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Darüber, wie viele Kinder und Jugendliche von häuslicher Gewalt betroffen sind, gibt es keine bundesweiten Sudien. iStock
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Darüber, wie viele Kinder und Jugendliche von häuslicher Gewalt betroffen sind, gibt es keine bundesweiten Sudien.

Häusliche Gewalt

„Ich habe ihn gehasst“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Mehrere Jahre lebt Judith in Angst vor ihrem Stiefvater. Sie fürchtet um das Leben ihrer Mutter. Die Geschichte über eine geraubte Jugend.

Es passierte an einem Freitag. Judith steigt nach der Schule in den Bus. Sie freut sich schon auf die Party am Abend bei ihrer Freundin. Der Bus stoppt an Judiths Endhaltestelle, die etwa einen Kilometer von ihrem Wohnhaus entfernt ist. Dort, wo die 16-Jährige jahrelang Gewalt gegen ihre Mutter, gegen ihre Schwester und gegen sich selbst erlebte. Judith steigt aus dem Bus und sieht ihre Mutter, ihre Schwester und ihren Großvater im Auto sitzen. Sie fahren weg, weit weg. Sie verlassen die bayerische Kleinstadt, sie verlassen Bayern.

Judiths Stiefvater weiß nichts von diesen Plänen seiner Ehefrau und deren Eltern. Als sie im Auto in die Freiheit sitzen, ist er auf der Arbeit. Es ist der 9. November 2007. Nach vielen Jahren ist der Spuk endlich vorbei.

Judith hat sich dazu entschieden ihren Namen zu ändern. Sie sitzt in einer Wohnung am Wohnzimmertisch und trinkt einen Espresso. Sie ist heute 29 Jahre alt, lebt und arbeitet im Rhein-Main-Gebiet. Mit dem Kapitel aus ihrer Kindheit und Jugend hat sie heute abgeschlossen, wie sie sagt. Doch Judith erinnert sich noch sehr gut an diese Zeit. An eine Zeit, die ihr die Jugend raubte.

Wie viele Kinder und Jugendliche von häuslicher Gewalt betroffen sind, ist schwer zu sagen. „Es gibt eine große Dunkelziffer“, sagt Stefan Schäfer, Geschäftsführer vom Kinderschutzbund in Frankfurt. Gerade während der Corona-Pandemie gehen Expertinnen und Experten von steigenden Zahlen bei psychischer und physischer Gewalt aus, doch bundesweite Studien gibt es nicht. „Die soziale Kontrolle fehlt, weil durch den Lockdown Schulen und Kitas zu sind. Dadurch bekommt es kaum jemand mit“, sagt Schäfer.

Bei Judith hat es außerhalb der vier Wände auch niemand mitbekommen. Nach außen sollte immer „heile Welt gespielt“ werden, sagt Judith. Sie wächst in einer bürgerlichen Familie auf. „Mein Stiefvater hat eine eigene Firma. Wir wohnten in einem Haus, und man kannte uns in der Kleinstadt. Wir waren eine junge nette Familie“, sagt sie. Dieses Bild durfte in den Augen von Judiths Stiefvater keine Risse bekommen. Immer dann, wenn die Stimmung sich so stark anspannte, dass sie gleich anfing zu brodeln, bevor die Nachbarinnen und Nachbarn von den Schreien, den Tritten, den Schlägen etwas mitbekommen könnten, schließt Judiths Stiefvater die Fenster. „Dann wusste ich, jetzt geht’s wieder los.“

Judiths Kindheit und frühe Jugend ist beherrscht von Angst. Jede verhält sich in der Gegenwart des Vaters so unauffällig wie möglich oder vermeidet Konflikte. „Die Streitsituationen hatten keinen Anlass, sondern hingen von der Laune meines Stiefvaters ab. Aus seiner Sicht war immer meine Mutter schuld. Sie hätte ihn immer provoziert“, sagt Judith. „Ich habe ihn gehasst.“

Ihre Eltern streiten sich vor allem abends und oft das ganze Wochenende. Drei, vier oder fünf Stunden lang. „Das waren regelrechte Streitorgien. Immer verließ irgendwer das Haus. Meine Mutter rannte mal barfuß hinaus und kam nach zwei Stunden wieder“, erinnert sie sich. Judith ist in der Zeit eine gute Beobachterin, folgt ihren Eltern durch das Haus und verbringt viel Zeit am Fuß der Wendeltreppe. Jeden Abend sitzt Judith dort und lauscht. Wenn es ihr zu viel wird, rennt sie zu ihren Eltern, will den Streit schlichten, versucht, sie zu trennen. Dann sagt sie Sätze wie: „Jetzt sagt jeder drei Sachen, warum er den anderen liebhat.“ Sie wollte damals Paartherapeutin werden. Judith lacht kurz, während sie das erzählt. „Ich dachte, ich wäre bestimmt gut darin.“

Besonders schlimm sind für Judith Situationen, in denen sie nicht mehr eingreifen kann. Wenn ihre Eltern sich in der Küche streiten und die Tür geschlossen ist. „Ich musste an die Messer denken. Ich habe immer auf den Atem meiner Mutter gehört, ob sie noch Luft bekommt. In anderen Situationen, wenn sie am Boden lag oder sich den Kopf anschlug, konnte ich das sehen und hätte eingreifen können“, erzählt Judith.

Aber nicht nur im Haus kommt es zu Gewalt und stundenlangen Streits. Autofahrten und Urlaube seien besonders schlimm gewesen. „Mein Vater ist immer total aggressiv gefahren. Einmal hielt es meine Mutter nicht mehr aus und ist aus dem fahrenden Auto gesprungen. Sie hatte aber nur Schürfwunden.“ Auch Familienurlaube seien „Horrorwochen“ gewesen, erinnert sie sich. „Streit gab es sowieso immer“, sagt Judith, „aber die Möglichkeiten zu fliehen, die gab es eben nicht“.

Studie

In einer ersten großen repräsentativen Studie der TU München und des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung wurden die Erfahrungen von Frauen und Kindern mit häuslicher Gewalt in Deutschland während der Corona-Pandemie untersucht.

Demnach wurden in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen im Frühjahr 2020 in 6,5 Prozent der Haushalte Kinder gewalttätig bestraft.

Kamen Faktoren wie Quarantäne (10,5%), finanzielle Sorgen (9,8%) und Depressionen (14,3%) hinzu, lagen die Zahlen noch deutlich höher.

Ein Vergleich dieser Zahlen mit Daten aus der Zeit vor der Pandemie wäre nicht aussagekräftig, da bisherige Studien nach Gewalterfahrungen innerhalb längerer Zeiträume gefragt haben. hsr

Auch Judith bekommt die Gewalt von ihrem Stiefvater zu spüren. Als sie zehn Jahre alt ist, stößt er sie gegen die Wendeltreppe. Sie verletzt sich am Auge. Zwei Stunden später fährt er sie zu einer Geburtstagsparty ihrer Freundin. Sie fragt Judith, was denn passiert sei. Ihr Stiefvater steht daneben. „Ich erzählte ihr eine ganz abstruse Geschichte, wie tollpatschig ich mal wieder war“, sagt Judith.

Ob sie die Wahrheit gesagt hätte, wenn er nicht dabei gewesen wäre? „Ich denke, nicht. Das kam ganz automatisch.“ Damals denkt Judith noch, dass die Gewalt bei ihr zu Hause normal sei. „Woher sollte ich auch wissen, dass es nicht so ist?“. Erst als sie zwölf Jahre alt ist, erfährt sie von zwei Freundinnen, dass auch sie Gewalt in der Familie erleben. Erst jetzt erfährt Judith auch, dass sie die Polizei rufen kann. Und genauso kommt es auch. Sie ist 14. „Der Streit schaukelte sich mal wieder hoch. Ich sagte ihnen, dass ich die Polizei angerufen habe, dann war der Streit vorbei.“

Als die Polizisten eintreffen, trennen sie die Eltern. Sie fragen Judiths Mutter, ob das denn öfter vorkomme. Doch Judiths Mutter verneint es. Judith selbst wird nicht gefragt. „Mein Stiefvater sollte dann erst mal für drei Tage weg. Meine Mutter rief im Frauenhaus an. Sie sagten ihr, dass sie uns keinen Schutz gewährleisten könnten, wenn wir in der Stadt blieben. Aber wegziehen, alles hier aufzugeben, dass war meiner Mutter zu viel“, erzählt Judith.

Hinzu kommt, dass ihre Mutter auf 400-Euro-Basis im Betrieb ihres Ehemannes arbeitet. „Sie hatte Angst, uns alleine finanziell durchzuboxen“, sagt Judith. Neben der finanziellen Abhängigkeit sei es auch das Gefühl ihrer Mutter gewesen, nicht schon wieder zu versagen. „Sie war 17 Jahre alt, als sie mit mir schwanger wurde. Die erste Beziehung zerbrach, dann lernte sie meinen Stiefvater kennen und wurde mit 23 Jahren wieder Mutter. Sie wollte schon den Traum einer glücklichen Familie leben, so, wie sie es als Kind auch erlebte. Doch was denken die Leute, wenn sie erfahren: alleinerziehende Mutter, zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern?“

Die Reaktion von Judiths Mutter sei typisch, sagt Claudia Rinn vom Frauenhaus in Oberursel. „Vor der Polizei zuzugeben, dass sie seit Jahren von ihrem Mann geschlagen wird, ist mit sehr viel Scham verbunden. Die Hürde ist zudem sehr groß, sich dann vom Hauptverdiener zu trennen und damit das Risiko vom sozialen Abstieg einzugehen.“

Judith dachte, dass ihr Stiefvater sich ändert, nachdem sie die Polizei gerufen hatte. Doch das Gegenteil ist der Fall: Es wird schlimmer, sagt sie. Vor ihr hält er sich zurück. „Er versteckte es vor mir, stieß meiner Mutter nebenbei den Ellenbogen in den Magen und schubste sie. Ich bemerkte es erst, als ich einen blauen Fleck an ihrem Hals sah.“ In den letzten vier Jahren, bevor sie es schaffen, endlich ihre Koffer zu packen und wegzufahren, zieht sich Judith immer mehr zurück. „Ich wurde ein depressiver Teenager, aber gleichzeitig fing ich an zu rauchen, zu saufen und zu klauen.“

Die psychischen Folgen für Kinder sind unterschiedlich. Die Auswirkungen können Schlafprobleme, Aggressivität, Ängstlichkeit, Schulschwierigkeiten, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen und Entwicklungsverzögerungen sein. „Judiths Reaktion ist nachvollziehbar. Ihre Jugend wurde zerstört, ihre Mutter hat gelitten. Diese Erlebnisse beeinträchtigen massiv das Leben von Jugendlichen“, sagt Rinn. Dabei mache es keinen Unterschied, ob Kinder psychische oder physische Gewalt erlebten, sagt Schäfer vom Kinderschutzbund. „Die Zeugenschaft ist für Kinder genauso schädlich.“

Judith hingegen wirkt gefestigt. Ein Grund könnte der Resilienzfaktor sein, die „seelische Widerstandskraft“. Anders ausgedrückt: die Gabe, seelische Krisen zu meistern, ohne psychische Folgen davonzutragen. „Das könnte ausgelöst sein von stärkenden Einflüssen wie etwa ihre Großeltern oder Vorbildern, wo sie Gehör fand“, sagt Schäfer. Judith selbst sagt, dass die Musiker:innen Pink, Christina Aguilera und Eminem großen Einfluss auf sie hatten. „Sie machten öffentlich, dass sie zu Hause auch Gewalt erlebten. Das fand ich stark.“

Später trieb sie die Wut gegen ihren Stiefvater und die Lehrer:innen an, ihnen zu beweisen, dass sie nicht das Klischee erfülle, aus einer zerrütteten Familie zu kommen. „Irgendwann ist das umgeschwungen, dass ich heute merke, dass diese düsteren Gedanken in meiner Jugend mich auch auf eine gute Art und Weise geformt haben.“

Oktober 2007. Es kommt der Tag, den Judith den „Turning Point“ nennt. Sie besuchen ihre Großeltern in Baden-Württemberg. Ihre Schwester hat blaue Flecken am Arm. „Meine Oma entdeckte sie und fragte danach. Meine Schwester sagte, das war der Papa.“ Vor allem ihren Großvater lässt das nicht mehr los. Er ruft seine Tochter fast täglich an. Dann kommt es am Donnerstag, den 8. November 2007, wieder zu einem Streit. Nun reicht es Judiths Mutter. Am Tag darauf organisiert sie die Fahrt zu ihren Eltern.

Freitag, der Tag der Abreise. Judith steigt aus dem Bus und setzt sich ins Auto zu ihrer Mutter. Sie hatte sich sehr auf die Party bei ihrer Freundin gefreut. Judith schreibt ihr eine SMS, dass sie nicht kommen kann. Dann schaltet sie ihr Handy aus.

Die Serie

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation mit Correctiv.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. 

Correctiv.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv, das sich durch Spenden von Bürgerinnen und Bürgern und Stiftungen finanziert. 

Link: correctiv.org/haeusliche-gewalt 

Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht eine kurze Serie zu häuslicher Gewalt. Die weiteren Texte erscheinen in loser Folge im Regionalteil.

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