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Stephan Letzel, Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin Mainz.
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Stephan Letzel, Leiter des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin Mainz.

Homeoffice

Mediziner zum Homeoffice: „Man muss sich selbst klare Strukturen schaffen“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Der Mainzer Arbeitsmediziner Stephan Letzel weiß, wie leicht das Arbeiten zuhause ausufern kann – und verrät im Interview, was man dagegen tun kann.

Professor Letzel, macht Homeoffice krank?

Das lässt sich so allgemein nicht sagen. Es kommt sehr auf die Bedingungen an. Allzu viele Studien zum Homeoffice in der Zeit der Pandemie gibt es noch nicht. Wir wissen aber aus den Büros, dass Menschen krank werden können, wenn der Arbeitsplatz ungünstig gestaltet ist. Und das gilt natürlich auch für die Arbeit zu Hause.

Welche Dinge spielen dabei eine besondere Rolle?

Ein Punkt ist die Anstrengung der Augen. Wenn der Monitor spiegelt, die Helligkeitsunterschiede zwischen Bildschirm und Umgebung zu groß sind, dann kann das die Augen sehr anstrengen. Dies wird als unangenehm und ermüdend wahrgenommen, und die Augen können trocken werden. Auch die Position des Bildschirms ist wichtig. Man soll etwa eine Armlänge Abstand halten, leicht nach unten schauen, weil sonst die Halswirbelsäule leidet und die Schultern sehr verspannen können. Und Tisch und Stuhl sollten zusammenpassen, damit man aufrecht sitzen und die Unterarme in einem 90-Grad-Winkel zum Oberarm anwinkeln kann, wenn man auf der Tastatur schreibt.

Das wird sicher längst nicht bei allen Arbeitsplätzen im Homeoffice der Fall sein, die ja häufig schnell und provisorisch eingerichtet wurden. Gibt es schon Erkenntnisse, dass mehr Menschen mit den genannten Beschwerden vorstellig werden?

Es gibt einzelne Publikationen dazu, aber wenn jemand Schulter-Nacken-Rücken-Probleme hat, ist es oft schwer zu sagen, ob das allein vom Arbeitsplatz kommt. Es kann auch ein Symptom psychischer Anspannung sein. Gerade in der Pandemie gibt es ja viele Belastungsfaktoren, die eine Rolle spielen können.

Menschen im Homeoffice verlieren ein Stück ihrer sozialen Umgebung. Manche Kollegen trifft man Wochen oder Monate nicht persönlich, oft nur im Videochat oder am Telefon. Welche Rolle spielt das aus medizinischer Sicht?

Die Menschen erleben das sehr unterschiedlich, aber die meisten werden die Kontakte sicher vermissen. Man sollte sich dessen bewusst sein und versuchen gegenzusteuern. Bei uns im Institut gibt es Arbeitsgruppen, deren Mitglieder sich aus dem Homeoffice heraus per Video zum Mittagessen treffen und dort miteinander reden, auch einmal über private Dinge.

Bringt Video für das Miteinander mehr als zu telefonieren?

Videokonferenzen sind meist sehr anstrengend und verlangen häufig eine hohe Konzentration. Ich habe selbst fünf, sechs, sieben am Tag. Da ist vielleicht ein Telefonat dazwischen entspannender als noch ein Videochat. Aber das Kontakthalten selbst ist schon wichtig und sollte nicht vernachlässigt werden. Das muss man bewusst steuern.

Zur Person

Stephan Letzel (66) leitet seit 2001 das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universitätsmedizin Mainz. Er ist Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin, deren Vorstand er seit Jahrzehnten angehört und der er mehrere Jahre lang als Präsident vorstand.

Er leitet zudem seit 2009 den Ausschuss für Arbeitsmedizin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

Für seine Verdienste um die Arbeitsmedizin und die Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens wurde er 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. 2020 erhielt er die Paracelsus-Medaille der deut schen Ärzteschaft. pgh

Ist ein Wechsel aus Büroarbeit und Homeoffice sinnvoller als immer nur zu Hause zu sitzen?

Manche Menschen brauchen sehr klare Strukturen, die wollen morgens um 7 zur Arbeit fahren und nachmittags um 17 Uhr nach Hause. Andere können sich einen Wechsel zwischen Arbeiten zu Hause und im Büro besser vorstellen und sehen die Vorteile. Man sollte das mobile Arbeiten ja auch nicht nur verteufeln. Es gibt Vorteile: Neben der Verbesserung des Infektionsschutzes durch die Vermeidung von persönlichen Kontakten spart man etwa die Fahrtzeiten von und zur Arbeit. Der eine oder andere kann dann morgens eine Stunde länger liegen bleiben und ganz gemütlich ins Homeoffice gehen. Zumindest wenn ich ein eigenes Arbeitszimmer zu Hause habe, kann ich dort vielleicht konzentrierter arbeiten als im Büro. Das gab es ja auch früher schon. Allerdings bemerken wir, dass solche Strukturen in der Corona-Zeit teilweise wegfallen.

Welche Strukturen meinen Sie?

Die klare Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit. Es geht mir selbst so, dass ich morgens vielleicht um fünf aufwache und mich an den Computer setze, und plötzlich ist es zwölf, und ich sitze immer noch im Schlafanzug da. In den Abendstunden ist es ähnlich. Da fehlt das Gefühl, ich komme nach Hause, ziehe die Schuhe aus, und jetzt geht meine Freizeit los. Es ist aber nicht gut, wenn sich alles vermischt. Ich habe Mitarbeiter, die „betteln“, dass sie wieder ins Büro kommen dürfen, weil die Belastungen zu Hause zu groß werden, zum Beispiel weil dort auch noch Kinder betreut oder bei Schulaufgaben begleitet werden müssen.

Wie sollte man darauf reagieren?

Sich selbst möglich klare Strukturen schaffen. Ich kann mir etwa vornehmen, nicht vor acht oder neun Uhr an den Rechner zu gehen. Ich kann eine feste Mittagspause einplanen, in der ich 30 oder 45 Minuten lang nicht am Arbeitsplatz sitze und nebenbei Süßigkeiten esse. Und ich kann eine bestimmte Uhrzeit als Feierabend festlegen. Es ist ebenso wichtig mal aufzustehen, ein paar Schritte zu gehen. Die tägliche Bewegung sollte bewusst eingeplant werden. Wir sehen, dass den Menschen wegen der Pandemie viele Bewegungsmöglichkeiten verloren gehen, allein schon der Weg zur Arbeit und zurück, der wegfällt.

Welche Rolle spielt der Arbeitgeber dabei?

Gerade beim Homeoffice ist ein gesundes Führungsverhalten der Vorgesetzten extrem wichtig. Sie müssen Strukturen vorgeben, indem klar abgegrenzte Arbeitsaufträge und Rückmeldungen gegeben werden, so dass der Arbeitnehmer auch weiß, wann er mit einer Aufgabe fertig ist, damit das nicht ausufert. Man sieht ja nicht, was die Kollegen und Kolleginnen so tun, dass die auch mal Pause machen oder schon aus dem Büro nach Hause gehen. Das ist sehr verunsichernd und kann auch zu Überlastungen führen, wenn man glaubt, vielleicht nicht genug zu tun. Wir schalten uns mit allen Mitarbeitern, ob nun im Homeoffice oder in Präsenz, einmal die Woche per Video zusammen. Da können alle, die wollen, etwas sagen, man kann über inhaltliche und technische Probleme sprechen, aber sich auch über Positives und erreichte Erfolge austauschen. Diese regelmäßigen Treffen scheinen den Mitarbeitern sehr wichtig zu sein.

Interview: Peter Hanack

Wichtig ist auch, immer mal wieder aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen.

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