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Geschäftsschließungen abzusehen: Hessens Handwerk in der Klemme

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Von: Peter Hanack

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Hohe Energiekosten und unkalkulierbare Einkaufspreise stellen das Handwerk in Hessen vor große Herausforderungen. Und es fehlt an Fachkräften und Nachwuchs.

Frankfurt - Die hessischen Handwerksbetriebe haben in großer Zahl mit hohen Energiekosten, fehlenden Fachkräften und stark schwankenden Einkaufspreisen zu kämpfen. Vieles davon sind Folgen des Kriegs in der Ukraine. Für die Kunden könnte dies höhere Rechnungen und längere Wartezeiten bedeuten.

„Zurzeit wird die Mineralwolle, die man zum Dämmen von Gebäuden benötigt, jeden Tag teurer“, berichtete Stefan Füll, Präsident des Hessischen Handwerkstags (HHT). Dafür sei der Preis von Dachlatten wieder auf einem normalen Niveau angelangt, auch Styropor sei wieder bezahlbar.

Hessens Handwerk in der Klemme: „Wie an der Tankstelle“

„Unsere Einkaufspreise schwanken wie der vom Benzin an der Tankstelle“, sagte Füll am Mittwoch bei der Vorstellung des jährlichen Konjunkturberichts in Wiesbaden. Das mache auch die eigene Preiskalkulation bei Angeboten schwierig bis nahezu unmöglich. Man wisse nicht, ob man am Ende des Tages tatsächlich das Geld verdient habe, mit dem man gerechnet habe.

Diese Unkalkulierbarkeit ist nicht die einzige Schwierigkeit, mit der viele hessische Handwerksbetriebe seit geraumer Zeit zu kämpfen haben. Überhaupt sind die Einkaufspreise gestiegen, und natürlich ist auch die Energie deutlich teurer geworden, trotz der staatlichen Preisbremsen. 88 Prozent der Betriebe berichten von deutlich höheren Gestehungskosten, aber lediglich 60 Prozent konnten diese auch an ihre Kunden weitergeben, erläuterte HHT-Geschäftsführer Bernhard Mundschenk. Für die anderen ist der Markt also deutlich enger geworden.

Betriebszahlen

In Hessen gibt es (Stichtag 31. Dezember 2022) genau 77 638 Handwerksbetriebe. Dort sind knapp 380 000 Menschen beschäftigt. Diese erwirtschafteten zuletzt rund 40 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Die Zahl der neuen Auszubildenden ging im Jahr 2022 auf knapp 9400 zurück. 2019 waren es noch rund 1000 mehr gewesen. Die weiblichen Ausbildenden machen dabei lediglich 17 Prozent aus. pgh

„Wir werden aus mehreren Richtungen in die Zange genommen“, formulierte es Handwerks-Vizepräsident Wolfgang Kramwinkel. Dazu gehörten auch steigende Sozialabgaben und Lieferengpässe. Die hohen Energiepreise machten vor allem Betrieben in der Metallbranche, Fleischereien oder auch Textilreinigungen arg zu schaffen. Bei einem mittelständischen Bäcker, rechnete Kramwinkel vor, könne der gestiegene Strompreis die Kosten für den Betrieb der Öfen schnell einmal von 270 000 Euro auf fast eine Million hochschnellen lassen. Das sei dann kaum noch zu stemmen.

Handwerk in Hessen bietet gute Chancen für Beschäftigte

„Wir rechnen damit, dass wohl einige Betriebe im laufenden Jahr schließen werden“, sagte auch Füll. Gleichzeitig sei damit zu rechnen, dass die Preise weiter steigen werden, wenn auch nicht mehr so stark wie zuletzt. Denn gerade im Bau- und Ausbausektor habe die Nachfrage auch wegen der hohen Preise und der gestiegenen Zinsen nachgelassen. Entsprechend nehme der Konkurrenzdruck wieder zu.

Wird der Strom teurer, kostet auch das Backen mehr. Für manche Bäckereien ist das nicht mehr bezahlbar. Sie machen zu.
Wird der Strom teurer, kostet auch das Backen mehr. Für manche Bäckereien ist das nicht mehr bezahlbar. Sie machen zu. © Monika Müller

Doch es gibt auch gute Nachrichten. Selbst bei Betriebsschließungen könnten die Mitarbeitenden in der Regel damit rechnen, übernommen zu werden oder schnell wieder eine Anstellung zu finden. „Bereits heute fehlen uns in Hessen rund 15 000 Fachkräfte“, sagte Mundschenk. Wer heute ein Handwerk lerne, habe ebenfalls sehr gute Zukunfts- und Einkommensperspektiven.

Doch eben an diesem Nachwuchs mangelt es. Gerade einmal 9376 neue Lehrverträge gab es im vergangenen Jahr, 136 weniger als 2021. Und 1000 weniger als im Vor-Corona-Jahr 2019. An Betrieben, die ausbilden würden, fehle es nicht, sagt Mundschenk. Aber an Bewerbern. (Peter Hanack)

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