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Hessen

Hessens Wald: Bei der Wiederaufforstung hilft das Eichhörnchen mit

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Hessenforst setzt bei der Naturverjüngung auf Handarbeit, Sachverstand und die Tierwelt. Geld ist mit der Holzwirtschaft nicht zu verdienen.

Die jungen Weißtannen tragen Mützen aus unbehandelter Schafwolle. Die sollen die Triebe der Setzlinge auf dem Herzberg im Taunus vor Wildverbiss bewahren. Schafwolle schmeckt den Rehen nicht, ist günstig, natürlich und passt auch optisch besser als die üblichen Plastikzäune, die sonst Jungbäume vor hungrigem Wild schützen sollen.

Ihr Einsatz ist beispielhaft dafür, wie die Landesbehörde neue Wege geht, um den Wald der Zukunft zu schaffen. Ein Wald mit Bäumen, die in hundert Jahren dort zurechtkommen müssen, wo sie heute gepflanzt werden und wachsen. Ein Experiment, dessen Erfolg ausreichende Man- und Womanpower braucht, wie Umweltstaatssekretär Oliver Conz betont. Denn neben der Handarbeit sei auch Sachverstand, Liebe und Engagement vonnöten.

Viele Augen müssten die Bäume beobachten, um rechtzeitig einzugreifen, wenn es zu unerwünschten Entwicklungen kommt. Etwa wenn Brombeeren den Douglasien-Nachwuchs überwuchern. Dann kommt der Spezialrechen zum Einsatz. Oder wenn auf der Naturverjüngungsfläche die Fichten überhand nehmen wollen. Mit reinen Fichtenbeständen haben Hessens Forstleute schlechte Erfahrung gemacht. Die Verluste durch den Borkenkäfer sind dramatisch, sagt Landesbetriebsleiter Michael Gerst. Aber auch die Buche – Hessens häufigster Laubbaum – stecke mitten in der Klimakrise.

Der Wald in Zahlen

Hessenforst pflanzte 2019 und 2020 rund sechs Millionen Bäumchen auf 1600 Hektar Freifläche.

Das entspricht einer Investition von 24 Millionen Euro, das ist mehr als jemals zuvor in der Geschichte des Landesbetriebs investiert wurde.

Für die Pflege in jungen Waldbeständen gab Hessenforst 6,3 Millionen Euro aus.

Der Landesbetrieb erntete in den beiden Jahren rund sieben Millionen Kubikmeter Holz, mehr ein Drittel davon wegen Schäden.

124 Windenergieanlagen waren im vergangenen Jahr in Hessen in Betrieb, das sind fünf Anlagen mehr als ein Jahr zuvor.

Die Jahresergebnisse weisen rote Zahlen aus: minus 30 Millionen Euro für 2019, minus 57 Millionen Euro für 2020.

Außer dem Staatswald betreute die Landesbehörde mehr als 400 Kommunalwälder sowie weit mehr als 300 Gemeinschaftswaldbetriebe in den beiden Jahren.

Die Beschäftigtenzahl sank im Jahr 2020 um 40 auf 1944 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Zahl der Auszubildenden stieg vergangenes Jahr um sechs auf 124 Köpfe. jur

www.hessen-forst.de

Die Antwort darauf heißt Risikoverteilung. Mit einem stabilen Mischwald mit Baumarten, denen der Klimawandel weniger zusetzt. Nach Bedarf ergänzt durch resistente Arten wie Douglasie oder Küstentanne, möglichst aber durch natürliche Verjüngung. Auch dafür steht wieder die Weißtanne beispielhaft. Sie hat sich an einer anderen Stelle im Königsteiner Forst so prächtig vermehrt, dass Setzlinge jetzt an anderer Stelle eine Chance bekommen, sich zu entfalten - geschützt vom Schatten einer übriggebliebenen Buche und von einem Schafwollmützchen.

Einige Meter neben den Minibäumchen steht Oliver Conz. Der Staatssekretär im hessischen Umweltministerium ist in den Taunus gereist, um oberhalb der Saalburg gemeinsam mit Gerst den Nachhaltigkeitsbericht für die Jahre 2019 und 2020 vorzustellen. Ein „Katastrophenbericht“, sagt Conz und die Kulisse, in der er steht, gibt ihm Recht. Drei Extremjahre haben tiefe Spuren hinterlassen. Wo einst dichter Wald die Wandergruppen beschattete, breitet sich eine riesige kahle Fläche aus, in der noch vereinzelte Kiefern und Buchen in den blauen Spätsommerhimmel ragen. Ein trauriger Anblick, der auch die letzten Skeptiker:innen überzeugen müsste, dass Klimaschutz oberste Priorität zu genießen hat, sinniert Conz. „Schon jetzt beeinflusst die Entwicklung unser Leben und unseren Wohlstand.“ Profit erwirtschaften mit dem Holzverkauf ist längst Vergangenheit. Jetzt muss das Land die Behörde Hessenforst mit zusätzlichen Mitteln und Personal unterstützen. Geld, das sonst in Schulen oder Kindertagesstätten fließen könnte, sagt Conz.

Wie stark der Lebenswille des heimischen Waldes ist, zeigt ein Blick auf den Boden der kahlen Fläche rund um Conz. Lärchen sprießen, Kiefern, Buchen, vereinzelt Eichen - dank der Regenfälle der vergangenen Wochen konnte sich oberflächlich etwas entwickeln. Doch für die tieferliegenden Böden hat es bei weitem nicht gereicht. Und da werden ihre Wurzeln irgendwann sein.

„Erstmal Ruhe bewahren, der Natur Zeit geben, abwarten.“ Nach dieser Devise arbeitet Forstamtsleiter Sebastian Gräf mit seinem Team. Für viele Jahre gelte es vor allem, die aufkommenden Bestände zu pflegen und deren Konkurrenz zurückzudrängen. Ganz wichtig seien die wissenschaftlichen Prognosen zu Klima und Wasserversorgung. Und bei der Naturverjüngung setzten die Forstleute auch auf die Hilfe der Tierwelt. An mehreren Stellen im Wald gibt es Futterstellen mit Eicheln oder Bucheckern. Die Hoffnung: Eichelhäher oder Eichhörnchen, die die Samen im Boden verbuddeln und dann vergessen, so dass daraus Setzlinge entstehen können. Denn, so Gräf, „manchmal braucht es nicht viel, um einen Mischwald entstehen zu lassen“.

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