Henni Nachtsheim.
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Henni Nachtsheim.

Gastbeitrag

Mit Gebabbel der Furcht trotzen

Von Henni Nachtsheim, Musiker, Comedian und Schriftsteller, unter anderem beim Comedy-Duo Badesalz und bei den Rodgau Monotones.

Liebes Hessen, die Vorgabe für diesen Text ist ja die Frage, was wohl aus dir wird. Das ist, nicht nur wegen Corona, schwierig zu beantworten. Denn genauso wenig wie ich weiß, wann wir dieses Virus mal im Griff haben werden, weiß ich z.B. nicht wie – sagen wir mal – in zwanzig Jahren die politischen Verhältnisse sein werden.

Ist Tarek Al-Wazir dann grüner Ministerpräsident oder hat er sich nach verlorener Wahl in seine Heimatstadt nach Offenbach zurückgezogen, um dort als Vorstandsvorsitzender den OFC zurück in die 1. Bundesliga zu führen? Genauso wenig kann ich einschätzen, was z. B. aus deinem Wald wird oder wo es mit deiner wirtschaftlichen Entwicklung hingeht.

Also sollte ich besser über Dinge schreiben, von denen ich etwas mehr weiß. Hessisches Gebabbel zum Beispiel. Wobei ich mir da schon gewisse Sorgen mache, denn ich habe das Gefühl, dass es mit dem Dialekt weniger wird. Und genau deswegen bin ich dankbar, dass das hessische Kultusministerium jetzt bei der hiesigen VHS (Volkshochschule) hessenspezifische Kurse installiert hat, die das Dialektsterben verhindern sollen. Besonders gut finde ich die sogenannten „SCH-Kurse“, in denen wir Hessen lernen, SCHs auch in Wörter reinzuzimmern, in denen eigentlich gar keines vorgesehen ist. Weil wir so unsere eh schon sehr sexy klingende Sprache noch erotischer machen.

Und weil wir außerdem bedrohlichen Begriffen die Schärfe nehmen können. Wenn z. B. jemand sagt: „Der da drüben ist ein Killer!“, bekommt man Schiss, aber wenn einer sagt: „Des is en Killersche!“, antwortet man gutgelaunt „goldisch!“. Und wenn in den Nachrichten der Sprecher sagt: „Hört zu ihr Leut, morsche werds windisch, da kimmt nämlich en Tornadosche, also schee die Fensterscher schließe!“, macht einen das deutlich weniger unruhig als wenn er das auf Hochdeutsch vorgelesen hätte.

Keine Sorgen mache ich mir indes um unsere Inhalte. Denn wir Hessen können immer über alles reden, ungeachtet ob unser Wissenstand hoch ist oder unter null liegt! Und genau das, liebes Hessen, musst du uns bewahren! Denn das ist das Gut, mit dem wir auch durch schwere Zeiten kommen. Ich geb dir ein Beispiel: Vor ein paar Wochen haben sich in einer Apotheke hinter mir zwei Rentner unterhalten. Irgendwann sagte einer der beiden: „Weißte was Walter? Ich reib mir jeden Abend die Füße mit Klosterfrau Melissengeist ein und trink en doppelte Underbersch! Und dann kann Corona mich mal am Arsch lecke!“.

Und soll ich dir was sagen Hessen? Nur genau so geht’s!

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