Gastbeitrag

Leben und leben lassen in Hessen 2.0

Von Frank E. P. Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences.

Denkt man einen Takt, dann konzentriert man sich auf die Schläge. Um diese jedoch auseinanderzuhalten, sind Pausen wichtig. Das Hessen der Zukunft besteht aus beidem.

Beginnen wir mit den Schlägen des Taktes: Wer Zukunft denkt, muss die Metropolregion im Auge haben. Sie wird weiter zusammenrücken und im Kontext eines Europas der Regionen als eine der stärksten erscheinen. Die Grenzen zu Rheinland-Pfalz im Westen und zu Thüringen im Osten verschwinden. Das Ergebnis ist ein Hessen 2.0. Die Konzentration von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kompetenzen, die schnell miteinander interagieren können, wird der Stoff jener Innovationen sein, die eine Gesellschaft braucht, will sie gut leben. Der Flughafen, die Bahnhöfe, die Trassen, die Straßen werden dabei nur mehr die Garnitur jenes Hauptverkehrsträgers sein, der alles dominieren wird: das Internet. Virtuell stark, physisch präsent – und extrem anziehend.

Das sind die Attribute eines Hessen 2.0, dessen (Schönheit der) Natur die oben beschriebenen Pausen des Taktes ausmachen wird. Die Menschen werden aus dem Ländlichen, und nur dann, wenn sie es wirklich müssen – Corona hat es uns gelehrt –, über eine Art Transrapid in die Metropolregion pendeln.

Die Metropolregion selbst wird Abbild eines idealtypischen Europas, in der kulturelle Differenzen eine potenzialfördernde Selbstverständlichkeit sind. Den Bildungseinrichtungen des Landes kommt zur Erreichung dieses Zukunftsbildes eine entscheidende Rolle zu. Sie werden zu Ladestationen für das sich immer schneller verändernde Wissen und zu Reflexions- und Entwicklungsräumen für die Menschen, die im Hessen 2.0 leben.

Diese Begegnungsorte sind ganz in der Tradition Hessens innovativ und konservativ zugleich: sie formen die Werte und die Haltung der Nachhaltigkeit, der Natur und des Sozialen und nutzen das Innovative des Digitalen, um der Klimakrise sowie der sozialen Spaltung der Gesellschaft entgegenzutreten. Nie hatte eine Zukunft mehr Hessens Mentalität nötig als die heutige: „leben und leben lassen“.

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