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Im neuen Jahr könnte die Produktion von Trimodulin in Dreieich größer anlaufen.
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Im neuen Jahr könnte die Produktion von Trimodulin in Dreieich größer anlaufen.

Pandemiebekämpfung

Kein Fördergeld für lebensrettendes Corona-Präparat von Biotest

  • Annette Schlegl
    VonAnnette Schlegl
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Die Ministerien in Land, Bund und EU haben keine Finanzhilfe für die Dreieicher Biotest AG und deren Medikament für schwerste Covid-19-Fälle auf Intensivstationen bewilligt.

Der Frust beim Dreieicher Unternehmen Biotest AG sitzt tief. Der Hersteller von lebensrettenden Medikamenten hatte Finanzhilfen bei Bund und Land beantragt, um eine Studie sowie Produktionsanlagen für ein Covid-19-Medikament bezahlen zu können. Trimodulin hilft bei schweren Lungenentzündungen – und könnte dafür sorgen, dass schwerstkranke Corona-Patient:innen nicht beatmet werden müssen. Doch der Staat sagte „Nein“.

Es ging um zwölf Millionen Euro Fördergelder, die das Unternehmen bei erfolgreicher Zulassung des Medikaments sogar zurückzahlen wollte. Da Biotest keine staatliche Unterstützung bekam, war nicht genug Geld da, um die Produktion des Covid-19-Medikaments schnell und in großem Maße aufzunehmen.

Biotest stellte mehrere Anträge auf Finanzhilfen

Das Unternehmen nutzt Blutplasmaspenden, um Medikamente zu entwickeln und herzustellen. Es habe in den vergangenen drei Jahren rote Zahlen geschrieben, sagt Unternehmenssprecher Dirk Neumüller. Man habe in dieser wirtschaftlichen Lage das Risiko nicht eingehen können, kurzfristig große Mengen des Medikaments herzustellen und in Produktionsanlagen zu investieren. Schon im Vorjahr habe sein Arbeitgeber deshalb versucht, an Fördergelder zu kommen. „Wir haben im März, Mai, Juni, im Herbst und im Januar dieses Jahres Anträge auf Finanzhilfen gestellt“. sagt er. Erfolglos. „Der Einzige, der mit uns geredet hat, war der hessische Finanzminister“, so Neumüller. Alle anderen hätten auf die Bittbriefe des Unternehmens lediglich eine abschlägige Antwort versandt.

Bei der Landesregierung „gegen Wände gelaufen“

Die Biotest AG sei mit ihrem Hilfeersuchen in Wiesbaden „gegen Wände gelaufen“, sagt René Rock, Vorsitzender der hessischen FDP-Landtagsfraktion, der im Rahmen seiner Wahlkreis-Sommertour am Mittwoch im Unternehmen war. Er selbst sei seit einem Jahr „am Thema dran“, habe mehrere Anfragen im hessischen Landtag gestellt. Biotest erhalte keine Fördermittel, hieß es dort, sei für die Landesregierung zur Förderung zu groß. Philipp Nimmermann (Grüne), Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium, erklärte im letzten Herbst in einem Interview des Hessischen Rundfunks, die Förderrichtlinien des Landes seien auf kleine und mittelständische Unternehmen bis 250 Beschäftigte ausgerichtet. Im Wirtschaftsministerium habe man fünf Millionen Euro für das Jahr für Forschung und Entwicklung zur Verfügung.

Biotest AG

Die Biotest AG beschäftigt am Standort Dreieich 1400 Menschen, weltweit sind es knapp 2000.

Das börsennotierte Unternehmen hat im Vorjahr einen Umsatz von 484,2 Millionen Euro erzielt.

Erst vor zwei Wochen haben das Regierungspräsidium Darmstadt und das Paul-Ehrlich-Institut die neu gebaute Produktionsanlage in Dreieich abgenommen. Der Bau war vor sieben Jahren begonnen worden und kostete 300 Millionen Euro, die Zulassung der Produkte weitere 300 Millionen. ann

„Für Hessen sind wir zu groß, für den Bund zu klein, für die EU zu deutsch“, fasst Neumüller die Bemühungen um Finanzhilfen zusammen. Die Zuständigkeiten seien in den Ministerien hin und her geschoben worden. Beim Bund hieß es, man wolle sich auf die Förderung von Impfstoffen konzentrieren.

Biotest wollte zwölf Millionen Euro Fördergeld

15 Millionen Euro wollte das Unternehmen in die Herstellung des Medikaments investieren. Davon sind eigentlich 80 Prozent förderfähig – also zwölf Millionen Euro. „Damit hätte Biotest zwei Tonnen produzieren können“, so Landtagsabgeordneter Rock. „Das reicht für 50 000 Menschen.“ Doch ohne staatliche Hilfe hätten Beschäftigte abgebaut werden müssen, um die Studie für das Immunglobulin zu finanzieren.

seit Oktober 2020 in Phase 2 in Spanien, Frankreich, Brasilien und Russland und konnte im Juli abgeschlossen werden. 82 Patient:innen wurden auf den Intensivstationen wie bisher üblich auf Covid behandelt, 82 weitere bekamen zusätzlich Trimodulin. Im August erwartet Biotest die Ergebnisse der Studie, reicht sie dann im Erfolgsfall bei der Europäischen Arzneimittelbehörde in Amsterdam ein und erhält danach die Zulassung.

Sterberate konnte um 80 Prozent gesenkt werden

„Eine um 20 Prozent verringerte Mortalität reicht für die Zulassung“, sagt Neumüller. „Ende des Jahres können wir dann an den Markt.“ Mit schnellem Geld hätte die Produktion schon hochgefahren werden können. „Wir haben eineinhalb Jahre verloren.“ Auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten habe das Unternehmen schon rund 70 Kilogramm des Medikaments produziert, sagt er. Das sei aber „so wenig Material, dass wir damit nicht einmal in Deutschland helfen können“.

Dass das Mittel wirkt, habe schon vor vier Jahren eine Studie ergeben, die zwar im ersten Schritt nicht erfolgreich war, aber für eine Subgruppe aufzeigte, welchen Patient:innen geholfen werden kann. Bei Menschen, die eine starke Lungenentzündung und einen schlechten Antikörperspiegel hatten, konnte die Sterberate um 80 Prozent gesenkt werden. „Das ist genau das Krankheitsbild, das Covid-Patienten haben, bevor sie auf die Intensivstation kommen.“

Für den Landtagsabgeordneten Rock ist es immer noch ein Skandal, dass die Firma nicht gefördert wird. Allein schon vor dem Hintergrund, dass die Schuldenbremse ausgesetzt ist und dass gut 550 Millionen Euro vom Bund in den Corona-Impfstoff der bisher erfolglosen Tübinger Firma Curevac geflossen sind. Und Neumüller sagt: „Es geht um Menschenleben, mit denen die Politik im Fall von Biotest spielt.“

Das Medikament soll das Leben von Corona-Patienten retten.

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