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Beim Glasapparatebau geht es heiß her. Bis alle Kugeln, Kolben und Röhren verbunden sind, kann es eine Arbeitswoche dauern.
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Beim Glasapparatebau geht es heiß her. Bis alle Kugeln, Kolben und Röhren verbunden sind, kann es eine Arbeitswoche dauern.

Ausbildung

Lernen in Hessen: In den Werkstätten bleibt mancher Platz frei

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Die Staatliche Glasfachschule Hadamar entsendet gut ausgebildete junge Menschen in alle Welt und hat doch Nachwuchssorgen. Das hat nicht nur mit Corona zu tun.

Schulen wie diese muss man auf der Landkarte suchen. Gerade einmal drei davon gibt es in ganz Deutschland. Eine liegt in Hadamar, nicht weit von Limburg an der Lahn. Die beiden anderen sind in Rheinbach bei Bonn und in Zwiesel im Bayerischen Wald. Gerade Zwiesel wird dem einen oder der anderen Kundigen den Weg weisen: Es geht um Glas. Genauer gesagt, um die vielfältigen Möglichkeiten seiner Bearbeitung.

Von außen ist die Staatliche Glasfachschule Hadamar – ein Gebäudeensemble mit Wurzeln in den frühen 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts – eher unspektakulär. Innen hat Studiendirektor und Standortleiter Burkhard Meuser dem Besucher einiges zu zeigen. Ein Rundgang durch die Werkstätten offenbart viel von der Schönheit, die der Werkstoff Glas zu bieten hat. Und lässt erahnen, wie viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem harten und zugleich spröden Material gefordert ist.

Drei Jahre dauert die Ausbildung, deren Abschluss dem Gesellenbrief gleichgestellt ist. Glaser, Glasveredler und Glasapparatebauer lernen hier ihr Handwerk. 120 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 23 Jahren waren es früher, heute sind es noch etwa 60, wenn man alle drei Ausbildungsjahrgänge zusammennimmt.

Ein bleiverglastes Fenster im Foyer der Staatlichen Glasfachschule Hadamar.

Im denkmalgeschützten Foyer leuchten dem Eintretenden Gläser in den prächtigsten Farben entgegen, bleiverglast oder geätzt, ineinander verschmolzen, sandgestrahlt oder kunstvoll bemalt. Alles Zeugnisse der Fertigkeiten, die hier zu erlernen sind. Die Aushänge am Schwarzen Brett zeugen vom Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften, wie Betriebe sie händeringend suchen.

„Wer hier mit Freude und Geschick seine Ausbildung zu einem guten Ende bringt, der hat wirklich gute Berufsaussichten“, bestätigt Burkhard Meuser den Augenschein.

Und doch: Selbst einer derart renommierten Ausbildungsstätte wie der Glasfachschule Hadamar, deren Absolventinnen in ganz Deutschland und darüber hinaus gefragt sind, fehlt der Nachwuchs. „Den Trend hin zur Akademisierung gibt es ja schon länger, aber Corona hat die Lage noch einmal verschärft“, berichtet Meuser. „Früher war es Mundprogaganda, hat man von Verwandten oder Freunden gehört, dass man hier einen tollen Beruf lernen kann“, sagt er. Heute müsse man rausgehen, sich bekanntmachen, um junge Menschen für das Handwerk zu gewinnen – zumal für eine Nische wie die Glasbranche.

Mit feinem Pinsel wird gemahlenes Glas als Farbe aufgetragen.

Doch rausgehen und sich bekanntmachen, das war zuletzt schwierig. „Messen, Tage der offenen Tür, das gab es ja alles nicht“, klagt Meuser. Vor Corona habe man Schulklassen durch die Werkstätten geführt. Auch das: nicht mehr möglich. Filme auf Youtube und Bilder auf der Homepage müssen genügen, sind aber sind für das leibhaftige Erlebnis nur ein blasser Ersatz.

Im Keller bei den Apparatebauern faucht der Bunsenbrenner, den sie hier „Lampe“ nennen und mit dem die industriell vorgefertigten Röhren angeschmolzen und in Form gebracht werden. Licht aus blauem und gelbem Feuer erhellt den Raum. Ein Stockwerk höher polieren Auszubildende die Kanten geschliffener Scheiben, nebenan tragen junge Frauen hochkonzentriert mit feinsten Pinseln Farbe auf eine Glasplatte auf, um sie später im Ofen einzubrennen. Bis zu einer Woche sitzen sie an ihren Werkstücken. „Wenn dann etwas zu Bruch geht, kommen schon mal die Tränen“, berichtet Meuser.

Alle haben mir ein Studium empfohlen, aber hier habe ich mich sofort in die Arbeit mit dem Glas verliebt. Antonia Wörz, Auszubildende

„Diese Schule ist für mich etwas ganz Besonderes“, sagt Karin Kuban-Scheel, die die Glasveredler unterrichtet und selbst Glasermeisterin und Glasbautechnikerin ist. Sie liebt den transparenten Werkstoff. Wie Antonia Wörz. Die 22-Jährige aus Groß-Umstadt sagt: „In die Gesellenstücke im Foyer habe ich mich verliebt, als ich das erste Mal hier war.“ Die Verbindung von Kreativität und Technik fasziniert sie. Nach der Ausbildung will sie in München bei einem großen Fassadenbauer anfangen.

In die Ferne zieht es auch Julian Michel (23). Ihn begeistern „tolle Lichtbrechungen, die Dreidimensionalität“ des Glases. Dänemark oder Norwegen, das sind seine Ziele. „Dort“, sagt er, „schätzt man das Handwerk mehr als hier.“ Von Hadamar aus ist die Welt nicht weit.

Das Physikstudium habe ich abgebrochen, stattdessen ein Handwerk gesucht. Glas ist wunderbar, es ist so dreidimensional. Julian Michel, Auszubildender

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