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Im Rhein kann man trockenen Fußes zum Binger Mäuseturm laufen

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Von: Peter Hanack

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Die Insel im Rhein, auf der der Binger Mäuseturm steht, ist derzeit aufgrund des Niedrigwassers zu Fuß zu erreichen - was aber verboten ist.
Die Insel im Rhein, auf der der Binger Mäuseturm steht, ist derzeit aufgrund des Niedrigwassers zu Fuß zu erreichen - was aber verboten ist. © dpa

Der niedrige Wasserpegel am Rhein hat auch kuriose Seiten. Vor allem aber treffen die Einschränkungen der Schifffahrt die Häfen und die Wirtschaft in Hessen.

Alina H. wohnt in Bingen, mit bester Aussicht auf den Mäuseturm, der dort mitten im Rhein steht. Normalerweise jedenfalls. In den vergangenen Tagen nämlich war rund um das denkmalgeschützte Bauwerk vom Fluss so gut wie nichts zu sehen. „Eigentlich darf die Insel mit dem Turm niemand betreten“, erzählt die 25-Jährige. „Aber jetzt kann man halt trockenen Fußes dorthin gehen, und das machen auch viele Leute.“

FR-Leserin Alina H. findet das nicht so gut, schließlich ist die Insel Naturschutzgebiet. Sie war selber noch nicht dort. Aber auch von der Stelle aus, an der sich sonst das Rheinufer befindet, hat sie einen guten Blick auf die Misere. „Sonst schwimmen hier die Enten, jetzt sitzen sie auf den Steinen herum“, berichtet sie. Ein verstörendes Bild. Wie auch das mit den Flussschiffen. „Es sieht aus, als wenn sie schon auf Grund gelaufen wären“, sagt Alina H..

Pegel weiter gesunken

Tatsächlich ist der für die Schifffahrt auf dem Rhein wichtige Pegelstand bei Kaub zwischen Mainz und Koblenz weiter gefallen. Er lag nach Angaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) am Montagmitag bei 31 Zentimetern und damit rund drei Zentimeter niedriger als zum gleichen Zeitpunkt des Vortags. Bis Freitag könne er sich zwischen 31 und 33 Zentimetern einpendeln.

Einschränkungen für die Schifffahrt werde man aufgrund der niedrigen Wasserstände nicht anordnen, kündigte das dafür zuständige Wasser- und Schifffahrtsamt Rhein (WSA) an. Die Auswirkungen des Niedrigwassers seien faktischer Natur: Es gehöre zum Tagesgeschäft, die Ladung – und damit den Tiefgang des Schiffes – an die aktuellen Wasserstände auf der jeweiligen Fahrstrecke anzupassen. Bei niedrigen Wasserständen könne entsprechend weniger Fracht befördert werden.

Frachtpreise steigen

Für die Schifffahrt ist die Fahrrinnentiefe relevant, erläuterte ein Sprecher der Behörde. Am Niederrhein betrage sie aktuell zwischen 1,95 und 2,15 Meter. Am Mittelrhein stelle der Abschnitt bei Kaub eine Engstelle dar. Hier betrug die Fahrrinnentiefe am Montag lediglich 1,43 Meter. Entsprechend groß seien die Einschränkungen.

Das treibt die Preise für die Fracht nach oben. „Schiffsraum ist inzwischen knapp geworden, denn Schiffe können häufig nur noch zu Teilen beladen werden“, erläutert dazu Ilja Nothnagel vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Mehrere Industrien seien abhängig von der Binnenschifffahrt, vor allem die chemische Industrie, die Stahlindustrie und Kohlekraftwerke.

Kraftwerk fehlt Kühlwasser

So hat Uniper, Betreiber des Kraftwerks Staudinger bei Hanau, bereits gemeldet, die Stromproduktion herunterfahren zu müssen, wenn nicht genug Kohle über den Rhein und Main ankomme. Zudem sei das Wasser im durch zahlreiche Schleusen aufgestauten Main inzwischen so warm, dass es kaum noch als Kühlwasser tauge.

Betroffen von der anhaltenden Trockenheit sind auch die Häfen in Hessen. So tragen die Schiffe im Hanauer Hafen nur noch rund ein Drittel der sonst üblichen Last. Werden dort normalerweise rund zwei Drittel der Waren per Schiff und nur ein Drittel auf der Schiene umgeschlagen, ist das Verhältnis aktuell in etwa ausgewogen. Gravierend auch die Auswirkungen auf Frankfurt. Im zehntgrößten Binnenhafen Deutschlands kommt derzeit sichtbar weniger Frachtgut per Schiff an als normal. Kunden setzen verstärkt auf den Transport mit Lastwagen – vor allem, um den Engpass Mittelrhein zu umgehen.

Überall Algen

Sichtbar sind die Folgen des Wassermangels auch andernorts. So ist die Nahemündung am Rhein bei Bingen von einem grünen Algenteppich bedeckt. Auch am Schiersteiner Hafen in Wiesbaden haben sich die Algen breit gemacht. Das Ufer in der Bucht, in der Segelschiffe und Motorboote vor Anker liegen und der Schiersteiner Wassersportverein sein Domizil hat, ist breit wie nie. Große Steine ragen aus dem Wasser.

„So tief stand das Wasser schon lange nicht mehr“, sagt ein Mann, der regelmäßig mit seinem Hund zum Spazierengehen hierher kommt. „Gut, dass die Wassersportler gerade Sommerpause haben“, findet er. Auch am Rheinufer bei Wiesbaden bietet sich ein ungewohntes Bild. Der braun-graue Uferstreifen zu beiden Seiten des Flusses wird immer breiter, Steinblöcke und Sand kommen zum Vorschein. Das Freizeitgelände Rettbergsaue kann man seit Mitte vergangener Woche nur noch mit dem eigenen Boot erreichen, wenn überhaupt.

Fährbetrieb eingestellt

Die Personenfähre Tamara, die üblicherweise von ihrer Anlegestelle am Biebricher Schloss zur Rheininsel und weiter in den Schiersteiner Hafen fährt, verkehrt nicht mehr. Grund seien die niedrigen Pegelstände des Rheins, teilen die Betreiber auf ihrer Homepage mit. Sobald sich die Situation verändere und die Wiederaufnahme des Fährbetriebs in Aussicht stehe, werde man dies bekanntgeben.

Das wird aber wohl noch einige Zeit dauern. Denn die Wasserstände an Mittel- und Niederrhein befinden sich nach Angaben des Wasser- und Schifffahrtsamtes Rhein infolge der fehlenden Niederschläge der vergangenen Wochen und Monate derzeit „auf einem für diese Jahreszeit außergewöhnlich niedrigen Niveau“. Selbst die für Mitte dieser Woche angekündigten Regenfälle würden an dieser Situation nicht viel ändern. mit dpa

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