Die Corona-Pandemie hat die Lage der Wohnungslosen noch weiter verschärft.
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Die Corona-Pandemie hat die Lage der Wohnungslosen noch weiter verschärft.

Hessen

Immer mehr Obdachlose in Hessen

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Die hessischen Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm: Die Zahl der Wohnungslosen auf der Straße steigt. Die Verbände haben konkrete Vorschläge für ein Aktionsprogramm.

Immer häufiger müssen Menschen ohne Wohnung in Hessen buchstäblich auf der Straße leben. Das geht aus einer Studie der hessischen Wohlfahrtsverbände hervor, die jetzt veröffentlicht wurde.

Die Daten wurden Ende Februar erhoben, kurz vor Beginn der Corona-Einschränkungen. Angesichts der Corona-Folgen sei zu befürchten, „dass durch Einnahmeverluste, Jobverluste, weitere Überschuldungen, Mietzahlungsschwierigkeiten et cetera die Anzahl wohnungsloser Menschen weiter zunehmen“ werde, heißt es in der „Stichtagserhebung Wohnungslosenhilfe 2020“.

In Hessen gibt es keine offizielle Statistik über die Zahl der Obdachlosen. Deswegen behelfen sich die Wohlfahrtsverbände alle zwei Jahre mit der Erhebung in rund 160 Hilfseinrichtungen. Dort trafen sie an einem Donnerstag im Februar 3462 Personen an. In den Vorjahren waren es zwischen rund 3300 und 4700 Menschen gewesen.

Auffällig war in diesem Jahr der Anteil der Menschen in ungesicherten Wohnverhältnissen. So stieg die Zahl der Männer und Frauen, die „Platte machen“, gegenüber der vorigen Erhebung von 301 auf 478 um fast 60 Prozent an. Das waren mehr als 15 Prozent aller Befragten – 2018 hatte der Anteil noch bei knapp neun Prozent gelegen. Andere Betroffene schlüpfen bei Bekannten unter oder sind in Notunterkünften untergebracht.

Für all diese Menschen spielten Tagesaufenthalte und Fachberatungsstellen „eine zentrale Rolle“, schreiben die Wohlfahrtsverbände. Dort seien Essen und Kleidung erhältlich, es gebe Schutz vor der Witterung und Möglichkeiten für die Körperhygiene. Zudem seien diese Anlaufstellen „Orte zum Erleben von Gemeinschaft und sozialen Kontakten sowie Basis für erste Beratungs- und Gesprächskontakte“.

Wenig Chancen

Immerhin 30 Prozent der befragten Menschen waren in der Wohnung oder im betreuten Wohnen eines Trägers der Wohnungslosenhilfe untergekommen. Die Chancen, eine Bleibe auf dem regulären Wohnungsmarkt zu finden, seien dagegen schlecht. „Wo zu wenig Wohnraum für alle da ist, bekommen diejenigen noch weniger von dem Kuchen ab, deren Einkommenssituation prekär ist“, bilanzieren die Autoren. „Einmal aus der Wohnungsversorgung ausgeschlossen, ist es ungleich schwieriger, wieder zu einer bezahlbaren Wohnung zu kommen.“

Die Landesregierung muss nach Ansicht der Verbände tätig werden, um Betroffenen zu helfen und das Abrutschen weiterer Menschen in die Wohnungslosigkeit zu verhindern. Notwendig seien Netzwerke zur Prävention gegen Wohnungsverlust, aufsuchende Hilfen auf der Straße, die Akquise von Wohnungen und wohnbegleitende Hilfen. Dies solle durch ein Programm „Wohnungslosigkeit überwinden“ mit mindestens acht Millionen Euro finanziert werden.

Auch die Linke fordert die Regierung zum Handeln auf. Das sei in Corona-Zeiten besonders dringlich. Notunterkünfte und Wärmestuben machten deutlich, dass mit Beginn der Kälteperiode bei Einhaltung der Abstandsregeln viele Menschen nicht mehr unterstützt werden könnten, stellte Linken-Sozialpolitikerin Christiane Böhm fest. „Zu all diesen Fragen passiert vonseiten der hessischen Landesregierung bisher nichts“, beklagte sie. „Wir können aber nicht warten, bis die Temperatur unter dem Gefrierpunkt liegt.“

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