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Historiker: „Man hat die Kinder schnell sterben lassen“

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Von: Peter Hanack

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Vier von vielen Tausend: Die Kinder von Zwangsarbeiterinnen hatten oft ein kurzes Leben. Götz Hartmann
Vier von vielen Tausend: Die Kinder von Zwangsarbeiterinnen hatten oft ein kurzes Leben. Götz Hartmann © Götz Hartmann

Götz Hartmann hat an einer Ausstellung mitgewirkt, die das Schicksal von Kindern von Zwangsarbeiterinnen zum Gegenstand hat. Es geht dabei um Hebammen und um Gräber.

Eine Ausstellung in Wiesbaden beleuchtet die Geschichte von Frauen, die in Deutschland während des Nationalsozialismus Zwangsarbeit leisten mussten – und die ihrer Kinder.

Herr Hartmann, warum beteiligt sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Hessen an einer Ausstellung über den Beruf der Hebammen?

Wir stoßen bei unserer Arbeit immer wieder auf eine Gruppe, die bei der Aufarbeitung der Geschichte bislang wenig Beachtung gefunden hat: die Kinder von Zwangsarbeiterinnen im Nationalsozialismus. Es geht also um Kinderschicksale, das ist die inhaltliche Brücke zur Hebammen-Ausstellung.

Welche Rolle spielten Hebammen unter der Nazi-Herrschaft?

Es gehörte zur rassistischen Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten, dass der Beruf aufgewertet und professionalisiert wurde. Es ging um die Fürsorge für die sogenannten arischen Mütter und deren Kinder. Müttern, die man nicht zur „Volksgemeinschaft“ zählte, wurde diese Fürsorge vorenthalten.

Wie haben sich die Hebammen verhalten?

Das ist ganz schwer zu sagen. Wir haben jedenfalls keine schriftlichen Belege dafür gefunden, dass Hebammen die Kinder von Zwangsarbeiterinnen zur Welt gebracht haben. Man kann spekulieren, ob sie das nicht getan haben, weil es untersagt war, oder ob sie es heimlich taten, ohne die Geburten offiziell anzuzeigen. Wenn es eine offiziell genehmigte Geburtsbegleitung gab, dann erfolgte diese auf Anordnung der Nationalsozialisten als Anschauungsunterricht für deutsche Hebammenschülerinnen.

Um wie viele Kinder geht es?

Auf jeden Fall viele Tausende. 1944 waren im Deutschen Reich mehr als siebeneinhalb Millionen ausländische Arbeitskräfte gemeldet, davon viereinhalb Millionen aus Polen und der Sowjetunion, die Hälfte Frauen.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Hebammen in Hessen“ ist vom 7. März bis 1. Mai im Stadtarchiv Wiesbaden zu sehen. Am 22. März gibt es dazu einen Vortrag. Anmeldung zu beidem nötig unter veranstaltung-stadtarchiv@wiesbaden.de oder unter 0611 / 313 080.

Diese Frauen mussten Zwangsdienste leisten, oft unter sehr schwierigen Bedingungen. Wieso haben sie überhaupt Kinder bekommen?

Manche haben Kinder nach Deutschland mitgebracht, aber viele haben sie auch hier geboren, weil sie schwanger waren oder wurden. Sexuelle Beziehungen gab es, wenn Macht und Abhängigkeitsverhältnisse durch deutsche Chefs oder Arbeitgeber ausgenutzt wurden, aber es gab auch Beziehungen von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen. Zunächst wurden schwangere Frauen noch in ihre Heimatländer abgeschoben. Weil dadurch aber der Kriegswirtschaft Arbeitskraft verlorenging, sollten sie ihre Kinder ab 1943 in Deutschland zur Welt bringen und dann weiterarbeiten.

Wie erging es den Kindern?

Die Zwangsarbeiterinnen sollten ihre Kinder unter besonders schlechten Bedingungen zur Welt bringen, so dass diese möglichst schnell starben. In Hessen gab es dafür beispielsweise das Lager Pfaffenwald bei Bad Hersfeld. War der Vater Deutscher, sollten die Kinder in Heimen aufgezogen werden. Die anderen wurden in spezielle Einrichtungen gebracht, wo man sie sterben ließ. Diese „Ausländerkinder-Pflegestätten“ wurden vor allem in Industriegebieten eingerichtet. Auf dem Land war es öfter so, dass die Frauen ihre Kinder entgegen den Vorstellungen des Regimes behalten konnten. Aber auch dort gab es eine hohe Sterblichkeit.

Wie viele Grabstätten dieser Kinder kennt man?

Es sind sicher ebenfalls noch Tausende. Allerdings sind viele nicht erhalten geblieben. In der Ausstellung zeigen wir auch, wie wechselnde rechtliche Vorgaben und Verwaltungsvorschriften das Schicksal der Kindergräber in Westdeutschland bestimmt haben. Nachdem die Alliierten zunächst alle Gräber unter Schutz gestellt hatten, ging 1952 die Hoheit über die Kriegsgräberfürsorge auf die deutschen Behörden über. Wenn Kinder von Zwangsarbeiterinnen nicht unmittelbar durch kriegerische Handlungen wie Bombardements ums Leben gekommen waren, war es nach damaliger Rechtslage möglich, ihre Gräber nach einer Ruhezeit von 15 Jahren zu beseitigen. Diese Frist ging mit den 50er Jahren zu Ende.

Was geschah dann?

Damals wurden viele Kindergräber beseitigt, weil sie als Kostenfaktoren gesehen wurden. Erhalten blieben sie mitunter, weil sich Privatleute um die Pflege kümmerten. Zeitzeugen erinnern sich beispielsweise daran, dass in Niederselters ein katholischer Geistlicher in den 50er Jahren mit Schulkindern solche Gräber gepflegt hat. Jedenfalls gab es sie damals noch, und später wurden sie von der Kriegsgräberfürsorge auf die 1968 eingeweihte Kriegsgräberstätte Runkel verlegt. Auf dem Friedhof von Niederselters erinnert heute eine Tafel an die toten Kinder.

Interview: Peter Hanack

Götz Hartmann (51) ist Historiker. Er betreut beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Hessen das Forschungsprojekt zur Geschichte der hessischen Kriegsgräberstätten.
Götz Hartmann (51) ist Historiker. Er betreut beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Hessen das Forschungsprojekt zur Geschichte der hessischen Kriegsgräberstätten. © Privat

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