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Führt neue zweite und dritte Fremdsprachen ein: Hessens Kultusminister Alexander Lorz.
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Führt neue zweite und dritte Fremdsprachen ein: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. (Archivbild)

Bildung

„Seit Jahren vertröstet“: Türkisch weiterhin keine Fremdsprache an Hessens Schulen

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Die hessische Landesregierung führt neue Fremdsprachen an den Schulen ein, von Portugiesisch bis Arabisch – aber die wichtigste Zuwanderersprache fehlt.

Wiesbaden – Die schwarz-grüne Landesregierung eröffnet neue Möglichkeiten, Sprachen als zweite oder dritte Fremdsprachen an den Schulen zu belegen. Polnisch, Chinesisch, Portugiesisch und Arabisch kommen dazu. Aber ausgerechnet die wichtigste Sprache von Migrantinnen und Migranten in Hessen fehlt: Türkisch. Das sorgt für Unmut in der Community der Türkei-stämmigen Menschen und darüber hinaus.

Auch die Sozialdemokraten können nicht nachvollziehen, warum die Landesregierung die türkische Sprache beim Ausbau der Fremdsprachen-Erziehung nicht berücksichtigt. Ihr Antrag, dass neben Arabisch auch andere häufig gesprochene Herkunftssprachen wie Türkisch und Griechisch „dauerhaft als zweite oder dritte Fremdsprache und versetzungsrelevantes Wahlpflichtfach an allgemeinbildenden Schulen im Regelunterricht angeboten werden“, wurde im Kultusausschuss des Landtags ablehnt.

Hessen: SPD, FDP und Linke wollen Türkisch-Unterricht an Schulen

Nur SPD, FDP und Linke unterstützten ihn, während CDU, Grüne und AfD dagegen stimmten. Am heutigen Mittwochabend soll dieses Votum formell vom Plenum des Parlaments bekräftigt werden, ohne weitere Debatte. Für den Donnerstag hat die SPD eine Aktuelle Stunde dazu im Landtag auf die Tagesordnung gesetzt.

„Ich bedaure sehr, dass Schwarz-Grün diesbezüglich zu zaghaft ist und die Nachfrage der Schülerinnen und Schüler ignoriert, indem scheinbar willkürlich bestimmte Sprachen gefördert werden“, kommentierte der SPD-Integrationspolitiker Turgut Yüksel. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) müsse „endlich dafür sorgen, dass Mehrsprachigkeit in ihrer ganzen Breite an hessischen Schulen gefördert wird“.

Neue Fremdsprachen an hessischen Schulen: Chinesische, Arabisch, Portugiesisch, Polnisch

Kultusminister Lorz weist darauf hin, dass Chinesisch, Arabisch und Portugiesisch zu den meistgesprochenen Sprachen der Erde zählten. Für die Aufnahme von Polnisch argumentieren CDU und Grüne, es gehe darum, „die Partnerschaft und Freundschaft Deutschlands zu seinem großen östlichen Nachbarn zu vertiefen, den europäischen Gedanken zu fördern und die Erinnerung an die konfliktträchtige europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts wach zu halten“.

Zum anderen verweist Minister Lorz darauf, dass ein Schulversuch mit Türkisch als zweiter Fremdsprache an der Georg-August-Zinn-Schule und der Heinrich-Kraft-Schule in Frankfurt sowie an der Mathildenschule in Offenbach „mangels ausreichender Nachfrage“ wieder eingestellt worden sei. Das allerdings liegt mehr als ein Jahrzehnt zurück.

Fremdsprachen

An den hessischen Schulen werden als zweite und dritte Fremdsprache bisher angeboten: Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Altgriechisch und Latein.

Im Schuljahr 2019/20 sind hinzugekommen: Chinesisch (als neubeginnende Fremdsprache in der gymnasialen Oberstufe); Polnisch (in der Sekundarstufe I der Gymnasien und in Realschulen).

2021/22 kommen hinzu: Polnisch (in der gymnasialen Oberstufe) sowie Chinesisch (in der Sekundarstufe I im gymnasialen Bildungsgang; zudem ist geplant, das Fach in der gymnasialen Oberstufe zum Schuljahr 2022/2023 anzubieten).

2023/24 kommen hinzu: Portugiesisch und Arabisch, in Realschulen und Gymnasien. pit

Türkisch-Unterricht: Häufig nicht von hessischen Lehrer:innen erteilt

Die Befürworterinnen und Befürworter eines neuen Anlaufs gehen davon aus, dass sich die Lage geändert hat. Vor zehn oder 15 Jahren seien Türkei-stämmige Menschen oft verunsichert gewesen und hätten befürchtet, dass ihre Kinder nicht richtig Deutsch oder Englisch lernen, wenn sie Türkisch-Unterricht besuchen, schildert Arif Arslaner, der Geschäftsführer des Frankfurter Bildungsträgers Kubi (Gesellschaft für Kultur und Bildung). Heute sehe die dritte oder vierte Generation eher die Chancen, mit besseren Sprachkenntnissen etwa bei türkischen Firmen in Deutschland einsteigen zu können.

Türkisch-Unterricht gibt es zwar an manchen Schulen, allerdings nur als herkunftssprachlichen Unterricht, der nicht versetzungsrelevant ist. Zudem wird er häufig nicht von hessischen Lehrerinnen und Lehrern erteilt, sondern von Lehrkräften, die von den türkischen Konsulaten entsandt werden.

Türkische Gemeinde Hessen: „Seit Jahren werden wir vertröstet“

Seit Jahren fordern viele Verbände, darunter die Türkische Gemeinde Hessen, die Einführung des Türkisch-Unterrichts als zweite und dritte Fremdsprache. Eine Petition, die Arslaner und andere vor drei Jahren betrieben, sammelte mehr als 20 000 Unterschriften ein. Verwirklicht wurde sie nicht. „Seit Jahren werden wir vertröstet“, klagt Arslaner. Die Entscheidung, nun andere Sprachen anzubieten, löse bei vielen Türkei-stämmigen Menschen Empörung aus, berichtet er. „Sie verstehen das so, dass sie hier nicht willkommen sind.“

Der Grünen-Bildungspolitiker Daniel May sagt, die Zielgruppen von herkunftssprachlichem Unterricht und Fremdsprachenunterricht seien verschieden. Fremdsprachenunterricht ziele „auf das Erlernen einer neuen Sprache ab und richtet sich somit primär an Schülerinnen und Schüler, die keine Kenntnisse in der jeweiligen Sprache mitbringen“, erläutert er.

Hessen: Quantitative Verbreitung der türkischen Sprache

Aber müsste das nicht auch für das Arabische gelten? Diese Sprache wird von CDU und Grünen als „Weltsprache“ herausgehoben. Grünen-Politiker May erläutert, Kriterien für die Auswahl seien „die quantitative Verbreitung der Sprache weltweit, Möglichkeiten zum Schüler:innen-Austausch, die Bedeutung der Sprache im Kontext der europäischen Einigung und die Anzahl der Sprecher:innen der Sprache in Deutschland“ gewesen. Auf dieser Grundlage sei die Nachfrage für das jeweilige Fremdsprachenangebot eingeschätzt worden. Die Grünen stünden allerdings „künftigen Erweiterungen, auch um das Türkische, grundsätzlich offen gegenüber“.

Die hessischen Ausländerbeiräte hätten sich schon jetzt „eine klare Aufwertung“ von Türkisch und Griechisch gewünscht. Ihr Vorsitzender Enis Gülegen stellte die Frage, weshalb „zwei Sprachen außen vor bleiben, die aufgrund der Arbeitskräftezuwanderung bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert tief in der hessischen Gesellschaft verwurzelt“ seien. Gülegen sprach von einer „Ignoranz gegenüber diesen wichtigen südosteuropäischen Sprachen“, die beschämend sei. (Pitt v. Bebenburg)

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