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Sabine Thurau in ihrem Büro im Hessischen Landeskriminalamt. Am 31. März geht sie in den Ruhestand. Michael Schick
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Sabine Thurau in ihrem Büro im Hessischen Landeskriminalamt. Am 31. März geht sie in den Ruhestand. Michael Schick

Hessen

Hessens LKA-Chefin zu NSU 2.0: „Das schmerzt mich sehr“

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Die Präsidentin des hessischen Landeskriminalamts, Sabine Thurau, geht nach einer turbulenten Amtszeit in den Ruhestand. Sie fordert von der Polizei, aus Defiziten zu lernen - und „Transparenz, soweit das rechtlich möglich ist“.

Eine bemerkenswerte Karriere in der hessischen Polizei geht zu Ende. Sabine Thurau war die erste Frau an der Spitze des Hessischen Landeskriminalamts und kämpfte sich vor Gericht ins Amt zurück, nachdem sie von der Landesregierung zwischenzeitlich aussortiert worden war. Am Mittwoch endet Thuraus Amtszeit, mitten in einer Zeit voller Turbulenzen in der hessischen Polizei.

Frau Thurau, rechtsextreme Umtriebe, verschwundene Waffen, Fehleinschätzungen bei Demonstrationen: Was ist los bei der hessischen Polizei?

Wie leben in einer Zeit großer Herausforderungen und großer, auch belastender Verfahren. Eine dieser Herausforderungen ist die Vorwurfslage gegen Polizeibeamtinnen und -beamte in den eigenen Reihen wegen des Verdachts rechtsextremistischer Äußerungen und auch wegen des Verdachts des Versendens von Drohbriefen.

Wie sehr schmerzt es Sie, dass Sie gerade diesen Fall der „NSU 2.0“-Drohbriefe, denen illegale Abfragen von Polizeicomputern vorangegangen waren, in Ihrer Amtszeit nicht haben lösen können?

Das schmerzt mich sehr. Ich kann es aber nicht erzwingen. Die Arbeitsgruppe ist 24 Stunden sieben Tage die Woche aktiv. Es wäre schön gewesen, ich hätte in meiner Amtszeit ein Ergebnis vorweisen dürfen. Wichtig ist, dass aufgeklärt wird, egal unter welcher Behördenleitung.

Aufgeklärt werden müssen auch andere Vorwürfe, etwa der Fall der aus der Asservatenkammer verschwundenen Waffen im Polizeipräsidium Frankfurt. Wie sehr beunruhigt Sie so etwas?

Das macht mir große Sorgen. Waffen können gefährlich werden, wenn sie in die falschen Hände geraten. Zugleich ist es immer eine besondere Belastung, wenn gegen Polizeibeamte aus den eigenen Reihen ermittelt werden muss. Es handelt sich im vorliegenden Fall um ein laufendes Ermittlungsverfahren, zu dem aus diesem Grund von hier aus aktuell keine Aussage getroffen werden kann.

Innenminister Peter Beuth mahnt vor dem Hintergrund solcher Fälle eine bessere Fehlerkultur in den eigenen Reihen an. Hat es daran bisher gefehlt?

Die Polizei ist immer gehalten, ihre Kultur zu überprüfen, auch ihre Fehlerkultur. Wir sind ein großer Apparat mit um die 20 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Im Gegensatz zu Reisebüros oder Konditoreien haben wir nicht mit schönen Sachverhalten zu tun. Wir müssen die Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger gewährleisten und müssen Straftaten aufklären, darunter auch sehr belastende und sehr schwere Straftaten. Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, auch im internen Dienstbetrieb jederzeit sensibel zu sein und aufzupassen, dass wir rechtstreu und im System bleiben.

Schon vor einigen Monaten hat der Innenminister nicht mehr ausgeschlossen, dass es rechtsextreme Netzwerke in der Polizei geben könnte. Welche Erkenntnisse haben Sie dazu?

Wir haben bislang keinerlei Hinweise auf ein Netzwerk. Dabei muss man aber hinzufügen, dass es genauso besorgniserregend ist, wenn viele Einzelfälle zusammenkommen, auch wenn sie nicht miteinander zusammenhängen.

Teilweise ist Vertrauen in die Polizei verloren gegangen. Ich erinnere an die Frauen, die vom „NSU 2.0“ bedroht werden. Wie kann solches Vertrauen wiederhergestellt werden?

Durch engagiertes, professionelles und rechtmäßiges Handeln und durch Transparenz, soweit das rechtlich möglich ist. Wir können immer nur durch professionelle und kompetente Arbeit bei den Bürgerinnen und Bürgern bestehen.

Bald endet Ihre Amtszeit. Welche Herausforderungen hätten Sie gerne noch gelöst?

Neben den Drohbriefen nenne ich die Bekämpfung der Kinderpornografie und des sexuellen Missbrauchs. Es ist ein Phänomen, das sich vorwiegend im Darknet entfaltet. Hier müssen unter anderem viele internationale Bezüge geklärt werden. Kinder sind immer wehrlos, hilflos und werden leicht zu Opfern, gerade in Ländern, in denen der Staat sie nicht so schützt wie in Deutschland. Zudem haben wir besonders häufig Wiederholungstäter. Wenn sie nicht erfolgreich therapiert werden, sind immer wieder neue Straftaten zu befürchten. Ich bin stolz darauf, dass wir im Hessischen Landeskriminalamt erfolgreich neue Konzepte entwickelt haben, die uns beispielsweise in die Lage versetzen, diese Täterpersönlichkeiten zu analysieren und auf diesem Wege gute Ermittlungskonzepte wie auch wirkungsvolle Gefahrenabwehrmaßnahmen zu entwerfen.

Zur Person

Sabine Thurau geht am Mittwoch, 31. März, in den Ruhestand. 2010 hatte die Polizistin und Juristin ihr Amt als Präsidentin des Hessischen Landeskriminalamts (LKA) angetreten. Sie wurde vom damaligen Innenminister, dem heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU), berufen.

Vor mehr als 46 Jahren hatte Thurau ihren Dienst bei der Polizei begonnen. 2002 kam sie erstmals ins LKA, 2005 wurde sie Polizeivizepräsidentin in Frankfurt, fünf Jahre danach LKA-Präsidentin.

Im November 2010 ließ Thurau ihr Amt ruhen, da gegen sie wegen uneidlicher Falschaussage ermittelt wurde. Im Juni 2011 beschied Bouffiers Nachfolger, Innenminister Boris Rhein (CDU), dass sie ihre Probezeit nicht bestanden habe. Thurau ging dagegen juristisch vor. Im September 2013 kehrte sie ins Amt zurück. pit

Im rechtsextremen Bereich haben wir den furchtbaren Terroranschlag in Hanau erlebt. Hat die Polizei dort Fehler gemacht?

Bei einem Anschlag in einer solchen Dimension ist eine konstruktiv-kritische Nachbereitung und Überprüfung nicht außergewöhnlich. Wir hatten am Anfang in den Ermittlungen mitgewirkt, dann hat das Bundeskriminalamt übernommen. Nach meiner Kenntnis hat der Generalbundesanwalt seine Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Ein weiteres Verfahren ist bei der Staatsanwaltschaft Hanau anhängig. Ich kann der Bewertung daher nicht vorgreifen. Aus möglichen Defiziten muss man lernen, das ist sehr wichtig.

Wie schätzen Sie die Bedrohungslage durch Terrorismus ein?

Ich mache mir große Sorgen. Wir kennen immer mehr Täter und Täterinnen, ob im islamistischen Bereich, im rechtsextremistischen Bereich, im linksextremistischen Bereich, die wir im Rahmen der Gefahrenabwehr betrachten oder gegen die Strafverfahren laufen. Die Radikalisierung im Netz macht mir besondere Sorgen. Früher hatten wir Einzeltäter, die Gesinnungsgenossen erst mühsam analog suchen mussten. Vielleicht haben sie sich am Stammtisch geäußert und bestätigt gefühlt. Diese Klientel hat jetzt im Netz die Möglichkeit, wesentlich leichter auf Gleichgesinnte zu stoßen, diese gefährliche Gesinnung noch weiter auszubauen und möglicherweise die Schwelle zur Gewalt zu überschreiten. Das ist eine große Herausforderung. Hier Netze zu finden, wird eine Aufgabe für meinen Nachfolger bleiben.

Ihre Laufbahn hatte einen Knick, als Innenminister Boris Rhein im Juni 2011 sagte, Sie hätten die Probezeit nicht bestanden. Sie haben sich zurückgeklagt und sind seit September 2013 wieder im Amt. Wie sehen Sie diese Zeit rückblickend?

Das war natürlich nicht schön. Aber ich habe die Erfahrung gemacht: In solchen hohen Positionen kann es jederzeit kritisch werden. Wir haben oft mit sehr belasteten Einsätzen und gravierenden Ermittlungsverfahren zu tun. Hier kann es in der Folge durchaus kontroverse Diskussionen geben. Das ist dem Amt immanent.

Minister Beuth will das Amt künftig von einem politischen Beamten führen lassen, der auch ohne Begründung entlassen werden kann. Sie waren keine politische Beamtin. Hat das Vorteile für Sie gehabt?

Ja, ich bin keine politische Beamtin, analog zu den Kollegen in den anderen Bundesländern. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Wenn Sie in den länderübergreifenden Besprechungen sitzen, sind Sie noch immer die einzige Frau?

Ja, ich bin die einzige Frau.

Wie nehmen Sie Ihre Situation als einzige Frau wahr?

Ich habe immer Anerkennung und Wertschätzung erfahren, auch in der Bund und Länder übergreifenden Zusammenarbeit. Ich denke, ich kenne mittlerweile Männer in Ihren Reaktionen besser als Frauen. Die Polizei ist traditionell männlich geprägt, aber inzwischen haben wir stark zunehmend immer mehr Frauen. Aber in den Führungsfunktionen der Polizei sind nach wie vor fast nur Männer.

Würden Sie sich an diesen Stellen mehr Frauen wünschen?

Ja. Ich finde das gut in der Zusammenarbeit, wenn beide Geschlechter zusammen sind. Sie sind nicht gleich, Gott sei Dank. Sie ergänzen sich. Das kann sehr fruchtbar sein in der Lösungsfindung.

Welche Herausforderungen kommen auf Ihre Nachfolgerin oder Ihren Nachfolger zu?

Ich beobachte mit Sorge das Aufwachsen der politisch motivierten Kriminalität. Hier sehe ich auf Sicht noch keine Entspannung. Es ist die Cyberkriminalität, die angesichts der technischen Entwicklung eine große Herausforderung darstellt. Die Behörde muss für die Digitalisierung noch besser ausgestattet werden, auch wenn wir schon auf einem guten Weg sind. Wir sind beispielsweise aufgefordert, mehr interdisziplinär zu kooperieren und auch Expertise von außen einzustellen.

Interview: Pitt von Bebenburg

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