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Hessen: Weniger Apotheken, mehr Personal

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Von: Jutta Rippegather

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Die Apothekenbranche ist im Umbruch. Die Kassenärztelobby begleitet das kritisch. Peter Jülich
Die Apothekenbranche ist im Umbruch. Die Kassenärztelobby begleitet das kritisch. Peter Jülich © Peter Jülich

Der Trend geht zu großen Einheiten und mehr Service. Die Ärztelobby kritisiert die Abrechnung von Beratungen.

Hessens Kassenärzte wehren sich dagegen, dass Apotheken sogenannte pharmazeutische Dienstleistungen mit den Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) abrechnen dürfen. Warnen gar von einer „evidenten Patientengefährdung“. Trotz der „absolut substanziellen Kritik“ sei er als Bundesgesundheitsminister bislang noch nicht tätig geworden, schreibt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen in einem Offenen Brief an Karl Lauterbach (SPD). „Hier gibt es wahrscheinlich keinen verordnenden niedergelassenen Arzt, der nicht schon ein oder mehrfach erlebt hat, dass Patientinnen und Patienten nach solchen ,Beratungen‘ wichtige, zum Teil lebenswichtige Medikamente in ihrer Dosis verändert haben oder ganz abgesetzt haben.“

Gerade kostendeckend

Der Vorsitzende des Landesapothekerverbands, Holger Seyfarth, versteht die Aufregung nicht. Es sei nur recht und billig, dass die steigende Zahl an Beratungen zumindest ansatzweise entlohnt werde. Drei Blutdruckmessungen im Kontrollverlauf oder die Arzneimittelanalyse, um Polymedikation zu vermeiden – das koste Zeit. Und für eine Beratung nach Organtransplantationen oder bei einer Krebstherapie bedürfe es einer Zusatzqualifikation. „Nicht jede Apotheke kann alle Dienstleistungen anbieten“, stellt er klar.

Geht es nach der KV, sollte es keine geben. Arzneimittel gehörten einzig in die Hände des Mediziners oder der Medizinerin. „Das qualifizierte Verordnen von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in der GKV setzt ein sechsjähriges Studium der Medizin, eine Facharztausbildung und eine Zulassung zur vertragsärztlichen Tätigkeit voraus. Und eben nicht rudimentäre, im Studium vermittelte Krankheitslehre, gepaart mit einer Online-Fortbildung.“

Seyfarth stellt dagegen klar, dass die Apotheker:innen sich mit pharmazeutischen Dienstleistungen keine goldenen Nasen verdienen könnten. „Damit werden gerade so eben die Kosten gedeckt.“ Und das in einer Branche, in der akuter Fachkräftemangel herrsche.

Fachkräftemangel

Denn der Bedarf an Personal wächst. Die öffentlichen Apotheken befinden sich seit Jahren im Umbruch. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der SPD-Gesundheitsexpertin Daniela Sommer hervor. Demnach sank ihre Zahl von 1485 im Jahr 2017 auf aktuell 1407. Der Trend geht zu größeren Einheiten mit bis zu drei Filialen. Die bieten neben der ambulanten Versorgung weitere Dienstleistungen an, heißt es in der Antwort von Sozialminister Kai Klose (Grüne) weiter: für Heime etwa oder Krankenhäuser. Die Konsolidierung zeige sich an der steigenden Zahl von Beschäftigten. In Hessen sei sie insbesondere in kreisfreien Städten festzustellen.

Ein Paradebeispiel dürfte der Betrieb von Verbandschef Seyfarth sein. In seinen vier Apotheken in Frankfurt beschäftigt er derzeit 90 Männer und Frauen. Und sucht händeringend nach weiteren Beschäftigten: „Es gibt noch nicht einmal Bewerbungen.“ Der Arbeitsmarkt sei leergefegt. Eine Tätigkeit mit Sechs-Stunden-Woche und regelmäßigen Notdiensten sei für Jungakademiker:innen mit Anspruch auf Work-Live-Balance kaum begehrenswert. „Die gehen lieber in die Industrie.“ Nach acht Semestern Studium und zwei Semestern Praktikum wünschten sich viele eine anspruchsvolle Tätigkeit: „Apotheken müssen attraktiver werden. Die Pharmazeutischen Dienstleistungen sind dazu ein erster Schritt.“

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