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Thomas C. Ferber (55) leitet seit dem Jahr 2004 die Richtsberg-Gesamtschule in Marburg. Er ist Lehrer für Politik und Wirtschaft, Physik und Arbeitslehre, hat zwei schulpflichtige Kinder und lebt mit seiner Familie in Marburg.
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Thomas C. Ferber (55) leitet seit dem Jahr 2004 die Richtsberg-Gesamtschule in Marburg. Er ist Lehrer für Politik und Wirtschaft, Physik und Arbeitslehre, hat zwei schulpflichtige Kinder und lebt mit seiner Familie in Marburg.

Schul-Interview

Hessischer Schulleiter: „Wenn Sie so wollen, haben wir den Unterricht abgeschafft“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Thomas C. Ferber spricht über das Lehren und Lernen im Umbruch - darüber, welche Veränderungen die Corona-Krise angestoßen hat. Er sagt, dass das nicht genügt.

Die Richtsberg-Gesamtschule in Marburg ist eine einzige Baustelle. Überall sind die Handwerker am Tun. Renoviert und umgebaut wird dort aber nicht nur das Gebäude, das aus den 1970er Jahren stammt – umgekrempelt wird auch die ganze Pädagogik. So werden die Mauern zwischen den Klassenräumen nicht nur sprichwörtlich eingerissen, sondern tatsächlich. Und Stundenpläne gibt es schon gar nicht mehr. Schulleiter Thomas C. Ferber haben wir gefragt, wo das hinführen soll.

Herr Ferber, es heißt, Corona habe einen Anstoß zur Modernisierung gegeben. Was hat Corona in den hessischen Schulen angestoßen?

Corona hat bewirkt, dass die hessische Schulcloud und das Schulportal weiterentwickelt worden sind, da hat das Land massiv investiert. Auch haben viele Schulen eine bessere Ausstattung mit IT-Technik bekommen, so konnten wir schneller als vorgesehen unsere 640 Schülerinnen und Schüler komplett mit schülereigenen I-Pads ausstatten. Das hat funktioniert, und wir haben die Erfahrung gemacht, wenn man will, geht das.

Wir haben einen Impuls bekommen Richtung Digitalisierung, weil das durch die Schulschließungen und das Homeschooling notwendig erschien. Ist das jetzt prima, und Corona war wenigstens für irgendetwas gut?

Es ist „nett“, dass das jetzt passiert ist. Aber das ist ja keine Reform von Bildungs- und Erziehungsprozessen, das ist keine Neuaufstellung der Schule 4.0, das ist keine Anerkennung des Epochenwandels, in dem wir uns befinden. Da wird ein antiquiertes System Schule digitalisiert. Schule unter den Bedingungen der Digitalität aber muss eine andere werden, wie das neben anderen auch der Bildungsforscher Axel Krommer fordert.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, ein antiquiertes System werde lediglich digitalisiert statt reformiert?

Schule, wie wir sie kennen, ist dreigliedrig, aufgeteilt in Hauptschule, Realschule, Gymnasium, wie sie im Wilhelminismus entstanden ist und ihre Berechtigung gehabt haben mag. Schule, wie wir sie kennen, ist aufgeteilt in Fächer. Deutsch, Mathematik, Musik, Englisch, Geschichte, auch das hatte einmal seine Existenzberechtigung.

Und jetzt nicht mehr?

Im Zeitalter der Digitalität nicht. Aber was geschieht, ist, dass man das ganze System nahezu unverändert in eine digitale Form übersetzt. Nicht mehr als das. Wir bekommen heute aber doch jeden Tag vor Augen geführt, wie alles mit allem zusammenhängt. Wenn Sie etwa in einem Wikipedia-Artikel den Namen eines Kurfürsten recherchieren, merken Sie vielleicht nach drei Stunden, dass Sie eine ganze Epoche durchgelesen haben, unzähligen Verweisen etwa auf die Landwirtschaft jener Zeit, oder das Klima oder Krankheiten gefolgt sind, mit Texten gefüttert wurden, Bilder, Videos und weitere Links gefunden haben. Ein unendliches Universum von Wissen. Man kommt von einem Punkt zum nächsten und kann sich da verlieren und landet vielleicht in der Jetztzeit bei Protesten gegen Rassismus. Und genauso komplex sind die Fragen wie die Antworten, vor denen die globaliserte Gesellschaft steht. Da gibt es keine linearen Antworten mehr.

Was bedeutet das für Schule?

Kinder und Jugendliche machen diese Erfahrung täglich. Es gibt nicht mehr das abfragbare Wissen. Schule aber reproduziert abfragbares Wissen. Die Einteilung des Wissens in Fächer ist für das Zurechtfinden in dieser Welt nicht mehr dienlich, sondern sogar hinderlich. Man muss die Grenzen zwischen den Fächern überschreiten, um die Zusammenhänge überhaupt erfassen und verstehen zu können. Alles ist vernetzt, jeder Produktionsprozess findet in Netzwerken statt. Und das muss Schule abbilden. Das andere ist die Gemeinschaftlichkeit, die anstelle der vermeintlich angebrachten Einteilung der Menschen in Niveaugruppen tritt. Es wird immer klarer, dass wir Menschen zusammengehören, gemeinschaftlich etwas bewirken können, statt getrennt zu werden.

Wie kann Schule mit solchen Umbrüchen umgehen?

Keine Klassenräume, keine Stundenpläne

Die Richtsbergschule in Marburg ist eine integrierte Gesamtschule. Kinder und Jugendliche der Bildungsgänge Haupt- und Realschule sowie Gymnasium werden gemeinsam unterrichtet. Sie ist Ganztagsschule mit Unterrichtsangeboten bis 14.30 Uhr.

650 Kinder und Jugendliche besuchen die Schule, die in den 1970er Jahren als Teil des Wohnquartiers Richtsberg gebaut wurde, das geprägt ist von Wohnhochhäusern in teils renovierungsbedürftigem Zustand. Viele Kinder und Jugendlichen stammen aus sozial und wirtschaftlich schwachen Familien.

Statt Klassen gibt es in den Jahrgangsstufen 5 und 6 sogenannte Quadrigen, die aus vier Lerngruppen mit je 15 Kindern bestehen. Die Lehrkräfte arbeiten im Team und sind für alle Kinder der jeweiligen Quadriga zuständig. Die Jahrgangsstufen sind gemischt. Das Konzept soll schrittweise auf weitere Jahrgangsstufen ausgedehnt werden.

Statt Klassenräumen gibt es das sogenannte Perlenwerk. Das Kunstwort wird gebildet aus „PERsonalisierte LErNumgebung & WERKstätten“. Das Perlenwerk ist ein Bereich, der für jeweils zwei Quadrigen den Lernraum bildet. Dazu gehört das Lernatelier mit eigenem Stillarbeitsplatz, die Lernlandschaft mit Sofas zum gemeinsamen Lernen und Arbeiten, Werkstätten zum Kreativsein sowie Anleitungsräume für Einzel- und Gruppengespräche der Lehrkräfte mit den Schülerinnen und Schülern. Die Kinder können weitgehend frei zwischen den Räumen wechseln und entscheiden, was sie am jeweiligen Schultag lernen, der von 7.50 bis 14.30 Uhr dauert.

Statt Klausuren gibt es alle zwei Wochen Gelingensnachweise. Je nach Erfolg lernen die Kinder auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus, zwischen denen sie wechseln können.

Statt eines Stundenplans gibt es regelmäßige Input-Angebote, die teils freiwillig, teils aber auch verpflichtend sind. pgh

Darauf habe ich keine einfache Antwort. Der erste Schritt, den wir alle machen müssen, ist, diesen Epochenwandel als solchen anzuerkennen, nicht mehr von „neuen Medien“ zu sprechen. Und natürlich gehören die technischen Möglichkeiten der Digitalität in die Schule, also etwa die I-Pads für alle und ein gutes WLAN-Netz. Wir versuchen, unsere Schüler und Schülerinnen zum selbstorganisierten Lernen zu qualifizieren, zugleich sind wir in der Pflicht, ihnen alles mitzugeben, damit sie im bestehenden System anerkannte Schulabschlüsse machen können. Wir haben deshalb die Einteilung in Klassen abgeschafft, haben Lernräume geschaffen, in denen weitgehend selbstständig gearbeitet werden kann, wo Lehrkräfte als Lernbegleiter zur Verfügung stehen, und wir haben auch die Einteilung der Schulwoche in Fächer abgeschafft. Es gibt keinen festen Stundenplan mehr, sondern Angebote, bei denen die Kinder und Jugendlichen angeleitet werden, während sie weitgehend selbst entscheiden können, was sie an ihrem Schultag lernen wollen. Wenn Sie so wollen, haben wir den Unterricht abgeschafft.

Aber Ihre Schüler und Schülerinnen lernen nach wie vor auch die deutsche Grammatik und die mathematischen Regeln?

Natürlich. Es nutzt ja nichts, wenn sie ganz tolle Präsentationen erstellen können, wissen, wie man einen 3-D-Drucker bedient, sich selbst in Teams organisieren können, aber massenhaft durch die Abschlussprüfungen fallen. Damit wäre ihnen kein Gefallen getan.

In den vergangenen Monaten der Corona-Krise wurde ja fast an allen Schulen zwangsläufig auch pädagogisch etwas anders gemacht als üblich. Kinder und Jugendliche mussten zu Hause selbstständig lernen, wo es gut ging, haben sie vielleicht in kleinen Gruppen gemeinsam Themen erarbeitet. Sitzenbleiben gab es nicht, Klausuren wurden kaum mehr geschrieben, statt Aufgaben in einzelnen Fächern wurden mitunter Projekte angestoßen und umgesetzt. Werden diese Erfahrungen eine dauerhafte positive Wirkung auf die Schulentwicklung entfalten?

Da bin ich sehr pessimistisch. Das deutsche Schulsystem, ausgedacht um 1880, hat das Kaisertum überlebt, den Ersten Weltkrieg überstanden und den Faschismus, ist über die Besatzungszeit bestehen geblieben und nach deutscher Teilung und 68er-Revolution immer noch da. Ich glaube nicht, dass 18 Monate Corona-Krise die Grundfesten dieses deutschen Bildungssystems erschüttern. Was das System verändern kann und wird, sind Schulen wie wir, die sich auf den Weg gemacht haben. Wir erfahren dafür ja durchaus eine öffentliche Anerkennung, auch, weil wir uns in diesem Umbauprozess immer noch innerhalb des Systems bewegen, indem wir die Schüler und Schülerinnen für die notwendigen Abschlüsse qualifizieren. Und ihnen gleichzeitig den Weg ebnen, um mit den Anforderungen der Digitalität umgehen zu können.

Bei Ihnen arbeiten Lehrkräfte nicht mehr als Einzelkämpfer hinter verschlossenen Türen, sondern in Teams. Sogar die räumliche Trennung der Klassenzimmer haben Sie zugunsten der Lernräume abgeschafft. Wie offen ist die Lehrerschaft für einen solchen Wandel hin zum Lernbegleiter?

Grob würde ich sagen, ein Drittel der hessischen Lehrkräfte kriegt das gut hin, wenn man sie begleitet, ein Drittel ist motivierbar, und ein Drittel ist damit völlig überfordert.

Wie kann man als Schulleitung damit umgehen?

Schule leidet darunter, dass das unmotivierte und überforderte Drittel laut ist. Schulleitung muss es gelingen, die anderen zwei Drittel stark zu machen. Uns ist die Schulentwicklung gelungen, weil wir als Gesamtschule Integration großschreiben, weil wir schon 1992 mit Inklusion angefangen haben, wir arbeiten gerne mit Kindern aus marginalisierten Haushalten zusammen, und wir haben uns seit 2007 konsequent zur Teamschule entwickelt. Auch ich habe als Schulleiter Kompetenzen an ein Leitungsteam abgegeben. Es braucht schon einen Vorlauf, um Lernprozesse ganz neu zu ermöglichen. Sie können Modernisierungsprozesse nicht anordnen, sie können sie nur fördern, indem sie mit anderen auf Augenhöhe sprechen. Den großen Schalter vom Lehrer zum Lernbegleiter muss jeder in seinem Herzen umlegen.

Wie viele der Schulen, glauben Sie, werden nach Corona anders arbeiten als zuvor?

Tatsächlich auf den Weg zur Modernisierung haben sich vielleicht fünf Prozent der Schulen gemacht. Alle anderen arbeiten nahezu unverändert weiter. Vielleicht häufiger mit dem Tablet anstelle des Buches. Modernisierung ist etwas anderes. Wenn es mehr werden sollten, dann deshalb, weil dieses motivierte Drittel, von dem ich gesprochen habe, das Drittel ist, das die Schule während Corona am Laufen gehalten hat. Dieses Drittel hat Rückenwind. Und ich hoffe, dieser Rückenwind hält an und das unmotivierte Drittel hält sich ein wenig demütig zurück.

Interview: Peter Hanack

Das Coronavirus hat die beiden vergangenen Schuljahre dominiert. Das hat auch Veränderungen angestoßen. Was aber bleibt davon? Und ist der Modernisierungsschub von Dauer?

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