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Gut gebrüllt

Kolumne: Gewählte Worte

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Wenn die Grammatik in diesem Artikel nicht stimmt, ist die Sprachpolizei schuld.Die Kolumne aus dem Landtag.

Selten wurde ein Kompliment so uncharmant formuliert und zugleich so gerne aufgenommen. Mit einem „Decker, Du bist eine Schmeißfliege“ habe ihn Ministerpräsident Volker Bouffier einmal begrüßt, wusste der Abgeordnete Wolfgang Decker jetzt im Landtag zu berichten. Es gäbe Leute, die sich davon brüskiert fühlen würden. Aber nicht einer wie Decker.

Der hinter ihm sitzende Bouffier schmunzelte. Auch er schien sich an seine deftigen Worte zu erinnern, die gefallen sein sollen, als Decker mehrfach nervte, weil er sich für eine Tribüne im Kasseler Auestadion einsetzte. Gäbe es eine Sprachpolizei, sie hätte womöglich Anstoß an Bouffiers Wortwahl genommen, obwohl sie offensichtlich anerkennend gemeint war.

Trotz der Sottisen zum Abschied des 65-jährigen Nordhessen Decker aus dem Hessischen Landtag war die Atmosphäre in dieser Woche eher angespannt. Das lag am Polizeiskandal, dem sich das Parlament in einer langen Abendsitzung am Dienstag widmete – im Ausschuss für Inneres und Sport (!), der ausgerechnet während des Spiels der deutschen Fußball-Nationalelf bei der Fußball-Europameisterschaft tagte. Die Abgeordneten regten sich nicht, als Mats Hummels ins eigene Tor traf und die französische Mannschaft noch zwei Abseitstore erzielte – obwohl manch einer gelegentlich ins Handy schaute.

Ja, es lasten schwere Probleme auf dem Land. Nein, nicht die Sorgen der Fußballmannschaft oder die schlimmen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Auch nicht der Skandal um rechtsextreme Polizisten. Es gibt noch viel Schlimmeres, wenn man der AfD glaubt: der Umstand, dass immer mehr Menschen (und Medien wie die Frankfurter Rundschau) sich um sprachliche Gleichberechtigung der Geschlechter bemühen. Die AfD wittert überall eine Sprachpolizei, die keinen grammatikalisch ordentlich schreibenden Deutschen mehr ruhig schlafen lässt.

Zum wiederholten Mal setzten die AfD-Abgeordnete das Thema Gendersprache auf die Tagesordnung und amüsierten sich über die eigene Gewitztheit, indem sie die Grünen als „Grüninnen“ ansprachen. Der Landtag, so stand es ernsthaft in ihrem Antrag, solle begrüßen, „dass die Fraktion der AfD keine grammatikalisch falsche Gender-Sprache verwendet und sich an die amtliche deutsche Rechtschreibung hält“. Ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Frank Grobe scheute nicht davor zurück, sein Mitgefühl mit eingewanderten Menschen aus Syrien oder Eritrea ins Feld zu führen, die es mit der deutschen Sprache schwer genug hätten und nicht noch mit Gendersternchen behelligt werden dürften.

Staatskanzlei-Chef Axel Wintermeyer (CDU) nahm sich die rechte Truppe vor, in deren 17-köpfiger Fraktion nur eine Frau sitzt. Es gebe keinen „Gender-Zwang“, wie die AfD behaupte. Allerdings fühle sich die Landesregierung „der Gleichberechtigung aller Geschlechter verpflichtet“ und bemühe sich daher grundsätzlich um eine geschlechtsneutrale Sprache in ihren Schriftstücken, erklärte er.

Doch das Thema scheint die Union selbst umzutreiben. Als die Hessen-CDU vor einer Woche tagte, erwähnte Parteichef Bouffier Probleme wie den Polizeiskandal nicht. Dagegen ging er, warum auch immer, auf die Genderdebatte ein. „Ja, wer gendern möchte, der soll es tun. Aber wer es nicht möchte, dem soll man aber auch die Freiheit geben, es zu lassen“, erklärte er. Unübersehbar: Auch Bouffier versteht es, auf Pappkameraden einzuschlagen und der nicht vorhandenen Sprachpolizei ordentlich die Meinung zu sagen.

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