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Rajni Kerber ist Referentin für Gesundheitsförderung in der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit in der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung in Frankfurt.
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Rajni Kerber ist Referentin für Gesundheitsförderung in der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit in der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung in Frankfurt.

Corona

Nach Corona: „Es braucht Kümmerer für die Gesundheitsförderung“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Rajni Kerber über die Pandemie und wie sozial Benachteiligte erreicht werden können. Der Neuanfang sei auch eine Chance, dem Thema mehr Gewicht zu verleihen.

Wo Geringverdienende wohnen, stecken sich besonders viele Menschen an. Köln geht das Problem offen an und schickt mobile Impfteams in den Stadtteil Chorweiler. Frankfurt führt nicht einmal eine nach Stadtvierteln differenzierende Statistik. „Brennglas Corona: Bruchstelle der Gesellschaft?!“ heißt eine Dialogreihe, in der Experte:innen aus Wissenschaft und Praxis eine erste Bilanz der Pandemie ziehen und Zukunftsvisionen entwickeln. Veranstalterin ist die Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (Hage). Rajni Kerber ist dort zuständig für das Thema gesundheitliche Chancengleichheit.

Frau Kerber, die Pandemie hat wieder einmal gezeigt, dass in Deutschland die Chancen auf ein gesundes Leben ungleich verteilt sind. Was sind die Ursachen?

Menschen mit einem niedrigen ökonomischen Status haben oft eine niedrigere Bildung, ein geringeres Einkommen und eine niedrigere berufliche Stellung. Sie sind häufiger von gesundheitlichen Einschränkungen betroffen. Sie weisen häufiger ein riskanteres Gesundheitsverhalten auf, zum Beispiel durch einen höheren Alkohol- und Tabakkonsum. Sie treiben weniger Sport und bewegen sich auch sonst weniger und leben häufiger in schlechten Wohnverhältnissen, etwa engen Wohnräumen, wo sie Lärm und schlechter Luftqualität ausgesetzt sind.

All dies ist seit Jahren bekannt. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Situation zu verbessern. Wo setzen Sie an?

Wir beobachten, dass sozial benachteiligte Menschen über weniger Ressourcen verfügen, den Belastungen entgegenzuwirken. Wir verfolgen einen ressourcenorientierten Ansatz. Wir möchten allen Menschen die Möglichkeit eröffnen, an Gesundheitsangeboten teilzuhaben. Zum Beispiel die Alleinerziehenden, deren Situation mehrere Risikofaktoren mit sich bringt. Sie haben die finanzielle Verantwortung, müssen die Familiensituation managen, haben weniger Zeit für das Kind, sich zu erholen oder an Angeboten für Familien teilzunehmen. Sie sind auf ein großes Netzwerk vor Ort angewiesen, das sie in Schule und Kita unterstützt.

Viele dieser Angebote sind in der Pandemie weggebrochen. Wie ist die Lage aktuell vor Ort?

Viele soziale Einrichtungen wurden geschlossen. Das ist ein großes Problem. Die Tafel, Beratungsstellen für Familien, Freizeitangebote wie Stadtteilzentren, Familienzentren oder Mehrgenerationenhäuser sind zu. Die Akteur:innen vor Ort versuchen, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Sie haben viele tolle digitale und andere Möglichkeiten entwickelt. Es gab die Idee der Seniorenpost, das sind Briefe mit Informationen und auch Tipps, wie man soziale Kontakte haben kann. Als Ersatz für Gruppenangebote traten Telefonate oder Spaziergänge mit einzelnen Familien. Diese benötigen weiterhin Unterstützung, bis hin zum Beantragen von Geldern.

In der nächsten Woche beginnt die Hage eine Dialogreihe mit dem Titel „Brennglas Corona: Bruchstelle der Gesellschaft?!“. Was ist der Anlass?

Der Bedarf, sich über die aktuelle Situation auszutauschen, voneinander zu lernen, ist groß. Es gibt neue Studien, die gerade im Hinblick auf die Erreichbarkeit Benachteiligter während der Pandemie interessant sein können. Wir wollen für die Themen sensibilisieren und auf die besonderen Herausforderungen aufmerksam machen. Es kommen Wissenschaftler zu Wort sowie Praktiker mit guten Bespielen.

Zur PersoN

Rajni Kerber ist Referentin für Gesundheitsförderung in der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit in der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (Hage) in Frankfurt.

Die Koordinierungsstelle ist Teil eines bundesweiten Verbundes, wird gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, den Gesetzlichen Krankenversicherungen sowie dem Hessischen Sozialministerium. jur

www.hage.de

Bruchstelle ist ein starkes Wort. Hat die Pandemie die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergerissen?

Die Datenlage ist hierzu noch unzureichend. Doch erste Forschungsergebnisse zeigen, dass gerade sozial Benachteiligte noch stärker von der Pandemie betroffen sind. Deshalb ist das auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wir müssen einen besonderen Blick auf die Gesellschaft und die Problemlagen werfen und die Folgen frühzeitig abschätzen. Gemeinsam müssen wir diskutieren, mit welchen Angeboten eine gesunde Lebenswelt in Zukunft geschaffen werden kann.

Sie werden also Zukunftsvisionen entwickeln. Wo würden Sie persönlich als Erstes anpacken?

Es braucht Kümmerer vor Ort für das Thema Gesundheitsförderung. Viele, die sich dafür ursprünglich engagierten, sind jetzt in der Corona-Pandemie in der Kontaktverfolgung eingesetzt. Da müssen wieder Ressourcen geschaffen werden. Und schon frühzeitig muss ein Netzwerk geschaffen werden, welches sich Gedanken über die Herausforderungen macht. Sinnvoll ist es, aus verschiedenen Perspektiven auf die Problemlagen zu schauen. Eingebunden werden müssen verschiedene Ressorts wie Bildung, Jugend, Soziales, Gesundheit, Wohnungsamt. Sie müssen gemeinsam gute Gesundheitsangebote und Strategien entwickeln, damit wir wieder alle Menschen gut erreichen und jeder die Möglichkeit hat, gesund zu leben.

Also auch eine Chance auf einen Neuanfang, weil die Pandemie sichtbar gemacht hat, dass eine gewisse Bevölkerungsgruppe durchs Raster fällt?

Auf jeden Fall ist es eine Chance, dass das Thema gesundheitliche Chancengleichheit in aller Munde ist. Dass jeder sieht, wie wichtig es ist, frühzeitig in Prävention und Gesundheitsförderung zu investieren. Und dass wir jetzt gute Konzepte entwickeln, Hand in Hand arbeiten müssen. Praktiker:innen und Politik müssen jetzt gemeinsam diskutieren, was in der Kommune umsetzbar ist. Wichtig ist es, regionale und bedarfsgerechte Angebote zu schaffen.

Was halten Sie von mobilen Impfangebote, die zu den Menschen kommen?

Grundsätzlich müssen die Angebote niederschwellig sein, wohnortnah, barrierefrei und für jeden offen. Das bedeutet auch, dass Informationen gut aufbereitet und Zugänge geschaffen werden.

Interview: Jutta Rippegather

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