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Junge Lehrkräfte kommen zumeist hochmotiviert an die Schulen. Nicht immer haben sie alles gelernt, was sie im Unterricht brauchen. dpa
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Junge Lehrkräfte kommen zumeist hochmotiviert an die Schulen. Nicht immer haben sie alles gelernt, was sie im Unterricht brauchen. dpa

Schule

Hessischer Professor: „Grundschullehrer müssen länger studieren“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Norbert Kruse hat selbst Lehrkräfte ausgebildet und fordert nicht nur eine bessere Vorbereitung auf den Unterricht, sondern auch eine bessere Bezahlung der Pädagogen

Lehrkräfte müssen heute viel mehr können als früher – darüber sind sich alle einig. Doch wie die Landesregierung die Ausbildung reformieren will, stößt auf Kritik. Wir haben mit Norbert Kruse über die Situation an den Grundschulen gesprochen.

Professor Kruse, wie muss sich die Ausbildung von Grundschul-Lehrkräften verändern, gerade mit Blick auf die Erfahrungen aus Corona?

Der Referentenentwurf zur Novelle des Lehrerbildungsgesetzes sieht ja einige Neuerungen vor, die mir auch wichtig scheinen. Medienbildung soll betrieben werden, es wird betont, dass Inklusion eine Herausforderung ist, die die Schulen angehen müssen, selbstverständlich spielt Digitalisierung eine deutlich größere Rolle, um drei Beispiele zu nennen.

Das sieht aus, als würde mit der Novelle vieles beachtet, was für die Zukunft wichtig scheint.

Ja, die genannten Punkte sind sicher wichtige. Dennoch bleibt die Grundschullehrerbildung in Hessen auf jeden Fall problematisch. Man sieht offenbar, was nötig ist. Es gibt da Neues im Gesetz, das Alte bleibt aber als Aufgabe bestehen. Die Kinder müssen ja weiterhin eine sprachliche Grundbildung erhalten, eine mathematische Grundbildung bekommen. Und der Sachunterricht darf auch nicht zu kurz kommen.

Natürlich. Wo sehen Sie das Problem?

Wenn ich neue Inhalte als wichtig erkenne und definiere, brauche ich auch Zeit, diese Inhalte umzusetzen. Angehende Grundschul-Lehrkräfte müssen in der universitären Phase ihrer Ausbildung mehr lernen als bisher, bekommen aber dafür nicht mehr Zeit. Das ist schon problematisch. Der schwarz-grüne Koalitionsvertrag von 2018 sieht zwar vor, die Studiendauer zu prüfen. Nun aber soll es bei den bisherigen sechs Semestern plus einem Prüfungssemester bleiben, wobei die Lehrämter für die weiterführenden Schulen schon heute acht Semester plus Prüfung umfassen.

Was halten Sie für nötig?

In Hessen wurde einmal über acht Semester nachgedacht. Ich denke, dass auch für die Grundschullehrer-Ausbildung zehn Semester nötig sind, wie in vielen anderen Bundesländern auch, etwa Nordrhein-Westfalen. Leider ist eine längere Studiendauer im Entwurf zur Gesetzesnovelle nicht vorgesehen. Hessen und Bayern sind die einzigen Bundesländer, die sieben Semester inklusive Prüfung für ausreichend halten. Obwohl die Kultusminister-Konferenz fordert, dass es bundesweit eine Gleichwertigkeit in der Lehrerausbildung gibt.

Die Landesregierung argumentiert, in Hessen werde viel Praxis vermittelt, wie sie gerade für Grundschul-Lehrkräfte wichtig ist. Auch das Praxissemester soll verpflichtend für alle Lehrämter umgesetzt werden, also ein Semester lang sollen die Studierenden an Schulen arbeiten und dann wieder an die Universität zurückkehren.

Das ist ja auch in Ordnung. Gut ist auch, dass es künftig möglich sein soll, dieses Praxissemester aufzuteilen, so dass ein Studierender an mehreren Schulen Erfahrungen sammeln kann. Wir brauchen aber mit Blick auf den gerade beschlossenen Anspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder, wie er von 2026 an gelten soll, besonders gut ausbildete Pädagogen. Auch dafür ist mehr Studienzeit nötig, damit der Ganztag nicht zu einer unprofessionellen Verwahranstalt wird.

Warum sind in Hessen die Hürden so hoch, das Studium zu verlängern?

Wenn ich Grundschul-Lehrkräfte länger studieren lasse und ihnen den akademischen Abschluss ermögliche, muss ich sie auch besser bezahlen. Wie das ja andere Bundesländer tun. Hessen hat da den zwölften Platz. Die Landesregierung orientiert sich an einer traditionellen Vorstellung von Grundschul-Pädagogik der 50er oder 60er Jahre, wo es um Betreuung und Rechnen, Schreiben und Lesen geht. Was irgendwie ja früher viele Kinder hinbekamen. Das ist angesichts der neuen Anforderungen, die auf Schulen zugekommen sind, obsolet. Wir brauchen eine klare Wissenschaftsorientierung, die künftigen Lehrkräften die Grundlage für eine langfristige Tätigkeit bietet. Wir wissen mittlerweile so viel über das Lernen von Kindern, etwa über ihre mehrsprachigen Ressourcen, Armutslagen von Schulkindern, ihre Medienerfahrungen etc. – das können wir zurzeit in der kurzen Studienzeit gar nicht alles vermitteln.

Könnten die Universitäten eine längere Studienzeit bewältigen?

Wir haben uns in der Vergangenheit flexibel gezeigt. Ich denke, dass bekommen wir hin.

Glauben Sie, dass am Gesetzentwurf noch viel verändert wird?

Die Diskussion etwa um die Studiendauer ist ja nicht neu, die SPD hat schon vor geraumer Zeit einen entsprechenden Vorschlag vorgelegt, wonach alle Lehrämter zehn Semester ausgebildet werden. Mir scheint, man will das in Hessen nicht, obwohl man erkennt, dass die Probleme komplexer werden.

Interview: Peter Hanack

Lesen Sie dazu auch „Hessens Lehrerbildung bekommt von Eltern die Note 6“

Norbert Kruse (67) leitete bis April 2021 an der Universität Kassel das Fachgebiet Deutschdidaktik der Grundschule. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Schriftspracherwerb, Schreib- und Rechtschreibunterricht sowie Mehrsprachigkeit im Grundschulunterricht.

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