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Hessens Streuobststrategie in der Kritik

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Von: Jutta Rippegather

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Streuobstwiese - ein Wohnfühlthema.Rolf Oeser
Streuobstwiese - ein Wohnfühlthema.Rolf Oeser © Rolf Oeser

Opposition lehnt Doppelstruktur ab und vermisst den großen Wurf der Landesregierung

Selten herrscht im Landtag eine derart große parteiübergreifende Einigkeit. Streuobstwiesen sind für Hessen wertvoll – für Natur, das Landschaftsbild und ein gutes Stöffchen. Manche Abgeordneten im Plenarsaal pflegen gar höchstselbst ein Grundstück mit Hochstammbäumen, stillen ihren Durst mit Saft aus alten Apfelsorten.

So weit, so harmonisch. Doch bei der Frage nach dem besten Weg der Förderung des hessischen Kulturguts gehen die Meinungen auseinander. Die Landesregierung will in Bad Soden im Main-Taunus-Kreis ein Streuobstwiesenzentrum einrichten. Die Opposition sieht keinen Bedarf dafür. So etwas gebe es 20 Kilometer entfernt auf dem Frankfurter Lohrberg. Das Land hätte dem gemeinsamen Projekt von Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main und Main-Äppel-Haus beitreten können, monierte Wiebke Knell, umweltpolitische Sprecherin der FDP. „Verschwendung von Steuergeld“ sei das geplante Zentrum im Main-Taunus-Kreis, stellte die FDP-Politikerin in der Landtagsdebatte am Mittwoch klar. „Damit wird Schwarz-Grün im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler landen.“

Die Grünen hatten die vor sechs Wochen veröffentlichte „Streuobstwiesenstrategie“ ihrer Umweltministerin Priska Hinz zum Setzpunkt gewählt. Demnach stellt das Land jährlich weiter eine Million Euro für den Schutz des „Hotspots der Artenvielfalt“ bereit. Der Main-Taunus-Kreis erhält zusätzlich rund 478 000 Euro für die Errichtung eines Streuobstwiesenzentrums. Das soll als Anlauf- und Vernetzungsstelle für Kommunen, Vereine, Verbände und Privatpersonen dienen. Beratung über Fördermöglichkeiten bündeln. Eine gezielte Förderung, über die sich explizit die Ehrenamtlichen freuten, sagte Martina Feldmayer, Sprecherin für Klima- und Umweltschutz der Grünen.

Hinz wies am Donnerstag den Vorwurf zurück, Doppelstrukturen zu der Frankfurter Einrichtung schaffen. Es handele sich um ein „landesweit agierendes Zentrum“, die Expert:innen arbeiteten dezentral in ganz Hessen. Die Schwerpunkte lägen bei Erhalt bestehender und der Förderung neuer Wiesen, bei der Vermarktung des regionalen Produkts und der Information über die Vorzüge desselben.

SPD-Abgeordneter Gernot Grumbach vermisste einmal mehr den großen Wurf. Erneut versuchten die Grünen, bereits existierende Projekte aneinanderzureihen und diese zur Strategie zu erklären, sagte er. „Die Wahl fiel auf ein Wohlfühlthema, mit dem die Menschen etwas verbinden können, ohne wirkliche Antworten auf den Verlust von Biodiversität zu geben.“

Noch schärfer fiel die Kritik der Linken aus: Die „Wohlfühlökologie“ des grünen Teils der Landesregierung komme so gut an wie Tierbilder auf Facebook, urteilte Heidemarie Scheuch-Paschkewitz, umweltpolitische Sprecherin der Fraktion. Veränderten aber nicht die Art der Produktion und des Konsums, um den Klimawandel einzudämmen. „Fakt ist: Der Ausstoß der Treibhausgase in Hessen ist weiterhin viel zu hoch“, sagte sie. Die Ökologisierung der Landwirtschaft gehe zu langsam voran, das Versiegeln von Flächen setze sich fort. „Angesichts dieser Bilanz wirkt die hessische Streuobststrategie eher wie eine Strategie der Zerstreuung mit Obst – und hier ist nicht nur das Obst faul.“

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