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„Sie war zu mutig oder hat sich zu sicher gefühlt.“
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„Sie war zu mutig oder hat sich zu sicher gefühlt.“

Getötete Frauen

Femizid in Wiesbaden: Nurdan E. wurde vom Ex-Mann ermordet - die Tat bewegt Menschen bis heute

  • Helen Schindler
    VonHelen Schindler
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2009 wurde Nurdan E. von ihrem früheren Partner getötet. Kurz zuvor hatte Nurdan E. für eine Wiesbadener Ausstellung notiert: „Mein Gesicht war kein Gesicht, meistens war es blau und geschwollen.“

Am 30. September 2009 wurde Nurdan E. von ihrem Ex-Mann mit 56 Messerstichen getötet, ihre beiden 11 und 13 Jahre alten Töchter fanden sie in ihrer Wiesbadener Wohnung. Nurdan E. wurde 31 Jahre alt. Ihr Schicksal erschütterte die Stadt Wiesbaden über einen langen Zeitraum. Spricht man heute mit Menschen aus Nurdans Umfeld, wird deutlich, dass die Tat in ihnen auch heute noch, zwölf Jahre später, nachwirkt.

Nurdan E. hatte die Liebe ihres Lebens früh gefunden und mit 16 Jahren geheiratet. Doch nach nur fünf Jahren glücklicher Ehe stirbt ihr Mann an Krebs – und Nurdan, die zu der Zeit in Ostanatolien in der Türkei lebt, muss ihre zwei Töchter allein erziehen. Sie bekommt mit, wie die Leute hinter ihrem Rücken reden, es gehöre sich nicht, als junge Frau ohne Mann zu leben. Also willigt sie ein, den acht Jahre älteren Sohn ihres Stiefvaters, der in Deutschland lebt, zu heiraten. Für die Hochzeit kommt Hasan E. in die Türkei. Schon wenige Monate nach der Trauung fängt er an, Nurdan zu verprügeln. Nach einem Jahr will er zurück nach Deutschland ziehen, Nurdan folgt ihm.

Flucht in ein Frauenhaus

Regelmäßig misshandelt Hasan seine Frau und deren Töchter aus erster Ehe schwer. Einmal soll er vor den Augen von Nurdan und ihren Töchtern einen Hundewelpen erschlagen haben, weil der es gewagt hatte, seiner Frau zu gehorchen. Irgendwann hält Nurdan die Grausamkeiten nicht mehr aus. Auf den Rat einer Nachbarin hin flieht sie mit ihren Töchtern in ein Frauenhaus.

Alexandra Wilkens arbeitete 2007 in dem Frauenhaus, in dem Nurdan Schutz suchte. Wilkens, die inzwischen als Sozialpädagogin an einem Gymnasium tätig ist, erinnert sich noch gut an Nurdan. „Sie war sehr geheimnisvoll, keine offene Person. Aber wir hatten ein ziemlich enges Verhältnis.“ Auch, weil Nurdan so lange im Frauenhaus lebte, fast eineinhalb Jahre. Während dieser Zeit sei Nurdan „sehr, sehr selbstbewusst“ geworden, sagt Wilkens. Damals begann ein neues Leben für sie und ihre Kinder. Nurdan zeigte ihren Mann an, der zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Und sie begann, Deutsch zu lernen. Nach einem Jahr und drei Monaten im Frauenhaus zog sie im Sommer 2008 mit ihren Töchtern in eine eigene Wohnung und reichte die Scheidung ein. Ein Jahr später wurde diese rechtsgültig. Nur kurz darauf, am 30. September 2009, fanden die 11 und 13 Jahre alten Töchter ihre Mutter erstochen in ihrer Wohnung auf.

Nurdan muss ihrem Ex-Mann die Adresse ihrer neuen Wohnung gegeben haben. Für Wilkens stellte sich die Frage, warum Nurdan ihm die Tür öffnete. „Wir hätten nie damit gerechnet“, sagt sie. „Sie war eine selbstbewusste Frau mit eigener Wohnung, eine tolle Frau, die dachte, sie schafft das.“ Aber ihre Souveränität sei ihr letztlich zum Verhängnis geworden. „Sie hat sich zu sicher gefühlt“, vermutet Wilkens und sagt: „Jede Sozialarbeiterin macht sich, wenn etwas richtig schief- geht, Gedanken, was man hätte anders machen können.“ Nicht lange nach Nurdans Tod hörte Wilkens als Mitarbeiterin im Frauenhaus auf. „Nicht nur deswegen, aber das hat mit reingespielt.“

Femizid in Wiesbaden: Nurdan E. wurde das Gesicht einer Fotoausstellung

Nurdan E.s Schicksal ist in Wiesbaden auch deshalb so bekannt geworden, weil sie das Gesicht der Fotoausstellung „Frauenhaus Zuflucht und Chance“ werden sollte. Für diese Ausstellung hat sich die Fotografin Andrea Diefenbach über eine Zeitspanne von mehreren Monaten mit Frauen, die im Wiesbadener Frauenhaus lebten oder kurz zuvor ausgezogen waren, getroffen. Im Frühjahr 2009 lernte sie Nurdan kennen, die zu dem Zeitpunkt schon, gemeinsam mit ihren beiden Töchtern, in ihrer eigenen Wohnung lebte.

„Ich habe sie meistens zu Hause besucht mit ihren Töchtern im Wiesbadener Westend“, erinnert sich Andrea Diefenbach heute. Die beiden Mädchen seien „total schüchtern und brav und ruhig“ gewesen. „Liebe, freundliche Mädchen.“ Nurdan habe zu den Frauen gehört, zu denen sie viel Kontakt hatte. „Nurdan war ziemlich aufgeblüht.“ Sie habe aktivistische Züge in sich gespürt und wollte anderen Frauen innerhalb des Projekts Mut machen, sagt Diefenbach. „Sie hatte sich bereit erklärt, das Gesicht der Ausstellung zu werden.“

Die Nachricht von Nurdans Tod kam für die Fotografin „total überraschend“. „Ich befand mich mehrere Tage lang im Schockzustand.“ Nurdans Ex-Mann sei nicht sofort als Täter identifiziert worden, erinnert sie sich. „Aber dass er es war, war nicht überraschend.“ Obwohl Nurdan mit ihrem Ex-Mann, so sagt es Diefenbach, nicht mehr viel Kontakt gehabt habe und er in einer anderen Stadt gelebt habe. Auch Diefenbach habe sich gefragt, warum Nurdan ihrem gewalttätigen Ex-Mann ihre Adresse gegeben habe. „Sie war zu mutig oder hat sich zu sicher gefühlt.“

Nurdan wird einen Tag, bevor die Ausstellungskarten gedruckt werden sollen, auf denen ihr Gesicht zu sehen sein soll, getötet. „Mein erster Impuls war: Wir müssen den Druck stoppen“, sagt Diefenbach. Schließlich hätten sie Nurdans Porträt aber doch gezeigt. „Es war ja ihr Wunsch, ihr Bild auf der Karte zu haben.“ Doch das ganze Projekt sei dadurch zu einem Balanceakt geworden. Nurdan sei eine Vorreiterin gewesen, die anderen Mut machen wollte. „Sie war total glücklich, endlich alleine und ein selbstständiges Leben zu leben. Sie hatte das eigentlich hinter sich gelassen.“ Im November 2009 wird die Ausstellung eröffnet. Bei Nurdan E. steht: „Er hat mich geschlagen, wann immer ihm etwas nicht passte – mein Gesicht war kein Gesicht, meistens war es blau und geschwollen.“

Femizid in Wiesbaden: Der Angeklagte hat im Prozess gelacht

Nurdans Ex-Mann Hasan E. wurde 2011 nach einem neun monatigen Prozess vom Landgericht Wiesbaden wegen Vergewaltigung und Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Nurdans ehemalige Rechtsanwältin, die Nurdan während ihrer Zeit im Frauenhaus kennenlernte, war an mehreren Prozesstagen im Gericht. Auch zehn Jahre nach dem Prozess erinnere sie sich noch gut daran, dass der Angeklagte das Geschehen gelegentlich mit einem Lachen kommentiert habe, sagt sie heute. „Das war für viele von uns Frauen, die Nurdan begleitet haben, sehr nervenaufreibend.“

Nurdan habe einen starken und prominenten Helferkreis gehabt, sagt die Anwältin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Jeder, der in irgendeiner Form etwas mit ihr zu tun hatte, hat geholfen.“ Auch die Schule der beiden Töchter sei sehr aktiv gewesen. Trotzdem wurden diese, weil sie in Deutschland niemanden mehr hatten, nach Nurdans Tod zurück in die Türkei geschickt, zu Nurdans Mutter. „Die komplette Geschichte war so irrsinnig traurig“, sagt die Anwältin. „Auch für die Töchter, die erst ihren leiblichen Vater und dann die Mutter auf so gewaltsame Weise verloren haben.“

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