1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Hessen und Flugbranche: Ein Arbeitsplatz, der abschreckt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jutta Rippegather

Kommentare

Eine Studie der Linken zur Beschäftigung in der Flugbranche fordert verbindliche Standards. Vom Wettbewerb profitierten vor allem die Betuchten.

Der Boom der zivilen Luftfahrt hat die Situation der Beschäftigten verschlechtert. Zu diesem Schluss kommt der Wirtschaftssoziologe Erik Sparn-Wolf, der seit 2018 im Auftrag der Linken die Arbeitsbedingung in der Flugbranche untersucht hat. Er geht davon aus, dass die pandemiebedingte wirtschaftliche Delle zumindest mittelfristig überwunden sein wird. Und dass die aktuellen Personalprobleme eine Folge der Billigfliegerei sind, die zu Dumpinglöhnen geführt hätten.

Negative Klimaauswirkungen

Parallel zum in den 1990er Jahren einsetzenden Branchenwachstum haben sich demnach Qualität und Bedingungen der Arbeit an den Airports verschlechtert. „Hinzu kommen die wachsenden negativen Auswirkungen auf die weltweite Klimaentwicklung.“ Das Argument vom positiven wirtschaftlichen Effekt müsse vor diesem Hintergrund kritisch hinterfragt werden. „Nur so kann politisch ein Weg gebahnt werden für eine notwendige und verantwortliche sozial-ökologische Transformation“, heißt es in der knapp 130-seitigen Studie, an der Jörg Cezanne, Soziologe und Linkenpolitiker aus Mörfelden-Walldorf mitgearbeitet hat, langjährig erfahren im Kampf gegen den Flughafenausbau.

Privatisierungswelle

Unter dem Titel „Verlierer:innen in einer beflügelten Branche“ haben die Wissenschaftler untersucht, wie sich die von der EU in den 90er Jahren forcierte Liberalisierung auswirkt. Sie habe Privatisierungs- und Outsourcingwellen Vorschub geleistet – besonders weitreichend in den Bodenverkehrsdiensten. Wegen des Preiskampfs seien Flugtickets für den Großteil der Bevölkerung erschwinglicher geworden. „Die Branche ist heute durch einen politisch entfesselten Verdrängungswettbewerb und einen wachsenden Niedriglohnsektor geprägt.“

Der Frage des Wandels gingen die Autoren auch in Interviews nach, die sie mit langjährigen Beschäftigten unterschiedlicher Gewerke in den Jahren 2018 und 2020 führten. Demnach hat sich der Trend zur Verschlechterung nach der coronabedingten Zäsur weiter verschärft. Die von Personalmangel hervorgerufenen aktuellen Probleme seien keine Überraschung. Einstige Beschäftigte wollten kaum zurückkehren, „und die Branche ist für viele Arbeitskräfte heute regelrecht abschreckend geworden“. Ein „Weiter so“ werde nicht helfen: „Effektive wirtschaftspolitische Regulierung und verbindliche Beschäftigungsstandards sind die einzige Möglichkeit; diese Probleme sozialverantwortlich zu überwinden.“

„Der Wettbewerb ist enorm“

Beispiele aus den Interviews: „Jeder, der nicht in einen neuen Standardvertrag wechselt, der noch etwa 25 Prozent schlechter bezahlt ist, jeder, der diesen Vertrag nicht akzeptiert, muss das Unternehmen verlassen“, sagt jemand aus dem Bereich Flugbegleitung bei einem Low-Cost-Carrier. Bei einer Traditionsairline sieht es wenig besser aus: „Natürlich ist der Wettbewerb enorm groß, der Druck einer Firma ist groß, ja. Und den kriegen wir als Mitarbeiter natürlich auch zu spüren. Und das heißt, es gibt mehr Flüge, es gibt weniger Aufenthalt vor Ort, es gibt weniger Freizeit, und es gibt weniger Geld.“

Der oder die Frachtfahrer:in einer outgesourcten Groundhandlinggesellschaft kann mit dem Lohn nicht die Familie ernähren: „Entweder braucht man einen zweiten Job, oder man muss zum Amt gehen.“ Ein:e Mitarbeiter:in einer Flughafenbetreiberfirma berichtet von Einschüchterungsversuchen: „Du kannst alles sagen, aber das kann gegen dich verwendet werden.“ Jemand anderes sagt: „Wir werden reduziert – die Alten, die die teuren Verträge noch haben, wir sollen weg. Und dafür kommen natürlich junge, dynamische Leute nach, die weniger kosten. “

„Ist es all das wert?“, fragen die Autoren in ihrem Schlusswort. „Stehen die Preisvorteile für Flugreisende in einem adäquaten Verhältnis zu den enormen Folgewirkungen wachsender Niedriglohnbereiche und einer steigenden Zahl prekarisierter Arbeitnehmer:innen?“ Der harte Branchenwettbewerb nutze keineswegs der gesamten Bevölkerung, sondern vor allem jenen, die ohnehin vergleichsweise privilegiert sind. „Das gilt umso mehr für die damit verbundenen Klimafolgen, die global gesehen vor allem Menschen in ärmeren Ländern ungleich härter treffen.“

www.linksfraktion-hessen.de

Auch interessant

Kommentare