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„Zwischen den Religionen gibt es weiter Unterschiede, aber eine Bereitschaft zusammenzuwirken“, sagt Jürgen Micksch.
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„Zwischen den Religionen gibt es weiter Unterschiede, aber eine Bereitschaft zusammenzuwirken“, sagt Jürgen Micksch.

Interview

„Kontakte sind entscheidend im Kampf gegen Rassismus“

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Jürgen Micksch hat Pro Asyl gegründet, die Interkulturellen Wochen und die Stiftung gegen Rassismus. Der 80-Jährige spricht über Geduld, Erfolge, Misserfolge – und Frankfurt als Vorreiter.

Jürgen Micksch ist ein bedächtiger Mensch. Er scheut sich nicht vor Pausen im Gespräch. Der Mann, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, sortiert seine Gedanken, bevor er Fragen druckreif beantwortet. Politisch hat er Ausdauer bewiesen: Über Jahrzehnte hinweg hat Micksch wirkungsvolle Institutionen gegründet, von Pro Asyl mit Sitz in Frankfurt bis zur Stiftung gegen Rassismus, die ihre Büros in Darmstadt hat.

Herr Micksch, der rassistische Terror von Hanau jährt sich bald. Politikerinnen und Politiker in Hessen haben nach diesen Morden eindringlich zum Kampf gegen Rassismus aufgerufen. Folgen den Ankündigungen genügend Taten?

Es ist oft so, dass politische Reden bald wieder vergessen werden. Auf der anderen Seite wird in den Administrationen darüber nachgedacht, dass man Gruppen stärker fördert, die gegen Rassismus arbeiten. Wir spüren, dass man sich darum bemüht, Gruppierungen aus der Zivilgesellschaft stärker zu unterstützen. Ich glaube, dass diese indirekte Folge wichtig ist.

Betroffene berichten immer wieder, dass sie Alltagsrassismus erleben – durch Polizei, Behörden, Vermieter und andere. Was ist dagegen zu tun?

Da brauchen wir eine Vielfalt von Aktivitäten. Das ist genau der Ansatz unserer Stiftung gegen Rassismus. Wir bemühen uns, Gespräche mit der Polizei zusammenzubringen, in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft der Polizei und dem Bund Deutscher Kriminalbeamter. Darüber haben wir auch die Länderinnenminister informiert. Gefördert wird das Vorhaben durch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Wir können feststellen, dass entsprechende Anfragen zum Beispiel beim Polizeipräsidium Darmstadt positiv beantwortet werden.

Die Polizei ist wegen etlicher Vorfälle in Misskredit geraten, etwa durch die „NSU 2.0“-Drohungen und die Polizeiabrufe persönlicher Daten. Welche Wege gehen Sie, um in eine solche Institution hineinzuwirken?

Wir versuchen, vor Ort Begegnungen in Gang zu bringen. Also konkret: Begegnungen von Polizisten mit Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Entscheidend sind nicht die Reden, sondern die Kontakte. Bei Begegnungen merken beide Seiten, dass es ganz andere Möglichkeiten gibt als das, was in der Regel öffentlich wird. In solchen persönlichen Begegnungen ist es möglich, dass sich rassistische Einstellungen reduzieren. Politik muss merken, dass sich von unten vor Ort etwas ändert. Erst dann bewegt sie sich.

Wenn Sie zurückschauen auf die Zeit, in der Sie sich in diesem Bereich engagierten: Was ist seither besser geworden?

Es ist in der Breite der Bevölkerung ein Bewusstsein entstanden, dass Rassismus überwunden werden kann. Es sind die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen, die sich engagieren. In der Anfangsphase waren es vor allem die Schulen. Heute sind sehr viele Vereine aktiv, der Sport, die Volkshochschulen. Im Bereich Medien ist das Bewusstsein ein ganz anderes als noch in den 90er Jahren. Aber es gibt Bereiche, die noch Defizite aufweisen. Bei der Polizei kann zum Beispiel mehr getan werden, darum bemühen wir uns. Oder bei der Bundeswehr, da haben wir allerdings noch kaum Ansatzmöglichkeiten.

Sie haben Pro Asyl 1986 in Frankfurt, im Dominikanerkloster, gegründet. Der Interkulturelle Rat wurde 1994 in Frankfurt aus der Taufe gehoben. Ist das Rhein-Main-Gebiet mit seiner Vielfalt prädestiniert für die antirassistische Arbeit?

Frankfurt spielt eine besondere Rolle, weil ich lange in Frankfurt im Kirchlichen Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland gearbeitet habe. Frankfurt ist ein Mittelpunkt in Deutschland, der verkehrsmäßig gut zu erreichen ist. Aber Frankfurt ist auch ein Ort, wo diese Themen einen besonderen Stellenwert haben und qualifiziert bearbeitet werden. Es gibt hier das Amt für multikulturelle Angelegenheiten, das sehr gut entwickelt ist. Da ist Frankfurt ein Vorreiter.

Was hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert an der Arbeit gegen rassistische Gewalt?

Wir haben 25 Jahre gebraucht, bevor in Deutschland überhaupt bewusst wurde, dass es Rassismus gibt und dass dies ein Problem ist. Dazu haben die Internationalen Wochen gegen Rassismus viel beigetragen. Durch die NSU-Morde, auch in Kassel, und durch die Morde in Hanau und Halle ist das Problem noch viel mehr Menschen deutlich geworden. Die Bereitschaft, in diese Thematik geistig und durch Aktivitäten zu investieren, wächst zusehends. Wir sehen das gut an der Anzahl der Veranstaltungen. Wir haben eine deutliche Bewegung zu einer Beschäftigung mit Rassismus und Rechtsextremismus, die den Boden für Gewalt bereiten.

Im vorigen Jahr wurden aber auch Sie von Corona ausgebremst.

Das stimmt, im letzten Jahr war fast nichts an präsenten Veranstaltungen möglich. Da sind viele in den digitalen Bereich ausgewichen. Wir sagen: Kontakte sind entscheidend im Kampf gegen Rassismus. Die sind im Moment nur begrenzt möglich. Insofern hat Corona uns sehr getroffen. Wir konnten im letzten Jahr davon ausgehen, dass 2000 Veranstaltungen stattgefunden hätten. Langfristig wird so etwas wieder möglich sein. Das Bewusstsein, dass gegen Rassismus etwas gemacht werden muss, steigt in den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen.

ZUR PERSON

Jürgen Micksch, der am heutigen Mittwoch 80 Jahre alt wird, hat eine Vielzahl von Institutionen und Organisationen für die interkulturelle und interreligiöse Arbeit gegründet. Auf seine Initiative gehen Flüchtlingsräte zurück, die Organisation Pro Asyl, die Interkulturellen Wochen, die Stiftung gegen Rassismus, das Abrahamische Forum und viele andere.

Der evangelische Theologe und Soziologe war 1980 der Erste, der den Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“ in die Debatte warf. Das Thema war bis dahin nur unter dem Begriff „Ausländerproblem“ diskutiert worden. Mitte der 1980er Jahre beobachtete Micksch eine „rassistische, aufgebrachte Stimmung“ gegen Flüchtlinge. Dass er mit der Gründung von Pro Asyl dagegenhalten wollte, stieß seinerzeit auf breites Misstrauen – in der Politik, in Wohlfahrtsverbänden und in der Kirche, für die er hauptberuflich arbeitete.

In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war Micksch in vielen Funktionen tätig, etwa als Ausländerreferent und Oberkirchenrat im Kirchlichen Außenamt. Von 1984 bis 1993 war er stellvertretender Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.

Als Interkultureller Beauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (bis 2001) verlagerte der in Seeheim-Jugenheim wohnende Theologe seine Aktivitäten noch stärker ins Rhein-Main-Gebiet. 2002 gründete Micksch das Deutsche Islamforum, 2014 die Stiftung gegen Rassismus, die ihren Sitz in Darmstadt hat. Seine zahlreichen Gründungen beschreibt Micksch in einer Broschüre. Der Titel ist sein Motto: „Wandel durch Kontakte“.

2018 wurden in Darmstadt die Scheiben einer Moschee eingeworfen. Der Imam bekam es mit der Angst zu tun. Sie haben reagiert, indem Sie „Schulter an Schulter“ organisiert haben. Was passiert da?

„Schulter an Schulter“ ist ein Arbeitskreis, wo wir versuchen, die Menschen nach tätlichen rassistischen Angriffen zu beraten, was sie tun können. Auch hier ist es der Weg von unten nach oben. Wir sagen: Bürgermeister dürfen solche tätlichen Angriffe nicht wegdrücken. Sie müssen die Vorfälle aufgreifen, in der Bevölkerung diskutieren, Solidarität mit den Betroffenen schaffen und den Tätern zeigen, dass mit solchen Angriffen die Solidarität mit den Betroffenen wächst. Es gibt viele Menschen, die sich bundesweit engagieren und die nach Angriffen aktiv werden mit Solidaritätsbesuchen, Briefen, Informationsveranstaltungen und so weiter.

Eines Ihrer Anliegen ist der interreligiöse Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen. Wie weit sind Sie damit gekommen?

Wir haben angefangen im Jahr 2001 mit Abrahamischen Teams, wo Juden, Christen und Muslime gemeinsam zu Veranstaltungen gehen. Das wurde damals von vielen Kirchengemeinden abgelehnt. In der Zwischenzeit finden solche Veranstaltungen in Synagogen, Kirchen und Moscheen statt. Die Menschen, die sich mit diesen Themen befassen, können sehen: Zwischen den Religionen gibt es weiter Unterschiede, aber eine Bereitschaft zusammenzuwirken. Das ist eine ganz großartige Entwicklung, die sich abhebt von unserer ganzen Geschichte und von der Entwicklung in vielen anderen Ländern.

Wie offen sind nach Ihrer Erfahrung die Moscheegemeinden für den Dialog?

Bisher haben jährlich mehr als 1700 Moscheen an den Internationalen Wochen gegen Rassismus mitgewirkt. Dann haben wir gesagt: Bei den Veranstaltungen sollen auch jüdische Persönlichkeiten in Moscheegemeinden eingeladen werden. Alle etablierten muslimischen Organisationen waren dazu bereit. Das ist sehr beachtlich. Es zeigt, dass das verbreitete Bild, dass in Moscheegemeinden Antisemitismus verbreitet wird, unzutreffend ist.

Und umgekehrt: Wie offen sind die anderen Teile der deutschen Gesellschaft für den Dialog mit den Muslimen?

Sie tun sich sehr schwer. Die Christengemeinden tun sich damit sehr schwer. Viele bemühen sich um interreligiöse Einladungen bei den UN-Wochen gegen Rassismus, haben dann aber Schwierigkeiten mit ihren Kirchenvorständen. Wir haben bisher etwa keine katholische Gemeinde gefunden, die mitmachen würde.

Sie sind 80 Jahre alt, haben vieles in Gang gesetzt, aber etliche Aufgaben auch abgegeben. Welche Aktivitäten treiben Sie persönlich noch voran?

Ich glaube, dass wir eine Verantwortung haben für den Kampf gegen Rassismus in östlichen Staaten. Hier bin ich im Stadium des Überlegens, dass wir versuchen, mit Aktiven in diesen Ländern Gespräche zu führen. Persönlich ist mir noch ein Projekt im Rahmen des Abrahamischen Forums in Deutschland sehr wichtig: dass sich Religionen verstärkt für die biologische Vielfalt einsetzen. Wir versuchen, neue Feste einzurichten wie das Arche-Noah-Fest, wo es um biologische Vielfalt geht, oder das Fest der Bäume am 25. April jedes Jahres.

Sie haben ein umfangreiches Lebenswerk von Institutionen, Initiativen und Netzwerken geschaffen. Ist Ihnen auch etwas misslungen?

Ich hatte mal eine Einrichtung gegründet, die hieß „Pro Allmende“. Da ging es darum, armen Menschen, etwa Flüchtlingen, leerstehende Flächen zur Verfügung zu stellen, damit sie dort etwas anpflanzen können. Das Projekt war im Endeffekt so schwierig, insbesondere bei der Versorgung mit Wasser, dass ich gesagt habe, dass ich das nicht hinbekomme. Ich muss sagen, ich habe vieles andere auch versucht, aus dem nichts geworden ist.

Und was ist gelungen?

Zum Beispiel die Interkulturelle Woche, die es seit 45 Jahren gibt, wo jährlich 5000 Veranstaltungen in Deutschland stattfinden. Sie haben einen starken Einfluss im kirchlichen Bereich und darüber hinaus. Gelungen ist auch die Gründung von Pro Asyl. Pro Asyl, die Flüchtlingsräte und die Interkulturelle Woche haben dazu beigetragen, dass wir von einer Willkommenskultur sprechen konnten. Wir haben weiterhin eine stabile Struktur von Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen.

Sie haben oft Widerstände überwinden müssen, von Parteien, von Wohlfahrtsverbänden, von Kirchen. Haben Sie einen Rat für Menschen, die aktiv werden wollen, wie sie solche Widerstände überwinden können?

Die Anfangsphase ist immer schwierig. Da gibt es in der Regel Widerstände von den Etablierten, die Konkurrenzen befürchten und den Eindruck haben, dass solche neuen Ansätze ihre Arbeit letztlich kritisieren. Ich kann nur raten, sich neue Ansätze sehr genau zu überlegen und zu wissen, dass man einen sehr langen Atem braucht. Beim Internationalen Tag gegen Rassismus haben wir sieben Jahre benötigt, ehe überhaupt eine nennenswerte Anzahl von Veranstaltungen stattgefunden hat. Diese Zeit ist durchzuhalten. Das ist etwas, was viele Institutionen nicht leisten können. Deshalb sind zivilgesellschaftliche Organisationen so entscheidend, die sagen: An dieser wichtigen Aufgabe bleiben wir dran, auch wenn viele Widerstände zu überwinden sind.

Interview: Pitt von Bebenburg

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