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Wo Macht ist, ist häufig auch Missbrauch.
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Wo Macht ist, ist häufig auch Missbrauch.

Missbrauch

Missbrauch an der Odenwaldschule: Das andere Gesicht der Aufarbeitung

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Ex-Odenwaldschüler Max Mehrick schildert seine Erfahrungen und die „Folgefolgen“ in einem aktuellen Buch.

Heppenheim - Es war ein riesiger, ein mutiger Schritt, als Andreas Huckele und Thorsten Wiest 1999 an die Öffentlichkeit gingen, um von der sexualisierten Gewalt zu berichten, die sie an der Odenwaldschule erlitten haben. Als außer der Frankfurter Rundschau niemand von ihrem Schicksal Notiz nahm, hatten sie auch die Kraft, 2010 einen zweiten, diesmal erfolgreichen Anlauf zu unternehmen.

Huckele schilderte das Missbrauchssystem

Huckele, Schüler von 1981 bis 1988, war fast täglich den sexuellen Übergriffen des damaligen Schulleiters Gerold Becker ausgesetzt gewesen. In seinem 2011 erschienenen Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien“ schildert Huckele unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers eindringlich das Missbrauchssystem, das an der Internatsschule herrschte. Das Buch ist das bekannteste Werk über diese Thematik und immer noch lesenswert. Im gleichen Jahr erschien „Freiwild“ von Tilmann Jens, einem weiteren Ex-Schüler. Der Spielfilm „Die Auserwählten“ von Christoph Röhl beleuchtete das Thema 2014.

Die Hoffnung, dass die öffentliche Aufmerksamkeit den Betroffenen helfen würde, dass es Unterstützung und Anerkennung geben würde, hat sich nicht für alle erfüllt. Das macht ein ehemaliger Odenwaldschüler deutlich, der unter dem Namen Max Mehrick schreibt.

Er hat seine Sicht der Dinge jetzt in dem Band „Zerplatzte Sprechblasen. Zehn Jahre Aufarbeitung aus Erzählendenperspektive“ aufgeschrieben. Mit einer bitteren Botschaft: Mit der „Einladung zum Sprechen und dem Versprechen, dass das hilft“, seien hohe Erwartungen geweckt und enttäuscht worden. Wann genau Mehrick Odenwaldschüler war, geht aus dem Band nicht hervor. Da er um das Kriegsende herum geboren wurde, dürften es die 1960er Jahre gewesen sein. Auch wer ihn missbraucht hat, wird nicht ganz klar. „Am liebsten hätte ich Nein gesagt. Ich tat es nicht, man hatte mich erzogen. (…) Und ich war nun auf ganz unerklärliche Weise schmutzig geworden.“

Das Buch

Max Mehrick, Zerplatzte Sprechblasen. Norderstedt (Books on Demand) 2021, 116 S., 10,70 Euro

Im „Ausnahmezustand“

Als Huckele und Wiest an die Öffentlichkeit gingen, geriet Mehrick in einen „Ausnahmezustand“. Dann sei ihm die Erkenntnis gekommen: „Nichts würde passieren. Gar nichts!“ Durch die ausbleibende Reaktion 1999 fühlte er sich bestätigt. Auch durch die Debatte, die 2010 begann, erlebte Mehrick nicht die „nachhaltige und kompromisslose Unterstützung“, die er erhofft hatte. Dadurch führe „der Versuch, die Negativerwartungen der Kindheit aufzuarbeiten“, erneut „zu Negativerfahrungen im Hier und Jetzt“.

Dann greift Mehrick das Bild auf, das Huckele im Buchtitel verwendet hatte. „Wenn die vielen heute herausschreien würden, wie es ihr Innerstes aufwühlt und belastet, dann ist das das andere Gesicht der Aufarbeitung, das mitzuteilen nirgends Raum ist.“

Folgen für das ganze Leben

Sexueller Missbrauch zeitige nicht nur Folgen, sondern „Folgefolgen“, so schreibt er, die „meist nicht mehr im Zusammenhang mit den an mir begangenen Taten in der Kindheit und Jugend gesehen“ würden. Das ziehe sich „durch jede einzelne Situation“ im Leben. Auf die Dauer, stellt Max Mehrick bitter fest, „hält man das nicht durch“. (Pitt von Bebenburg)

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