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Krankenhauspersonal in Hessen: Streit über Isolationspflicht

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Von: Jutta Rippegather

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In einigen Krankenhäusern in Hessen werden die Besuchsregeln verschärft.
In einigen Krankenhäusern in Hessen darf auch infiziertes personal arbeiten. Möglichst nicht in Patientennähe. © Christoph Reichwein/Imago Images

Die Ärztegewerkschaft nennt den Einsatz infizierten Personals „unverantwortlich“. Die Kliniken wollen damit einen Kollaps verhindern.

Wer positiv getestet ist, sollte nicht im Krankenhaus arbeiten, fordert Christian Schwark, Vorsitzender des Marburger Bunds (MB) Hessen. Es sei unverantwortlich, dass die Landesregierung von dieser wichtigen Schutzregel abweiche, urteilt der Landeschef der Ärztegewerkschaft. „Patienten müssen sich darauf verlassen können, nicht von akut infiziertem Personal behandelt zu werden.“ Und für Beschäftigte bestehe die Gefahr, sich bei infizierten Kolleg:innen anzustecken. Das würde den Personalnotstand zusätzlich verschärfen.

Isolationspflicht ausgesetzt

Trotz der Kritik der Gewerkschaften nutzen immer mehr Krankenhäuser in Hessen den Erlass vom 2. März. Sie rufen die Warnstufe gelb aus, die es ihnen ermöglicht, die Isolationspflicht auszusetzen. Wie viele Personen es sind, bleibt behördliche Verschlusssache. „Die Informationen liegen allen regional beteiligten Gesundheitsämtern, zentralen Leitstellen, Rettungsdienstträgern, Plankrankenhäusern und koordinierenden Krankenhäusern / Planungsstab sowie dem hessischen Ministerium für Soziales und Integration tagesaktuell vor“, teilt ebendieses Ministerium der Frankfurter Rundschau auf Anfrage mit.

Nach dessen Angaben gibt es keinen Grund zur Beunruhigung. Die stationäre Versorgung sei gesichert und stehe keinesfalls vor dem Kollaps. Im Gegenteil: Warnstufe gelb sei extra eingeführt worden, um mögliche Engpässe frühzeitig zu erkennen und geeignete Gegenschritte einzuleiten. „Das Informations- und Meldesystem gibt in der jeweiligen Stufe verpflichtende Maßnahmen vor, die eine Überlastung verhindern und die akut- und notfallmedizinische Versorgung aller Patienten sicherstellen sollen.“ Dazu gehörten die Verlegung von Patientinnen und Patienten in andere Krankenhäuser und der Verzicht auf planbare Leistungen. „Die Krankenhäuser sind verpflichtet, Maßnahmen in dem Umfang vorzunehmen, dass die medizinische Versorgung im Rahmen der Regelversorgung erfolgen kann.“

Dazu gehört die Option, unter bestimmten Bedingungen positiv getestetes Personal einzusetzen. Das finde in enger Absprache mit dem jeweiligen Gesundheitsamt statt, sagt Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Frankfurt, die am Freitag auf Warnstufe gelb geschaltet hat. Dort dürfen Beschäftigte fünf Tage nach Feststellen der Corona-Infektion wieder arbeiten, wenn sie seit 48 Stunden symptomfrei sind und der Antigenschnelltest negativ ausfällt. Ein PCR-Test ist nicht mehr notwendig, weil der auch noch anschlage, wenn keine Ansteckungsgefahr mehr drohe, sagt Graf. Er ist sich sicher, dass mit diesem Vorgehen die Sommerwelle handhabbar ist.

Notfallerlass

Im „Erlass zur Aufrechterhaltung der Patientenversorgung in den hessischen Krankenhäusern bei quarantäne-/ bzw. isolationsbedingtem Personalausfall“ vom 2. März steht:

Bei Gefahr für die Aufrechterhaltung der Patientenversorgung (Stufe gelb) erfolgt ein intensiver Austausch

zwischen den Krankenhäusern in der Region. In Verbünden/Konzernen ist

Personal zu transferieren. Ist beides erfolglos, ist der Einsatz infizierter Mitarbeitender möglich.

Die positiv getesteten Beschäftigten müssen sich selbst als arbeitsfähig erklären, dürfen „ausnahmsweise“ mit FFP2-Maske in der Patientenversorgung eingesetzt werden. Im direkten Kontakt mit Kolleg:innen müssen sie FFP2-Maske tragen. jur

Der Uniklinikchef leitet auch den Planstab stationär des Landes, in dem sich alle hessischen Versorger regelmäßig absprechen. Das geschieht derzeit wieder engmaschig, da die Sommerflaute der vergangenen beiden Jahre überraschend ausblieb. Schuld ist die hochansteckende Omikron-Variante BA.5, deren Anteil an den Corona-Neuinfektionen in Deutschland laut Robert-Koch-Institut inzwischen bei knapp 70 Prozent liegt. Sie trifft auf ein pandemiemüdes Volk und eine Politik, die nahezu alle Regeln des Infektionsschutzes aufgehoben hat. Die Folge: Es gibt wieder mehr Klinikeinweisungen und Todesfälle. Und was Corona im Herbst auf Lager hat, weiß keiner.

Freiwillig arbeiten

Ende voriger Woche hatte die privatisierte Universitätsklinik Gießen-Marburg ihrer Belegschaft mitgeteilt, die Beschäftigten dürften trotz positiver Corona-Tests freiwillig arbeiten, wenn sie FFP2-Maske trügen und symptomfrei seien. „Sofern möglich“ sollten sie „außerhalb vulnerabler Bereiche eingesetzt werden“. Begründet hatte die Geschäftsführung dies mit der akuten Personalnot. In dem Schreiben war nichts von einem Test erwähnt.

Wie Gießen-Marburg hat auch das Gesundheitszentrum Wetterau die Corona-Warnstufe gelb ausgerufen. In den drei Akutkrankenhäusern Friedberg, Bad Nauheim und Schotten dürfen „im Bedarfsfall“ auch positiv Getestete arbeiten. Bedingt durch die Virusvariante spitze sich die Situation rasant zu, teilt Geschäftsführer Dirk M. Fellermann mit.

Für den Landesvorsitzenden des Marburger Bunds war die Entwicklung absehbar. Seit Monaten warnten Kolleg:innen vor Engpässen. „Im Zuge der aktuellen Sars-CoV2-Infektionslage zeigt sich, wie katastrophal die Personalbesetzung an hessischen Krankenhäusern ist“, sagt Schwark. „Und zum wiederholten Mal in der Pandemie lässt die Wertschätzung des Personals in den Krankenhäusern zu wünschen übrig“, ergänzt Jörg Focke, Vorsitzender des Bezirksverbands Gießen der Ärztegewerkschaft. Er kritisiert das Prinzip der Freiwilligkeit. In der Vergangenheit seien solche Ausnahmeregelungen einzig über eine Sondergenehmigung des zuständigen Gesundheitsamts möglich gewesen. „Nun wird die Bürde der Entscheidung auf den einzelnen Mitarbeiter abgewälzt.“

Mit FF2-Masken sei es zudem nicht möglich, zu trinken oder zu essen. „Wer glaubt, dass zusätzliche Quarantänepausenräume geschaffen werden?“, fragt Focke und wirft der Politik vor, die Gefahr zu verharmlosen. Eine Infektion mit Sars-CoV-2 sei und bleibe weiterhin eine nicht zu unterschätzende Atemwegserkrankung.

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