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Hessen: Zwei Jahre Corona und viele Fragen offen

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Von: Pitt von Bebenburg

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Ein Symbol auf der Intensivstation für Corona-Patienten am Sana Klinikum Offenbach weist auf den Covid-Bereich hin. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Ein Symbol auf der Intensivstation für Corona-Patienten am Sana Klinikum Offenbach weist auf den Covid-Bereich hin. © dpa

Hessens Sozialminister Klose und die Frankfurter Virologin Ciesek berichten von ihren Erfahrungen mit zwei Jahren Corona. Das Leben hat sich verändert, die Medizin hat dazugelernt

Vor zwei Jahren kam Corona in Hessen an. Am 1. Februar landeten in Frankfurt deutsche Staatsbürger:innen, die sich zuvor im chinesischen Wuhan aufgehalten hatten – darunter die ersten beiden Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten.

War das wirklich erst vor zwei Jahren? „Mir kommt das alles schon viel länger vor“, sagt die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek, eher wie fünf Jahre, „weil so viel passiert ist in der Zwischenzeit“. Damals lernte Ciesek den hessischen Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) kennen, den sie seitdem in Fragen der Infektionsbekämpfung berät. Am Freitag zogen Ciesek und Klose in einem Onlinepressegespräch Bilanz.

Nicht nur die Begegnungen in der virtuellen statt in der realen Welt sind in diesen zwei Jahren zur Gewohnheit geworden. Sondern auch die Masken. Klose und Ciesek, die mit gebührendem Abstand nebeneinander sitzen, nehmen sie nur ab, wenn sie jeweils sprechen.

Die Frankfurter Virologin hält nichts davon, angesichts des milderen Verlaufs der Omikron-Variante auf die Maskenpflicht zu verzichten, wie es einzelne Staaten jetzt tun. Selbst wenn der Mund-Nasen-Schutz nicht jede Übertragung verhindere, diene er doch in jedem Fall einer „Reduzierung der Virenlast“, die man aufnehme, sagt Ciesek. Die Maske sei außerdem „eine relativ einfache Maßnahme“, stellt sie weiter fest. „Es tut nicht weh, sie zu tragen. Man hat sich dran gewöhnt.“

Der Politiker und die Medizinprofessorin verbinden nicht nur schlechte Erfahrungen mit diesen beiden Jahren, die von der Pandemie bestimmt waren. Die Zusammenarbeit mit „tollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“ sei etwa „eine der positiven Lehren aus Corona“, stellt Klose fest. Dabei hebt der Grünen-Politiker nicht nur die regelmäßige Kooperation mit Ciesek hervor, sondern auch die Unterstützung von Jürgen Graf und Stephan Becker. Graf, der Ärztliche Direktor am Universitätsklinikum Frankfurt, leitet in Corona-Zeiten den „Planstab stationär“ beim Sozialministerium. Der Marburger Professor Becker steht an der Spitze des „Pandemienetzwerks hessische Universitätsmedizin“.

Zwei Jahre Corona

Am 27. Januar 2020 wird in Deutschland der erste Fall einer Corona-Infektion bestätigt, und zwar in Bayern. Der Erkrankte ist ein 33-Jähriger, der bei einer Firma im Landkreis Starnberg arbeitet. Die Behörden gehen davon aus, dass er sich während einer Fortbildungsveranstaltung am 21. Januar bei einer chinesischen Kollegin angesteckt hat.

Am 1. Februar 2020, einem Samstag, trifft in Frankfurt eine Sondermaschine der Bundeswehr ein, die 128 Menschen aus der chinesischen Region um die Stadt Wuhan zurückbringt. Die Passagiere werden untersucht und kommen in Quarantäne. Elf Passagiere mit Symptomen werden direkt vom Airport in die Frankfurter Uniklinik gebracht.
Am Sonntag, 2. Februar 2020, steht fest: Zwei Menschen aus dem Flugzeug haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Es handelt sich um Personen, die gleich von Frankfurt in die Südpfalz-Kaserne im rheinland-pfälzischen Germersheim gebracht worden waren.

Am 9. März 2020 werden die ersten beiden Corona-Todesfälle in Deutschland gemeldet. Die Verstorbenen sind ein Mann aus Heinsberg und eine Frau aus Essen.

Am 17. März 2020 stirbt erstmals ein Mensch in Hessen an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Es handelt sich um einen 68-jährigen Mann, der auf der Intensivstation einer Wiesbadener Klinik behandelt wurde. pit

Seit zwei Jahren lernen Politik und Wissenschaft dazu und werden oft von den Entwicklungen überrascht. Etwa durch immer neue Virusvarianten. „Damit hat wohl kaum ein Virologe gerechnet, dass es so schnell geht“, stellt Ciesek fest. Damit müssen auch politische Vorgaben Schritt halten. Etwa die Hotspotregelung, die in Regionen gilt, in denen die Inzidenz den Wert von 350 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner:innen innerhalb von sieben Tagen überschreitet. Das ist, da ganz Deutschland inzwischen im Durchschnitt über 1000 liegt, überall in Hessen der Fall.

„Diese Regelung stammt aus der Delta-Zeit“, erinnert Klose. Für die Omikron-Variante müssen offenkundig andere Kriterien gefunden werden. Der hessische Sozialminister warnt aber vor einer Lösung auf Landesebene. „Möglichst bundeseinheitlich“ solle das geregelt werden, betont er.

Der Minister mahnt auch, sich nicht vom Rückgang der Belegungszahlen der Intensivstationen blenden zu lassen. „Wir sehen eine deutliche Belastung der Normalstationen“, konstatiert Klose. Diese wiege umso stärker, da immer mehr Personal ausfalle, das sich selbst infiziert habe oder zumindest in Quarantäne müsse.

Erneut werben der Minister und die Wissenschaftlerin dafür, sich impfen und boostern zu lassen. „Meine Hoffnung ist, dass wir es über den Sommer schaffen, wenigstens eine Impfquote zu haben, die uns vor einer weiteren Welle schützt“, formuliert die Virologin. Besonders die vollständige Impfung von Menschen über 60 Jahren sei wichtig, „weil genau die schwer erkranken“. Das habe dazu geführt, dass die Kliniken an ihre Grenzen gekommen seien.

Aber wann benötigt man eine Auffrischung? Von einer vierten Impfung für alle hält Ciesek derzeit jedenfalls nichts. Sie glaube aber schon, „dass es langfristig darauf hinauslaufen wird, dass einige sich regelmäßig impfen lassen müssen“, fügt sie hinzu – und nennt Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten ebenso wie ältere Menschen.

Ist dafür eine Impfpflicht erforderlich? Klose bekräftigt sein Ja zur Impfpflicht für alle Erwachsenen. Ciesek hält sich zurück. Sie macht deutlich, dass sie sich eine höhere Impfquote wünscht, am liebsten aber auf freiwilliger Basis. Ob es am Ende eine Impfpflicht brauche, das müsse die Politik entscheiden, sagt sie.

Aber auch medizinisch sind nach zwei Jahren noch viele Fragen offen. Kommen jetzt immer schwächere Corona-Varianten oder taucht noch eine auf, die wieder stärker krank macht? Wie kann Pims verhindert werden, die schwere Nach-Covid-Erkrankung von Kindern, die derzeit um sich greift? Wie gut helfen Impfungen gegen das Long-Covid-Syndrom, also Spätfolgen einer Corona-Erkrankung? Ciesek stellt nüchtern fest: „Diese Fragen werden wir erst in einigen Wochen und Monaten beantworten können.“

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