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Eiermobile boomen.
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Eiermobile boomen.

Landwirtschaft

Hessen: Wenn das Federvieh im Wohnmobil lebt

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Immer mehr Betriebe halten ihre Legehennen in Wagen mit Freilauf. Die Kundinnen und Kunden finden das gut.

Um 4 Uhr in der Früh geht die Lampe an: Aufstehzeit im Hühnermobil. Erst fressen und trinken sie, dann legen die ersten Bewohnerinnen ihre Eier in das mit Dinkelspelz ausgelegte Gruppennest. Danach heißt es warten, bis sich die Klappe öffnet. „Sie wissen genau, wann es soweit ist“, sagt Andreas Veith. Kurz vorher drängen sich die Hühner vor dem Ausgang. Sobald die Luke nur ein paar Zentimeter geöffnet ist, lugt der erste Schopf aus dem Spalt: „Die wollen raus, die sind nichts anderes gewöhnt.“ Selbst eisige Temperaturen schrecken das rote Federvieh nicht ab.

Dessen Zuhause ist ein Hühnermobil. Als der Landwirt aus Friedberg-Dornheim mit Ehefrau Sandra vor sechs Jahren das erste anschaffte, gehörten die beiden zu den Pionieren. Mittlerweile leben bundesweit knapp drei Millionen Legehennen aus mehr als 2000 Betrieben in fahrbaren Geflügelställen. Und es werden immer mehr. Das ist offensichtlich, wenn man mit offenen Augen übers Land fährt.

Der Bundesverband mobile Geflügelhaltung mit Sitz in Modautal hat 350 Mitglieder, davon rund 40 in Hessen. Auf seiner Internetseite ist eine Postleitzahlsuche eingerichtet, um sie zu finden.

www.mein-mobil-ei.de

Über regionale Einkaufsmöglichkeiten informiert die Initiative „Echt Hessisch“ unter www.echt-hessisch.info

„Seit zwei, drei Jahren boomt das“, sagt Dennis Hartmann, Vorsitzender des Bundesverbands Mobile Geflügelhaltung aus Modautal im Kreis Darmstadt-Dieburg. Rund 40 der rund 350 Mitglieder wohnen in Hessen. Die Corona-Pandemie habe für zusätzlichen Rückenwind gesorgt, sagt Hartmann: „Die Verbraucher möchten vermehrt gute Lebensmittel aus der eigenen Region, von denen sie sehen, dass es den Tieren gut geht.“

Persönlicher Kontakt mit den Erzeugerbetrieben schaffe Vertrauen. „Aus einem anfänglichen Trend wurde mittlerweile eine nachhaltige Entwicklung“, sagt Hartmann. Ein Gegenmodell zur Massentierhaltung, die immer wieder in die Negativschlagzeilen gerate.

Biobetriebe, aber auch konventionelle sind unter den Wohnmobilnutzern. So wie der der Veiths, für die das Tierwohl bei der Entscheidung für das erste Mobil eine untergeordnete Rolle spielte. Ihnen war einfach das Risiko zu groß, eine Million Euro in einen riesigen Stall zu investieren. Deshalb schafften sie sich 2016 den ersten Wagen für 240 Tiere an. Schon ein halbes Jahr später stand das zweite Gefährt auf dem Acker in Dorheim. Inzwischen sind es fünf von unterschiedlicher Größe. Wohnmobile für 1800 Stück rotes Federvieh – darunter auch 35 Hähne. „Brauchen tut man die eigentlich nicht“, sagt Veith. „Aber die Hühner sind dann ausgeglichener.“

Und eine Schutzfunktion erfülle der Gockel für seine rund 50 Frauen auch: Er soll Habichte abschrecken. Demnächst unterstützen ihn dabei wieder die Ziegen und Schafe, die noch im Winterquartier stehen.

Die Hühner hingegen sind sommers wie winters draußen, selbst Regen schreckt sie nicht ab. „Isa Braun“, wie die Rasse heißt, gilt als besonders robust. Wenn demnächst die Vegetationsperiode beginnt, ziehen die Scharen mit ihren Mobilen alle zwei Wochen um. Ein mit Strom gesicherter versetzbarer Zaun hindert sie daran, auszubüxen. Abenteuerlustige Hühner wagen auch mal einen Flug auf die andere Seite; sie werden per Kescher wieder eingefangen.

Das klingt idyllisch, doch die Freiheit nähme ein jähes Ende, wenn im nahen Umkreis ein Fall von Vogelgrippe festgestellt würde. Dann dürften die Tiere nicht mehr ins Freie. „Wir müssten irgendeine Unterkunft aus Strohballen bauen“, sagt Veith.

Die Vogelgrippe mache ihm große Sorgen, sagt sein südhessischer Kollege Hartmann, der als Verbandsvorsitzender konventionelle wie Biobetriebe vertritt. „Es ist schwer, die Tiere einzusperren.“ Sie seien die Freiheit gewohnt und bräuchten dann mehr Beschäftigung – etwa mit Heuballen oder Karotten zum Picken. „Das wäre viel mehr Aufwand.“ Hartmann setzt darauf, dass der Frühling das Problem demnächst löst. UV-Strahlen, sagt er, könnten die Grippeviren zerstören.

Fütterung, Klappe morgens auf und abends zu, Licht an und aus – all das funktioniert automatisch. Doch die Eier aus den Nestern holen, sie in die Sortiermaschine legen, mehrmals täglich nach den Tieren schauen: Das geht nur, wenn alle anpacken – auch die Tochter oder Sohn Lukas, der derzeit in einem anderen Betrieb eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert. Der 19-Jährige möchte eines Tages den Hof übernehmen.

An eine Umstellung auf Bio beim Getreide denkt er nicht. Aber er ist offen für Neues, hat Ideen. Im vorigen Jahr etwa hat er versuchsweise Tomaten und Salat angebaut. „Die musste ich auch nicht spritzen.“ Die Ernte fand so guten Absatz im Hofladen, dass der Junior in diesem Jahr das Sortiment auf Kartoffeln erweitert.

Denn Eigenprodukten gibt die Kundschaft stets den Vortritt, sagt Sandra Veith. Und deren Zahl hat sich im Pandemiejahr vervierfacht. Die Landwirtsfamilie hat flexibel reagiert, sich der neuen Situation angepasst und noch mehr Zeit investiert. Hat den einstigen Veranstaltungsraum zum Hofladen von annehmbarer Größe umfunktioniert. 60 Prozent der Eier gehen hier über den Ladentisch, der Rest in Hofläden oder inhabergeführten Supermärkten in der Nähe.

Ständig arbeiten die Wetterauer Unternehmer daran, ihr Angebot zu erweitern. Die Wurst und das Fleisch stammen von benachbarten Betrieben, es gibt auch Wein. Die meisten Produkte in den Regalen tragen aber das Etikett von „Veith’s Eier-Pott“: Eierlikör, Ketchup, Nudeln, Gemüsepaste, Apfelsaft, 23 Sorten Fruchtaufstrich – alles aus eigener Herstellung. Und weil die Erfahrung zeigt, dass viele Kundinnen und Kunden nicht wissen, wie man eine Hühnersuppe kocht, gibt es auch die fertig im Glas.

Denn das Leben einer Legehenne ist relativ kurz: Nach 15 Monaten ist Schluss. Auch für die letzte Phase haben die Veiths eine tierwohlgerechte Lösung gefunden: Den Tod finden die Tiere im Schlachtmobil – einem unter anderem vom Land Hessen, der Gerty-Strohm-Stiftung, dem Wetteraukreis und der Ökolandbau Modellregion Wetterau geförderten Fahrzeug. Das kommt seit August direkt auf den Hof und erspart den Tieren den stressigen Transport zum Schlachthof.

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