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Krankenhausreform in Hessen: „Wir brauchen einen Kümmerer vor Ort, der die Patienten steuert“

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Von: Jutta Rippegather

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Steffen Gramminger ist Geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft. HKG
Steffen Gramminger ist Geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft. HKG © Privat

Der Chef der Krankenhausgesellschaft Gramminger drängt auf einen zügigen Umbau der Kliniklandschaft in Hessen. Das Land müsse das Projekt moderieren, sagt er im FR-Interview.

Angesichts des Fachkräftemangels ist es nicht mehr leistbar, alle medizinischen Leistungen flächendeckend anzubieten, sagt Steffen Gramminger, geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft. Die vom Bundesgesundheitsminister angestoßene Gesundheitsreform sei überfällig. Sie mit Leben zu füllen Aufgabe des Landes. Denn jedes Versorgunsgebiet habe seine Spezialitäten.

Herr Gramminger, CDU-Ministerpräsident Boris Rhein hat bei seinem Amtsantritt Ende Mai einen Krankenhausgipfel angekündigt. Haben Sie eine Einladung bekommen?

Nein. Es gab noch keinen hessischen Krankenhausgipfel.

60 Prozent der Kliniken schreiben rote Zahlen, jedes dritte Bett steht leer. Lassen sich diese bundesweiten Zahlen auf Hessen übertragen?

Ja. Das Problem der Krankenhausfinanzierung haben alle Bundesländer gleichermaßen. Die Belegung von 66 Prozent betrifft aber nur die Betten der offiziellen Krankenhausplanung. Nicht die betreibbaren, die wir tatsächlich versorgen können.

Weil nicht genug Personal da ist?

Richtig. In Hessen bietet uns das System Ivena die Möglichkeit, jeden Tag zu sehen, wie viel betreibbare Betten noch frei beziehungsweise belegt sind. Auf Intensiv sehen wir eine Auslastung von über 95 Prozent, auf Normalstation zwischen 80 und 90 Prozent.

Nur 90 Prozent?

Hundert Prozent ist in der Regel in einem Krankenhaus der Akutversorgung nicht möglich. Ich kann Frauen nicht mit Männern zusammenlegen, es gibt die Infektionsproblematik, insbesondere aktuell bei der Corona-Pandemie. Ich kann eine gynäkologische Patientin nicht auf die Urologie legen. Man muss auch den Pflegeaufwand austarieren. Die Rahmenbedingungen sind so, dass bei 90 Prozent die Betten schon knapp sind.

Lässt sich daraus schließen, dass alle 140 Akutkrankenhäuser in Hessen gebraucht werden?

Das wäre zu einfach gedacht. Natürlich gibt es Krankenhäuser, die besser oder schlechter belegt sind. Es gibt aber auch Unterschiede zwischen Ballungsraum und ländlichem Bereich, zwischen Fach- und Allgemeinkrankenhäuser, und wir benötigen eine Konzentration hochkomplexer Leistungen. Das alles ist mit Sicherheit noch zu optimieren.

Was erwarten Sie von der Politik?

Wir brauchen eine gute Verteilung der Krankenhäuser von ihren Kapazitäten in Bezug zur Bevölkerungsdichte und der Erkrankungen. Deshalb halten wir eine Krankenhausreform für notwendig. Der ökonomische Druck hat dazu geführt, dass jeder alles macht und möglichst vollumfänglich flächendeckend auch alles angeboten wird.

Und das möglichst noch direkt um die Ecke.

Zur Person

Steffen Gramminger ist seit drei Jahren geschäftsführender Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HSK), die die rund 140 Akutkrankenhäuser im Land vertritt.

Der Chirurg war unter anderem 2014 bis 2018 als Ärztlicher Geschäftsführer im Klinikum Darmstadt tätig, wechselte im September 2018 zur HSK - zunächst als Geschäftsführer.

Als Departmentleiter Medizinmanagement hat er eine Professur für Medizincontrolling an der Medical School Hamburg. jur

Die Krankenhausreform: Arbeitsteilung

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will die deutschen Krankenhäuser reformieren. Eine von ihm eingesetzte Regierungskommission hat Vorschläge erarbeitet, die im Sommer in einen Gesetzentwurf münden sollen. Das System der Fallpauschalen soll ergänzt werden durch eine Pauschale für Vorhaltekosten bei bestimmten Leistungen - etwa in der Notfallmedizin oder Geburtshilfe. Der Vorschlag sieht zudem eine bundesweite Änderung der Strukturen vor. Eine auf drei Ebenen (Level) stattfindende Arbeitsteilung. Die Spitze bilden sogenannte Maximalversorger wie Universitätskliniken oder umfassend ausgestattete Krankenhäuser, die sämtliche Fachbereiche inklusive Intensivmedizin und Notfallversorgung anbieten (Level III). Es folgen Häuser mit Spezialisierung auf bestimmte Fachbereiche (Level II). Auf der untersten Ebene sollen zwei Typen entstehen: Kliniken, die eine Basisversorgung in der Chirurgie und der Inneren Medizin anbieten, zugleich auch über einige Intensivbetten und eine Notaufnahme verfügen. Zum anderen Krankenhäuser, bei denen die Allgemeinmedizin und die Pflege im Vordergrund stehen, die etwa Akutpflegebetten bereithalten. Das Konzept sieht für bestimmte Leistungen gesetzlich vorgeschriebene Mindestanforderungen an Personal und Technik vor. Krebskranke etwa dürfen einzig in zertifizierten Krebszentren behandelt werden.

Die für die Krankenhausplanung zuständigen Bundesländer sind grundsätzlich bereit für Reformen. Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ist bereits dabei, ein ähnliches Konzept umzusetzen. Nach Ansicht von Hessens Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) enthalten die Vorschläge „eine Reihe von Ideen, die dazu beitragen können, die Krankenhausstruktur zu sichern und ihre Funktionsfähigkeit zu erhalten“. Die „notwendige große Reform“ könne aber nur gelingen, wenn alle Akteurinnen und Akteure beteiligt werden. Zentral sei dabei die enge Einbindung der nach dem Grundgesetz für die Krankenhausplanung zuständigen Länder. jur

Ivena: Wo noch Betten frei sind

Entwickelt hat das System das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt in Zusammenarbeit mit der Firma mainis IT-Service GmbH. Seit 2010 wird der Interdisziplinäre Versorgungsnachweis Ivena im realen Betrieb eingesetzt. Rettungsdienste, Krankenhäuser und andere Träger der Patientenversorgung erhalten jederzeit in Echtzeit die Informationen über die aktuelle Behandlungs- und Versorgungsmöglichkeiten der Krankenhäuser. Die Kliniken melden, wo welche Kapazitäten vorhanden sind, und sie melden sich ab, wenn sie voll sind. Die Anwendung ermöglicht eine überregionale Zusammenarbeit und bietet eine detaillierte Übersicht über die Ressourcen. Dies erlaubt einen schnellen Austausch zwischen den Krankenhäusern, den Zentralen Leitstellen für den Rettungsdienst, den Gesundheitsbehörden und anderen medizinischen Diensten, wie dem Ärztlichen Notdienst, der Kassenärztlichen Vereinigung oder niedergelassenen Ärzten. Ivena kann auch Patientenströme des Rettungsdienstes der jüngsten Stunden berücksichtigen: ein wertvoller Informationsvorsprung, um verletzte oder erkrankte Patienten rasch in ein geeignetes und aufnahmebereites Krankenhaus zu führen. Kliniken können sich nach Bedarf vorbereiten. Sie bekommen vorab Informationen über die Patientenzuweisungen wie beispielsweise Eintreffzeit, Diagnose und Behandlungsdringlichkeit vermittelt. Ivena wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut und von anderen Regionen übernommen. jur

Ja, und möglichst schnell auch noch. Das können wir uns aber wegen der mangelnden Personalressourcen nicht mehr leisten. Wir haben immer mehr ältere Menschen, die eine Behandlung benötigen, und immer weniger junge, die dies leisten können. Da müssen wir reagieren – auch bei den Krankenhausstrukturen. Jedes Krankenhaus muss hocheffizient mit hoher Qualität seine Leistung erbringen können. Zugeständnisse sind dort nötig, wo die Wege zum nächsten Krankenhaus zu weit wären. Diese regionalen Herausforderungen gilt es im Rahmen der Krankenhausreform zu lösen.

Der Vorschlag der Regierungskommission erinnert in Teilen an das, was Hessen etwa mit dem Onkologiekonzept schon lange praktiziert und später in der Coronakrise übernommen hat. Es gibt sechs Versorgungsregionen mit in der Regel je einem koordinierenden Krankenhaus, das mit den kleineren in der Region kooperiert. Eine gute Idee?

Bei der Versorgung krebserkankter Patienten funktioniert das gut. Die kooperierenden Krankenhäuser können ihre onkologischen Patienten in den Tumorkonferenzen der Kollegen des koordinierenden Zentrums vorstellen und von deren hoher Expertise profitieren. Dieses Netzwerk hat sich gut eingespielt.

Wer sollte die Systemänderung steuern? Kein Landrat und keine Oberbürgermeisterin will verantwortlich dafür sein, dass das Krankenhaus vor Ort an Bedeutung einbüßt oder gar komplett schließt?

Die verschiedenen Blickwinkel von Bund, Ländern und Kommunen machen es in der Tat schwierig. Doch Zentralismus funktioniert nicht. Jede Versorgungsregion muss einzeln betrachtet werden – auch die Vertragsärzte mit ihren Praxen sind zu berücksichtigen, der besondere Bedarf einer Kommune. Daraus ergeben sich eventuell Zusammenlegungen von Kliniken, Verschiebungen von Leistungen oder eben Umwidmungen von Krankenhäusern. Am Ende müssen die Versorgungsregionen gut funktionieren, die Zusammenarbeit vor Ort. Das kann man unmöglich von Berlin aus steuern. Das Land muss das moderieren und verantworten sowie die Experten vor Ort an einen Tisch holen. So wie in der Pandemie – da haben wir doch viel richtig gemacht.

Gibt es dazu die Bereitschaft? Wird eine Aktiengesellschaft zugunsten eines kommunalen Krankenhauses wirklich auf die lukrative Hüft-Operation verzichten?

Auch ein kommunales oder freigemeinnütziges Krankenhaus verzichtet auf keine Leistung, wenn es ums Überleben geht. Die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser ist wirklich dramatisch. Insolvenzen wurden bisher durch Quersubventionen durch die jeweiligen Träger verhindert. Die freigemeinnützigen haben im Moment den schwersten Stand. Ihnen geht als Ersten die Luft aus. Die kommunalen werden gestützt von den öffentlichen Haushalten, die privaten haben ein Cashpooling.

Krankenhäuser werden seit Jahren künstlich am Leben gehalten?

Ich würde es so formulieren: Es wurde ein kalter Strukturwandel verhindert, bei welchem der Liquiditätsstärkste überlebt und die Versorgungslage nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das geht aber wirtschaftlich und vor allem wegen des Fachkräftemangels nicht mehr so weiter. Wir brauchen strukturierte Veränderungen, in welchen auch kleine Krankenhäuser ihre Rolle finden. Die Menschen brauchen einen Kümmerer vor Ort, der gut vernetzt ist und die Patienten steuert. Der einfache Behandlungen selbst übernimmt und bei komplizierten Fällen in das nächste Krankenhaus der höheren Versorgungsstufe vermittelt. Für dieses Netzwerk braucht es bessere digitale Strukturen, damit der Datenaustausch reibungslos funktioniert. Einen Ausbau von Ivena, um zu sehen, wo Kapazitäten frei sind. Der Aufschlagspunkt muss möglichst wohnortnah sein. Aber wir können nicht in jedem Dorf einen Maximalversorger haben.

Aber bei Schließungen oder Teilschließungen hagelt es immer Proteste.

Weil die Unsicherheit groß ist. Doch wenn die Leute schwer erkranken, fahren sie nicht in ihr örtliches Krankenhaus, sondern in ein größeres. Es ist immer ein Einschnitt, wenn das heimische Krankenhaus verschwindet. Einfacher wird es, wenn stattdessen ein Kümmerer da ist, eine Grundversorgung, eine Art Allgemeinmedizinisches Krankenhaus in Zusammenarbeit mit Vertragsärzten und enger Anbindung an eine größere Klinik. Da ist die Krankenhausreform auf dem richtigen Weg, jetzt ist aber die Feinabstimmung nötig, es ist noch sehr viel unklar.

Das klingt nach Aufbruch. Wann kann es losgehen?

Ich hoffe, dass wir noch im Januar in Gespräche mit dem Land einsteigen und auch vorankommen. Wir haben schon sehr viel Zeit verloren. Leider wurde außer Acht gelassen, dass wir parallel dazu eine Reform der Krankenhausfinanzierung benötigen. Das jetzige System funktioniert nicht in einer Krisensituation. Sonst kommt es zu einem großen Krankenhaussterben und wir beginnen die Reform nur noch mit der Hälfte aller Krankenhäuser.

Interview: Jutta Rippegather

Das Personal muss möglichst effektin eingesetzt werden, sagt der Experte.
Das Personal muss möglichst effektin eingesetzt werden, sagt der Experte. © PantherMedia / Arne Trautmann

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