Fraktionschef Mathias Wagner betont.

Die Varianten sind zahlreich. Der Tenor ist einheitlich: Es muss ein Ersatz her für die Zeit nach August, wenn es kein Neun-Euro-Ticket mehr gibt. Eine Anschlusslösung, die günstig ist und unkompliziert. Doch es gibt auch eine Gruppe, die dem Ende des dreimonatigen Angebots Positives abgewinnen kann: die Beschäftigten, die den Unmut der Fahrgäste über volle Zügen über sich ergehen lassen müssen.

Bahnfahren in Hessen: „Aggressivität der Fahrgäste nimmt seit Jahren zu“

„Die Aggressivität der Fahrgäste nimmt seit Jahren zu und die Mitarbeiter sind oft der erste Blitzableiter“, sagt Rudolf Schultheis, Bezirksvorsitzender der Eisenbahnergewerkschaft GDL. Und, dass es speziell in den Bahnen im Rhein-Main-Gebiet oft sehr eng werde. „Die Maskenpflicht zu kontrollieren, ist manchmal fast unmöglich.“

Jemand hält ein 9-Euro-Ticket in der Hand. Im Hintergrund ist ein Zug der Deutschen Bahn zu sehen.
Die Varianten sind zahlreich. Der Tenor ist einheitlich: Es muss ein Ersatz her für die Zeit nach August. © Soeren Stache/dpa

Fahrgastlobby, Verkehrsbranche, Sozialverbände – niemand stellt den Erfolg des dreimonatigen Sonderangebots grundsätzlich infrage. Auch nicht die Gewerkschaft. „Wir begrüßen alles, was der Umwelt guttut“, sagt Schultheis. Doch mehr Vorlauf wäre besser gewesen statt eines „Schnellschusses“, mit dem die Ampelkoalition in Berlin die von den hohen Energiepreisen gebeutelte Bevölkerung entlastet. Auch das Timing sei suboptimal. „Wir sind in der Urlaubszeit, die Leute haben viel Freizeit.“ Und eben mal einen zusätzlichen Wagen an den Regionalzug hängen - das sei nicht machbar.

Deutsche Bahn: Personal in Stellwerken fehlt

Ferienzeit heißt zudem, dass es bei den mit Personal ohnehin nicht üppig ausgestatteten Verkehrsunternehmen noch mal enger wird. Cantus zum Beispiel musste am vergangenen Wochenende knapp 40 Verbindungen in Nord- und Osthessen streichen. Selbst um Ersatzbussen zu lenken, fehlten Leute. Bei der Deutschen Bahn machen regelmäßig die Stellwerke von sich reden. Vor zwei Wochen etwa konnten wegen einer Krankmeldung keine Züge aus Friedberg oder Kassel Hanau erreichen. Es kam zu Zugausfällen und Verspätungen. Kein Einzelfall, sagt Klaus Zecher von Pro Bahn Hessen: „Das sind Folgen einer verfehlten Personalpolitik.“ Der Wettbewerb habe dazu geführt, dass die Verkehrsunternehmen keine Reserven vorhalten könnten – nicht beim Personal und auch nicht im Fahrzeugpark. Ausschreibungen gewinne, wer am billigsten sei. „Das führt dann teilweise zum Chaos.“

Nach Beobachtung von Pro Bahn hat das Neun-Euro-Ticket neben dem günstigen Preis den großen Vorteil des grenzenlosen Reisens. „Der Tarifdschungel in Deutschland ist normalerweise eine große Hürde“, sagt Zecher. Es sei wie einst im Kaiserreich: „Jeder Verbund hat sein eigenes Fürstentum“, das Interesse der Reisenden gerate dabei in den Hintergrund. Der Landesverband schlägt als Nachfolgemodell eine dreistufige Flatrate vor, die sich an den individuellen Bedürfnissen ausrichtet: eine Regio-Variante, etwa für das Rhein-Main-Gebiet. Eine Bundesland-plus-Flatrate, die Hessen und zwei weitere Bundesländer umfasst. Und eine bundesweit in allen öffentlichen Nahverkehrsmitteln gültige Karte. Der Preis müsse für alle erschwinglich und von der Mehrheit akzeptiert werden.

ÖPNV in Hessen: RMV freut sich dank Neun-Euro-Ticket über große Nachfrage

Von einem Einheitsangebot hält Pro Bahn nichts und erteilt damit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) eine Absage, der sich dem Vorschlag des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen nach einer bundesweit gültigen 69-Euro-Monatskarte anschließt. Nach einem Einbruch der Fahrgastzahlen von bis zu 70 Prozent in der Pandemie sieht der RMV sich wieder auf Erfolgskurs. „Mit dem Neun-Euro-Ticket haben wir die Vor-Corona-Nachfrage so schnell wieder erreicht, wie es wohl niemand erwartet hat“, sagt Geschäftsführer Knut Ringat.

Höhere Nachfrage gebe es vor allem auf der Schiene im Freizeitverkehr – auf schnellen Regionalexpressverbindungen sowie in touristischen Regionen. Das Experiment habe gezeigt, dass es mehr Schienen und zusätzlicher Fahrzeuge bedürfe. „Es liegt nun an der Politik, ein attraktives Nachfolgeangebot zu schaffen, das Streckennetz auszubauen und die Finanzierung eines leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehrs dauerhaft zu sichern.“ (Jutta Rippegather)

In Darmstadt fahren ab September bestimmte Menschen kostenlos Bus und Bahn.

Auch interessant

Kommentare