Gastbeitrag

Man wird ja noch träumen dürfen

Von Daniel Neumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt und Direktor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

Der Historiker Bernard Lewis hat auf die Frage nach einer Zukunftsprognose einmal geantwortet: „Ich bin Historiker, deshalb gebe ich Prognosen ausschließlich für die Vergangenheit ab.“ Und obwohl diese Zurückhaltung ziemlich klug erscheint, versuche ich mich an einer Vorhersage, wie das Hessen der Zukunft aussehen könnte:

Das Hessen von morgen wird das Wiederaufflammen antisemitischer und rechtsextremistischer Gesinnungen einigermaßen in den Griff kriegen. So dass der Mord an Walter Lübcke, der Anschlag von Hanau und NSU 2.0 mit all seinen Auswüchsen als dunkles, aber überwundenes Kapitel in die Geschichte des Landes eingehen kann. Das Hessen von morgen wird die politische Verirrung, die sich in der Wahl der AfD niedergeschlagen hat, ad acta legen und sich nur noch kopfschüttelnd an diese Episode erinnern.

Das Hessen von morgen wird – nachdem ein Impfstoff dem Coronavirus seinen Schrecken genommen hat – zu seiner wirtschaftlichen Stärke zurückfinden, wobei das Rhein-Main-Gebiet sein dynamisches und pulsierendes Kraftzentrum bildet. Es wird in einem einmaligen Kraftakt den Spagat zwischen wirtschaftlichem Erfolg und ökologischer Notwendigkeit meistern. Gestützt durch eine mit harten Bandagen kämpfende, aber letztlich am Wohl des Landes orientierte Parteienlandschaft. Im Hessen von morgen werden die Schwachen und Benachteiligten nicht zurückgelassen, sondern aufgefangen und mitgenommen. Getragen von einem Netz gesellschaftlicher und politischer Solidarität.

Das Hessen von morgen wird in seiner Vielfalt wachsen, ohne seine eigene Identität zu verlieren. Es wird stolz auf den Kraftakt zurückblicken, eine immer buntere, vielfältigere und heterogenere Gesellschaft mit einer Vision für eine gemeinsame Zukunft zusammengeschweißt zu haben. Eine gemeinsame Perspektive ersonnen zu haben, in der das Anderssein seinen angemessenen Platz hat, ohne das Gemeinsame zu mindern.

Glaube ich wirklich daran, dass alles so kommt? Nein. Eigentlich nicht. Jedenfalls nicht alles. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen …

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare