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Eine Abschiebehaftanstalt im Darmstädter Stadtteil Eberstadt.
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Eine Abschiebehaftanstalt im Darmstädter Stadtteil Eberstadt.

Enorm belastende Situation

Abschiebung in Hessen: Verzweiflungstaten häufen sich

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Beraterinnen und Berater von Geflüchteten berichten von der psychischen Ausnahmesituation geflüchteter Menschen und deren Folgen in Hessen.

Frankfurt/Gießen - Im Januar schluckt ein Iraner Tabletten und Flüssigseife, um sich das Leben zu nehmen. Im Juni springt ein algerischer Mann aus dem Fenster. Im Oktober folgen vier weitere Suizidversuche von Frauen und Männern aus Algerien, Marokko, Irak und Iran. Zum Glück überleben alle diese Menschen.

Das sind nur einige der Fälle aus hessischen Erstaufnahme-Einrichtungen für geflüchtete Menschen aus dem Jahr 2020, über die Innenminister Peter Beuth (CDU) jetzt in seiner Antwort auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Saadet Sönmez berichtet hat. Insgesamt sind danach im vergangenen Jahr 24 Suizidversuche von Bewohnerinnen und Bewohnern bekannt geworden. Im Jahr davor seien es sogar 50 Fälle gewesen, schreibt Beuth.

Versuche der Abschiebung führen immer wieder zu Verzweiflungstaten

Auch Abschiebeversuche führen immer wieder zu solchen Verzweiflungstaten. In diesem Zusammenhang haben die Behörden im Jahr 2020 acht Suizidversuche oder Selbstverletzungen registriert. Im Jahr 2019 waren es neun gewesen. Es sei aber „nicht gewährleistet“, dass diese Angaben vollständig seien, fügte Minister Beuth hinzu.

Für Fachleute ist die Häufung der Taten nicht verwunderlich. Psychosoziale Beraterinnen und Berater berichten von der enorm belastenden Situation für geflüchtete Menschen in der Erstaufnahme, im Flughafenverfahren oder im Angesicht einer drohenden Abschiebung. „Es ist bedauerlich, dass auf psychisches Leid erst reagiert wird, wenn es um Suizid geht“, stellt Noriko Blaue fest, die psychosoziale Beratung für Asylbewerber am Frankfurter Flughafen leistet.

Blaue ist eine von derzeit fünf Beraterinnen und Beratern im Frankfurter Evangelischen Beratungszentrum am Weißen Stein, die Unterstützung für geflüchtete Menschen anbieten – die meisten davon allerdings nur in Teilzeit. Für Suizidversuche sei „häufig ausschlaggebend, dass der Brief kam, dass sie abgelehnt worden sind, dass die Polizei kommen kann“, schildert eine von ihnen.

Abschiebung in Hessen: „Seele findet keine Ruhe“

„Es gibt Leute, die mir berichten, dass sie nicht mehr schlafen können, seit sie in Deutschland sind“, sagt Barbara Lueken, die geflüchtete Menschen berät und beim Weg durch ihr Asylverfahren begleitet. Auf der Flucht seien sie noch „im Überlebensmodus“ gewesen. In Deutschland hingegen hätten sie sich Sicherheit erhofft, müssten aber weiter in existenzieller Unsicherheit leben, ohne klare Zukunftsperspektive.

„Ihre Seele kann hier keine Ruhe finden“, formuliert eine der Beraterinnen. In der Erstaufnahme komme die belastende Ungewissheit über die Aufenthaltsdauer und den Verlauf des Asylverfahrens hinzu. Selbst der Internet-Zugang sei spärlich. In der Corona-Zeit habe sich die Lebenssituation der Menschen in der Erstaufnahme durch die fehlende Tagesstruktur verschärft – keine Freizeitaktivitäten, keine Deutschkurse, selbst Sport im Freien war zeitweise nicht möglich.

Auffällig ist, dass die offiziellen Zahlen für das Corona-Jahr 2020 dennoch keine Steigerung der versuchten Selbsttötungen ausweisen. Möglicherweise liege es daran, dass Abschiebungen in dem Jahr monatelang ausgesetzt gewesen seien, vermutet Psychologe David Kilian.

Beratung

Der Fachdienst Beratung und Therapie für Flüchtlinge im Evangelischen Zentrum Am Weißen Stein ist erreichbar unter: 069 - 53 02 29 1, fluechtlingsberatung@frankfurt-evangelisch.de, evangelische-beratung.com

Wenn Sie selbst oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter: 0800-1110111.

Hilfe bei Depressionen und psychischen Notfall-Situationen gibt es auch unter: deutsche-depressionshilfe.de. Hilfe bietet auch der Krisendienst Frankfurt unter: 069-61 13 75. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite: bsf-frankfurt.de

Abschiebung in Hessen: „Fast nur noch damit beschäftigt, Suizidgefahren einzuschätzen“

Fast alle Klientinnen und Klienten kämen mit Suizidgedanken in die Beratung, schildert Noriko Blaue. Geboten wäre eine längere stationäre oder teilstationäre Behandlung. Doch das kann das Beratungsteam nicht leisten. Manchmal sei nur Zeit für ein Gespräch in der Woche. Doch auch das könne Hoffnung machen nach dem Motto: „Da gibt es jemanden, mit dem ich sprechen kann, da ist jemand interessiert daran, dass ich überlebe.“

Das gilt auch für die anderen drei Psychosozialen Zentren in Hessen, die ihre Dienste in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes anbieten und dafür vom Land gefördert werden. Ihr Fokus liege „auf einer niedrigschwelligen psychosozialen Betreuung sowie Beratung der Geflüchteten, einer ersten Krisenintervention bei akuten psychischen Auffälligkeiten und Erkrankungen sowie einer entsprechenden Weiterleitung in das vernetzte Versorgungssystem vor Ort“, schildert Minister Beuth.

Man sei „im Psychosozialen Zentrum fast nur noch damit beschäftigt, Suizidgefahren einzuschätzen“, berichtet Klaus-Dieter Grothe. Er ist der Vorsitzende des Trägervereins des Psychosozialen Zentrums für Mittelhessen, das die größte Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Gießen betreut. Die Lage habe sich seit 2019 zugespitzt, „mit steigenden Zahlen und steigender Aufenthaltsdauer“.

Damals war die maximale Aufenthaltsdauer per Gesetz von sechs auf 18 Monate gesteigert worden. Dadurch sei eine „hoch belastete Situation“ entstanden, sagt Grothe. (Pitt von Bebenburg)

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