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Linken-Politiker Hermann Schaus: „Es braucht eine Partei links von der SPD“

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Von: Hanning Voigts

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Gewerkschafter durch und durch: Hermann Schaus in seinem mit Plakaten vollgehängten Abgeordnetenbüro. Foto: Michael Schick
Gewerkschafter durch und durch: Hermann Schaus in seinem mit Plakaten vollgehängten Abgeordnetenbüro. Foto: Michael Schick © Michael Schick

Vierzehn Jahre lang saß Hermann Schaus für die Linkspartei im hessischen Landtag, jetzt gibt er sein Mandat zurück. Im FR-Interview spricht er über politische Erfolge und Enttäuschungen.

Es ist sein letzter regulärer Arbeitstag als Abgeordneter. Am heutigen Mittwoch wird Hermann Schaus noch einmal im Untersuchungsausschuss zum Mordfall Walter Lübcke Platz nehmen. Danach gibt der 67-jährige Linke-Politiker nach 14 Jahren sein Mandat zurück und verlässt den Hessischen Landtag. Beim Gespräch wirkt er gelöst und freundlich wie immer.

Herr Schaus, im August geben Sie Ihr Mandat zurück. Sind sie erleichtert oder wehmütig?

Beides gleichzeitig. Es ist ein bisschen Wehmut dabei, aber ich freue mich auch darauf, nach insgesamt 50 Berufsjahren in den Ruhestand zu gehen und nicht mehr so fremdbestimmt zu sein.

Eigentlich wollten Sie schon früher aufhören. Warum haben Sie das nicht getan?

Ich hatte eigentlich vor, zum Ende der letzten Legislaturperiode 2019 auszuscheiden. Dann sind aber viele aus der Partei auf mich zugekommen, die mich gebeten haben weiterzumachen, um die neue Fraktion beim Start zu unterstützen. Und als ich im vergangenen Sommer aufhören wollte, ist Janine Wissler nach Berlin gegangen, und ich bin gebeten worden, die neue Fraktionsspitze zu unterstützen. Ich habe mich mit meiner Frau und meiner Familie beraten und das dann noch gemacht.

Was waren in der Zeit seit 2008 Ihre größten Erfolge?

Zu den größten Erfolgen gehört sicher mein Projekt „Braunes Erbe“ zur NS-Vergangenheit hessischer Landtagsabgeordneter, das 2011 für viel Furore gesorgt hat. Wir haben aufgedeckt, dass bis 1987 nicht drei Abgeordnete eine NS-Vergangenheit hatten, wie es bis dahin dargestellt wurde, sondern mehr als 80. Das hat im Landtag hohe Wellen geschlagen, und es wurde eine Kommission eingesetzt, die das überprüft und sogar noch mehr gefunden hat.

Hessen: „Wir wurden vor allem aus der CDU mit Stammtischparolen angegangen“

Was war in den 14 Jahren Ihre größte Enttäuschung?

Es gibt natürlich viele Enttäuschungen, weil man in der Opposition nicht so viel bewegen kann. Aber es hat mich am Anfang sehr irritiert, wie schwer wir es als Linke im Landtag hatten und wie wir hier Spießrutenläufe absolvieren mussten. Wir wurden vor allem aus der CDU mit Stammtischparolen angegangen und mussten uns die Akzeptanz erst mühsam erarbeiten.

Sie waren lange hauptberuflich Gewerkschafter. Wie haben Sie Ihre Rolle als Abgeordneter verstanden?

Zur Person

Hermann Schaus wurde 1955 in Worms geboren und hat nach einer Lehre als KfZ-Mechaniker ein Studium zum Diplom-Verwaltungswirt absolviert. Er war Gewerkschaftssekretär und als enttäuschtes SPD-Mitglied seit 2007 in der Partei „Die Linke“. Seit 2008 saß er im hessischen Landtag. Für ihn rückt Petra Heimer nach, Landesvorsitzende der Linken.

Ich verstehe mich immer noch in erster Linie als linker Gewerkschafter. Dafür schlägt mein Herz. Das konnte ich aber in unserer Fraktion gut einbringen. Wir haben etwa aktuelle Arbeitskämpfe im Landtag thematisiert. Für uns gehören parlamentarische und außerparlamentarische Arbeit zusammen.

Sie saßen im Untersuchungsausschuss zur NSU-Mordserie und zum Mord an Walter Lübcke. Wie weit ist die Aufklärung zu rechtem Terrorismus in Hessen gekommen?

Zu meinem Bedauern muss ich sagen, dass wir in der Aufklärung nur kleine Schritte weitergekommen sind. Das hat damit zu tun, dass die Regierungskoalition von CDU und Grünen den Schutz des Verfassungsschutzes in den Vordergrund stellt und die Aufklärung damit behindert. Trotzdem konnten wir herausarbeiten, dass in Hessen viele Jahre versäumt wurde, die Neonaziszene ausreichend zu beobachten und zu bekämpfen.

Sie verlassen die Politik in einer schwierigen Phase für Ihre Partei. Hat die Linke eine Zukunft?

Wir sind in einer schwierigen Situation. Ich bin aber davon überzeugt, dass die soziale Frage schon in diesem Jahr so aufschlagen wird, dass linke Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und Ökologie wieder an Bedeutung gewinnen werden. Ich bin sicher, dass unsere Partei eine Zukunft hat. Interne Auseinandersetzungen können wir nur mit Diskussionen überwinden. Aber es muss klar sein: Wenn es Entscheidungen von Parteitagen oder dem Parteivorstand gibt, ist das die Position der Partei, hinter die sich alle stellen müssen.

„Ohne die Linke im Hessischen Landtag fehlt eine Stimme für soziale Gerechtigkeit“

Die hessische Linke ist zuletzt stark von MeToo-Vorwürfen erschüttert worden. Hat die Partei Konsequenzen gezogen?

Absolut. Ich war sehr erfreut, dass der Landesverband sehr schnell reagiert und den Betroffenen Gesprächsangebote gemacht hat und es zudem gelungen ist, eine Vertrauensgruppe mit externen Fachleuten aufzustellen. Und die Diskussion in der Partei geht ja weiter, sie betrifft ja nicht nur die Linke, sondern alle gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen. Dass das Thema bei uns so massiv aufgeschlagen ist, kann langfristig auch eine Chance für die Partei sein. Einigen der aktuell Betroffenen scheint es leider weniger um Aufklärung zu gehen als darum, Schaden anzurichten.

Wird die Linke im Herbst 2023 wieder in den Hessischen Landtag einziehen?

Ich bin fest davon überzeugt, aber das wird anstrengend werden. Aber ich glaube, dass unsere Positionen zu den vielen sozialen Problemen, die jetzt auf alle zukommen, passen. Ohne die Linke im hessischen Landtag fehlt eine Stimme für soziale Gerechtigkeit. Es ist wichtig, dass es eine Partei links von der SPD gibt, die auf Missstände aufmerksam macht und Lösungen anbietet.

Wie geht Ihr persönliches Leben ohne Landtag weiter?

Ich will vor allem mehr Zeit für meine Familie haben. Meine Frau wollte schon immer nach Italien reisen, das werden wir im September und Oktober machen. Und ich will mehr Sport treiben, Fahrrad fahren, auf der Lahn paddeln. Aber ich werde auch weiter Kommunalpolitik und Gewerkschaftsarbeit vor Ort machen, dann aber selbstbestimmt, als Ehrenamtlicher.

(Interview: Hanning Voigts)

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