1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Humor im Amt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Pitt von Bebenburg

Kommentare

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, spricht bei einem Besuch des Technologiezentrums am Hopwood Hall College.
Was macht denn der britische Premier Boris Johnson in einer Hessen-Kolumne? © Jason Cairnduff/dpa

Man muss nicht nach London schauen, um Regierungschefs zu finden, die mitten in Corona-Zeiten ihren Geburtstag mit Dutzenden von Menschen in überdachten Diensträumen begehen. Es genügt ein Blick nach Hessen.

Wobei wir andererseits auf keinen Fall Volker Bouffier mit Boris Johnson vergleichen wollen, nicht nur wegen der unvergleichlichen Frisuren. Denn während Johnson offensichtlich fünfe gerade sein lässt, die Downing Street zur Corona-Party-Location ausgebaut hat und zu „The winner takes it all“ von Abba abgeht, kann man dergleichen über den Hessischen Ministerpräsidenten und seine Staatskanzlei am Wiesbadener Kochbrunnenplatz nicht behaupten.

So nüchtern wie möglich

Bouffier ließ sich zu seinem 70. Geburtstag so nüchtern feiern, wie das nur möglich ist: in der Landtagssitzung dieser Woche, der ersten Sitzung seit seinem Jubeltag im Dezember, mit ein paar warmen Worten von Parlamentspräsident Boris Rhein. Zwar wurde eine Flasche Rheingauer Weins überreicht, aber weder geöffnet noch gar geleert. Denn die Sitzung begann gerade erst.

Zudem trug der Regierungschef Bouffier eine Maske, als er die höchstens zweieinhalb Meter Entfernung von seinem Sitzplatz zum Sitzungspräsidenten Boris Rhein zurücklegte, um das Präsent abzuholen. Es folgten keine Musik, kein Tanz und kein Büfett, sondern lediglich der Beifall des Hauses – von Abgeordneten, die auf ihren Plätzen sitzen blieben, mit gebührendem Abstand zu den Nebenleuten. Keine britischen Zustände also, eher britisches Understatement.

Lachen über Johnny-English-Filme

Ohne Pomp nahm auch Rhein selbst eine Gratulation entgegen, der seit der vorigen Parlamentssitzung ebenfalls einen runden Geburtstag zu feiern hatte: Er wurde 50 Jahre alt, übrigens am gleichen Tag wie seine Frau Tanja, die im Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach Lokalpolitik macht. Im gemeinsamen Interview eines Boulevardblatts hatte der CDU-Politiker verraten, dass er über Johnny-English-Filme lachen könne, während seine Frau einen anderen Humor habe. Irgendwie passt die Albernheit des Johnny-English-Darstellers Rowan Atkinson ja besser zu Boris Johnson, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Auf einen Empfang zu Rheins rundem Geburtstags verzichtete der Landtag jedenfalls. „Vielleicht können wir das dann im Sommer in gemütlicher Runde und in lockerer Atmosphäre nachholen“, wünschte sich Parlaments-Vizepräsident Frank Lortz, der Rheins Amtsführung als souverän und humorvoll pries.

Wein auf dem Präsidententisch

Rhein gab gleich eine Kostprobe für seinen Humor im Amt, als er lachend zur Präsentflasche griff, die noch vor ihm stand – die allerdings nicht für ihn gedacht war, sondern für Rainer Rahn. Dem 70-jährigen AfD-Abgeordneten hatte Rhein zuvor zum runden Geburtstag gratuliert – allerdings fehlte der Frankfurter Politiker, so dass der Wein auf dem Präsidententisch liegen geblieben war. Rhein ließ dann doch die Finger davon.

Alles also ganz brav, ohne eine Spur von Boris Johnson. Eine Note des britischen Laissez-faire brachte höchstens der AfD-Abgeordnete Gerhard Schenk in die Plenarwoche, der wiederholt ohne Maske im Landtagsgebäude und im Plenarsaal gesichtet wurde, obwohl die Mund-Nase-Bedeckung verpflichtend ist. Schenk gab sich dann auch in einer Rede als Corona-„Spaziergänger“ zu erkennen. Sein Verhalten wird noch den Ältestenrat des Hessischen Landtags beschäftigen – nicht zum ersten Mal.

Auch interessant

Kommentare