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In Hessen sind 350 Praxissitze nicht besetzt

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Von: Jutta Rippegather

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Vor allem auf dem Land fehlt es an Hausärztinnen und Hausärzten.
Vor allem auf dem Land fehlt es an Hausärztinnen und Hausärzten. © Imago/Michael Gstettenbau

Die Ärztelobby sieht sich von Politik gegängelt und finanziell „abgespeist“. Krankenhäuser würden bevorzugt. Deshalb wird gestreikt.

Am dramatischsten in Hessen ist die Situation in den nördlichen Kommunen Sontra und Borken. Dort liegt der Versorgungsgrad bei 63 beziehungsweise 65 Prozent. Doch auch im Rhein-Main-Gebiet können Hausarztsitze nicht besetzt werden. In Hanau sind es 26. In Heusenstamm/Rödermark/Rodgau/Dietzenbach 17. Grundsätzlich aber ist im Ballungsraum die Chance noch größer, bei gesundheitlichen Beschwerden einen Termin beim Hausarzt oder bei einer Hausärztin zu ergattern.

Keine Lust auf ambulante Versorgung

„Hessen franst von den Rändern her immer mehr aus“, sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, auf Anfrage. „Je stärker die Randlage, desto dünner die hausärztliche Versorgungslage.“ Bei den Fachärzt:innen sei diese Entwicklung nur noch eine Frage der Zeit. Das liege nicht nur daran, dass die Babyboomer nun langsam ausscheiden. „Es gibt viele andere Faktoren, die die ambulante Versorgung offensichtlich lange nicht mehr so attraktiv erscheinen lassen, um die immer größer werdenden Lücken zu schließen.“ Die Zahl der Niederlassungswilligen sei überschaubar. „Und natürlich wirkt sich immer mehr aus, dass es zu wenige Medizinstudierenden für eine alternde Gesellschaft gibt, die dann auch noch in viel zu geringem Maß Lust auf die ambulante Versorgung haben.“

Rund 350 Praxissitze in Hessen sind nach Angaben der KV-Sprechers offen. „Ein Status, vor dem wir zwar jahrelang gewarnt, den aber offensichtlich niemand ernst genommen hat.“ Und es gebe immer mehr, die eigentlich noch arbeiten wollten, aber entnervt ihre Zulassungen zurückgäben, wegen der gescheiterte Digitalisierung im Gesundheitswesen, fehlender Unterstützung in Krisen und mangelhaften Verlässlichkeit in Bezug auf gesetzliche Regelungen. Die ambulante Versorgung, so die Erwartungshaltung, habe zu liefern wenn sie gebraucht werde, etwa bei der Pandemie oder den Impfungen. Aber mit der Wertschätzung klappe es nicht. Gerettet würden immer nur die Krankenhäuser. „Das“, sagt Roth, „zehrt und nervt und möchte niemand so mehr akzeptieren.“

Umdenken gefordert

Die Delegiertenversammlung des Hausärzteverbands Hessen forderte ein Umdenken in der Gesundheitspolitik. „Die bewährte zeitnahe und wohnortnahe ambulante ärztliche Versorgung durch Haus- und Fachärzte sowie die freie Arztwahl müssen gesichert werden“, heißt es in ihrer Resolution. Das neue sogenannte GKV-Finanzstabilisierungsgesetz werde zu längeren Wartezeiten und Aufnahmestopps führen. So fällt etwa der Bonus für Neupatient:innen weg. Hinzu kämen die Sparpläne der Krankenkassen, die die Niedergelassenen mit einer Honorarerhöhung von zwei Prozent „abspeisen“ wollten. „Die Honorarentwicklung deckt die steigenden Lohn-, Hygiene- und Energiekosten nicht annähernd ab. Wenn die Kosten weiter steigen, werden viele Praxen ihr Angebot reduzieren müssen“, so die Sorge der Delegierten. Als einen „Affront“ empfinden sie die von der Bundesregierung geplanten Gesundheitskioske, in denen nichtärztliches Personal den Zugang in die ärztliche Versorgung steuern soll. „Diese Sparmaßnahmen bedeuten erhebliche Einbußen an Qualität und gefährden letztlich die Gesundheit unserer Patientinnen und Patienten.“

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