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Bangt nun: Ali Naveed.
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Bangt nun: Ali Naveed.

Asyl

Mittelhessen: Pflegehelfer soll trotz Integration abgeschoben werden

  • Steven Micksch
    VonSteven Micksch
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Der Pakistaner Ali Naveed ist beliebt und gut integriert. Dennoch soll er Deutschland verlassen. Das letzte Wort hat Hessens Innenminister Peter Beuth.

Ali Naveed hat eine ruhige, freundliche und hilfsbereite Art, ist einfühlsam und zuvorkommend. Das bescheinigen ihm seine Kolleginnen und Kollegen, mit denen er seit drei Jahren in einer Pflegeeinrichtung für Seniorinnen und Senioren in Lollar (Landkreis Gießen) zusammenarbeitet. Aber Naveed ist kein Deutscher. Und er ist auch kein Geflüchteter, dessen Herkunftsland aus Sicht der deutschen Behörden zu unsicher ist, sondern stammt aus Pakistan. Deshalb soll Naveed weg, raus aus Hessen, raus aus Deutschland. Gelungene Integration hin oder her.

Der 38-Jährige kommt im Oktober 2014 nach Deutschland und stellt einen Antrag auf Asyl. Der wird zwei Jahre später abgelehnt, doch Naveed geht in Berufung. 2017 macht er ein Praktikum in der Altenpflege und beginnt Anfang 2018 für 30 Stunden pro Woche als Altenpflegehelfer zu arbeiten. Im Juli 2020 erhält er einen unbefristeten Vertrag, jetzt ist er in Vollzeit tätig. Zu jener Zeit lehnt das Verwaltungsgericht seine Berufung ab. Die persönlichen Gründe, warum er nicht mehr nach Pakistan könne, reichten nicht für eine Anerkennung aus. Seitdem ist Naveed nur noch geduldet.

Eine Petition im Landtag bleibt ohne Erfolg. Sein Anwalt Jan Plischke stellt einen Antrag auf Härtefall bei der zuständigen Kommission. Doch auch dieser wird abgelehnt, weil es zu diesem Zeitpunkt schon konkrete Abschiebepläne für den Pakistaner gibt. Ausnahmen lässt der Paragraf 23a des Aufenthaltsgesetzes zwar zu, doch zumindest in diesem Fall wird keine gemacht.

Naveeds Duldung ist am 25. November ausgelaufen, die letzte Möglichkeit zur „freiwilligen“ Ausreise war auf den 6. Dezember terminiert. Am 24. November ging Naveed deshalb ins Kirchenasyl. „Es bestand die Gefahr, dass er nach Ablauf der Duldung in Abschiebehaft genommen wird“, sagt sein Anwalt. Die Diakonie Hessen hat dem 38-Jährigen Obdach gegeben.

Besonders pikant an dem Fall: Von Januar dieses Jahres an hätte Naveed wohl Anspruch auf eine Beschäftigungsduldung gehabt. Dann hätte er nämlich die 18 Monate Vorbeschäftigungszeit in Vollzeit erfüllt gehabt, sagt Jan Plischke. „Dass dies nun mit der Abschiebung so kurz vor knapp verhindert werden soll, wäre vor drei Jahren nicht denkbar gewesen.“ Aber die Zeit der breiten Willkommenskultur ist vorbei.

„Da wird nicht mehr nach der Perspektive geschaut, sondern es geht darum, die Menschen loszuwerden“, sagt Plischke. Kurios, weil gerade bei Naveed ein zweiter Blick gelohnt hätte. Der 38-Jährige kommt seit 2018 für seinen Lebensunterhalt vollständig selber auf. Und er arbeitet in der Pflege, wo seit geraumer Zeit und in der Corona-Zeit nochmals verstärkt ein Personalnotstand herrscht.

Er habe sich in seinem Betrieb unentbehrlich gemacht und erfreue sich größter Beliebtheit bei der Bewohnerschaft, seinen Kolleginnen und Kollegen sowie seinem Arbeitgeber. Den Bewohnerinnen und Bewohnern falle seine Abwesenheit auf, berichtet eine Mitarbeiterin. „Wenn Ali abgeschoben wird, verlieren wir nicht nur einen wertvollen Mitarbeiter, sondern auch einen Freund, einen engagierten Menschen, der sich bereits eine neue Existenz aufgebaut hat. Einen liebevollen, jungen Mann, der sich in der Altenpflege mit Erfolg eingearbeitet hat“, schreibt sie der FR.

Die gute Integration des Mannes werde nicht honoriert, bemängelt Plischke. Man könne nicht unberücksichtigt lassen, dass sich Menschen während der langen Wartezeit bis zur Entscheidung im Asylverfahren Arbeit suchen und Teil der Gesellschaft werden. Eine Hoffnung auf Wiederkehr gebe es für Naveed nicht. Sein Bildungsabschluss genüge nicht den hiesigen Anforderungen für die Aufnahme einer qualifizierten Berufsausbildung. Daher könne er auch kein Visum als Fachkraft erhalten.

Seit Mitte Dezember ist der Pakistaner wieder aus dem Kirchenasyl zurück. Sein Anwalt hat einen erneuten Härtefallantrag gestellt. Zunächst muss nun über dessen Zulässigkeit entschieden werden. Anschließend bewertet die Kommission, ob Naveeds Umstände ausreichen, um ihm den Aufenthalt zu erlauben. Das letzte Wort hat Innenminister Peter Beuth (CDU). Die Kommission kann ihm lediglich empfehlen, eine Aufenthaltserlaubnis zu erteilen. Ali Naveed hofft nun. Und die Menschen, die ihn kennen, ebenfalls.

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