1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Kritik an Hessens neuem Schulfach „Digitale Welt“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Peter Hanack

Kommentare

Die digitale Welt wirkt auf den ersten Blick smart und sauber, doch von Nachhaltigkeit ist sie oft weit entfernt.
„Digitale Welt“ soll Informatik, Ökonomie und Ökologie verbinden. Das neue Fach ist freiwillig, wird nicht benotet und startet an zwölf Schulen. © Lutz Wallroth/Imago

FDP und Fachleute fordern statt dessen verpflichtenden Informatik-Unterricht an den hessischen Schulen. Andere Bundesländer sind da weiter, wie eine Studie zeigt.

Es soll helfen, Hessens Schüler und Schülerinnen in die Zukunft zu führen: das neue Schulfach „Digitale Welt“. Doch die FDP im Landtag und Expert:innen der Informationstechnologie lassen an dem Projekt des Hessischen Kultusministeriums kaum ein gutes Haar.

Mit Ende der Sommerferien ist in dieser Woche an zwölf Schulen in Hessen das Fach „Digitale Welt“ gestartet. Dort sollen Informatik, Ökologie und Ökonomie zusammen unterrichtet werden. Vorgaben gibt es wenige, die Lehrkräfte sollen weitgehend frei von curricularen Vorgaben arbeiten können. Ziel sei es, Informatik anhand konkreter Projekte aus der Wirtschaft oder der Umwelt zu erlernen.

Informatik als Allgemeinbildung

„Informatik muss Teil der Allgemeinbildung sein“, sagt dazu Moritz Promny, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Landtagfraktion. Genau das werde mit dem neuen Fach aber nicht erreicht. Promnys Kritik entzündet sich vor allem an drei Punkten: das Fach ist nicht verpflichtend und wird zusätzlich zum normalen Stundenplan angeboten. „Dann werden nur wenige, die ohnehin interessiert sind, dabei mitmachen“, sagt der Bildungsfachmann. Zudem werde es nicht benotet und sei nicht versetzungsrelevant.

Zweitens gebe es keine klaren Vorgaben, was dort gelernt werden solle. Jede Lehrkraft könne dies weitgehend nach eigenem Gutdünken tun. Zudem würden fachfremde Lehrkräfte eingesetzt, die lediglich eine Woche lang für die „Digitale Welt“ geschult worden seien.

neues Fach

„Digitale Welt“ soll Informatik, Ökonomie und Ökologie verbinden. Das neue Fach ist freiwillig, wird nicht benotet und startet an zwölf Schulen:

Solgrabenschule, Bad Nauheim

Brüder-Grimm-Schule, Eschwege

Adorno-Gymnasium, Frankfurt

Carl-von-Weinberg-Schule, Frankfurt

Philipp-Reis-Schule, Friedrichsdorf

Heinrich-Böll-Schule, Fürth

Prälat-Diehl-Schule, Groß-Gerau

Hohe Landesschule, Hanau

Freiherr-vom-Stein-Schule, Hünfelden

Georg-August-Zinn-Schule, Kassel

Richtsbergschule, Marburg

Albert-Einstein-Schule, Schwalbach

Und drittens gehe es mit der Einführung viel zu langsam vonstatten. Es werde lediglich mit zwölf Schulen in der Jahrgangsstufe 5 gestartet. Nötig sei aber eine flächendeckende Einführung, und das möglichst schnell in den Jahrgangsstufen 5 und 6, so Promny.

Dessen Kritik wird von Matthias Wendlandt von der Gesellschaft für Informatik geteilt. Wendlandt ist zudem Dozent am Institut für Informatik der Universität Gießen. „Wenn wir Chancengleichheit wollen, dann müssen alle Schülerinnen und Schüler Zugang zur Informatik als eine der Schlüsseltechnologien erhalten“, fordert er. Dies sei bei der „Digitalen Welt“ nicht der Fall. Er kritisierte zudem, dass Hessen im Vergleich zu anderen Bundesländern in der digitalen Entwicklung weit zurückhänge. Im bundesweiten Atlas der Gesellschaft für Informatik sei außer Hessen nur noch Bremen rot markiert.

Lehren ohne Plan

Otto Wehrheim, ebenfalls im Leitungsgremiun der GI-Fachgruppe für Informatik, moniert, dass andere Bundesländer sehr wohl Informatik als Pflichtfach eingeführt und dafür auch ein Curriculum, also einen Lehrplan erstellt hätten. Den gebe es für Hessen zwar auch, offenbar solle er aber in der Schublade bleiben. Anscheinend wolle Hessen mit der Einführung eines neuen Fachs kaschieren, dass es im Bundesvergleich eine Entwicklung verschlafen habe.

Das belegt auch eine Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft und der Heinz Nixdorf-Stiftung. Demnach sind Schülerinnen und Schüler aus zwei Bundesländern am besten qualifiziert, weil sie dort den meisten Informatikunterricht erhalten. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Stunde Informatik pro Woche von der fünften bis zur zehnten Klasse, in Sachsen erstreckt sich der Pflichtunterricht über vier Schuljahre. Die Autorinnen und Autoren der Studie fordern, das Fach Informatik in allen Bundesländern verbindlich anzubieten.

Auch interessant

Kommentare