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Lübcke-Ausschuss: Sein Name ist Temme, er weiß von nichts

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Von: Hanning Voigts

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Viel schlauer ist der Untersuchungsausschuss durch die Vernehmung von Temme nicht geworden. Foto: dpa
Viel schlauer ist der Untersuchungsausschuss durch die Vernehmung von Temme nicht geworden. Foto: dpa © Arne Dedert/dpa/POOL/dpa

Der ehemalige hessische Verfassungsschützer Andreas Temme sagt im Lübcke-Untersuchungsausschuss aus. Viel hat der Mann, der eine schillernde Rolle im NSU-Komplex spielt, nicht zu sagen.

Dafür, mit wie viel Spannung sein Auftritt erwartet wird, wirkt der Zeuge erstaunlich entspannt. Der Untersuchungsausschuss zum Mordfall Walter Lübcke hat schon zwei intensive Zeugenbefragungen hinter sich, als Andreas Temme am Mittwochnachmittag im Plenarsaal des hessischen Landtags Platz nimmt. Der 55-jährige Beamte aus Hofgeismar kommt im weißen Hemd und ist spürbar weniger nervös als bei seiner letzten Aussage vor einem hessischen Untersuchungsausschuss.

Und das ist auch nicht verwunderlich: Andreas Temme, der wohl schillerndste ehemalige Mitarbeiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz (LfV), war eine zentrale Figur im Untersuchungsausschuss zum Mord an Halit Yozgat, der am 6. April 2006 von den Rechtsterroristen vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) in seinem Kasseler Internetcafé ermordet worden war. Zum Zeitpunkt des Mordes war Temme am Tatort gewesen, zeitweise stand er unter Mordverdacht, es gab Hinweise auf rechte Einstellungen. Im hessischen Landtag blieb er aber genau wie als Zeuge im Bundestag und im NSU-Prozess in München dabei, nichts von dem Mord mitbekommen und auch den verblutenden Yozgat nicht gesehen zu haben. Schon damals gab es kaum jemand, der oder die das zu glauben bereit war.

Hessen: Temme hat den berüchtigten V-Mann „Gemüse“ geführt

Und nun soll Temme, der seit 2007 für das Regierungspräsidium Kassel arbeitet, also zur Aufklärung möglicher Behördenfehler vor und nach dem Mord an Walter Lübcke beitragen, der als Regierungspräsident auch sein Vorgesetzter war. Temme als Zeuge zu laden, liegt durchaus nahe, schließlich war er vor 2006 für das LfV in Kassel tätig und hat dort auch Benjamin G. als Quelle geführt, den berüchtigten V-Mann „Gemüse“, der eng in der militanten Naziszene vernetzt war, aus der auch der Lübcke-Mörder Stephan Ernst kam.

Doch wie einige Beobachter:innen schon vermutet hatten, kann oder will Temme sehr wenig Konkretes sagen. Über Stephan Ernst und dessen Freund Markus H. wisse er kaum etwas, gibt er zu Protokoll. „Direkte, persönliche Erinnerungen habe ich dazu nicht.“ Sollte eine seiner Quellen je etwas über die beiden Neonazis berichtet haben, „müsste es entsprechende Berichte geben“, sagt Temme. An zwei Ermittlungsberichte, die er über Ernst geschrieben hatte, habe er keine Erinnerungen mehr. Auch in seiner Zeit als aktiver Sportschütze und Motorradfahrer sei er Ernst und H. nie begegnet.

Lübcke-Ausschuss: Temme leugnet, beim Neonazi Mike S. eingekauft zu haben

Auch zum Kasseler Neonazi Mike S. kann Temme nur wenig sagen. Er habe dessen „abenteuerliche Geschichte“ in Medienberichten gelesen. „Das ist komplett falsch“, sagt Temme. „Ich war nie bei Herrn S.“ Mike S. hatte Ende vergangenen Jahres im Ausschuss behauptet, Temme sei 2009 oder 2010 bei ihm gewesen, weil er von ihm ein Landserbild über ein Kleinanzeigenportal habe kaufen wollen.

Die Morddrohungen gegen Walter Lübcke, die es schon Jahre vor dessen Ermordung im Herbst 2015 gegeben habe, seien damals in seiner Behörde Thema gewesen, sagt Temme auf Nachfrage. „Mitbekommen habe ich das schon.“ Die Abgeordneten fragen weitere Themenkomplexe ab, beißen beim mittlerweile geübten Zeugen Temme aber auf Granit. Keine Erinnerung, keine Ahnung, weiß ich nicht. Und so endet die lang erwartete Aussage ohne wirkliches Ergebnis.

(Hanning Voigts)

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