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Hessen: „Sorgen um die Zukunft können psychisch krank machen“

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Von: Jutta Rippegather

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Svenja Krück, Klimaschutzbeauftragte der Landesärztekammer.
Svenja Krück, Klimaschutzbeauftragte der Landesärztekammer. F. Ivanisevic © Ivanisevic

Die Landesärztekammer hat eine eigene Klimaschutzbeauftragte. Svenja Krück über die Rolle des Gesundheitswesens.

Klimawandel kann krank machen. Schon deshalb sehen sich Hessens Ärztinnen und Ärzte in der Pflicht, in ihrem Arbeitsalltag auf den schonenden Umgang mit den Ressourcen zu achten. Svenja Krück nennt Beispiele.

Frau Krück, in Höchst eröffnet jetzt das weltweit erste Krankenhaus im Passivhausstandard. Ein Vorbild für andere Krankenhausträger?

Absolut. Das ist was ganz Besonderes, auf das die Verantwortlichen stolz sein können. Hoffentlich findet es viele Nachahmer. Es wird einfacher, wenn der Anfang gemacht ist. Ein Krankenhaus ist ein hochkomplexer Zweckbau. Viele Regularien müssen eingehalten werden, ganz oben steht die Patientensicherheit. Im Laufe des Betriebs wird man sicher noch kleine Probleme feststellen. Aber ich bin beeindruckt, was da von architektonischer Seite geleistet wurde.

Ist Höchst ein Vorreiter?

Viele Kliniken haben inzwischen Projekte und Mitarbeiter, die sich mit Klimaschutz auskennen. Alle haben Probleme mit den explodierenden Energiekosten. So ein Passivhaus ist schon deshalb ein Gewinn, lässt sich aber nicht so flott bauen. Schneller geht es mit Nachrüstungen an Bestandsbauten, die jedoch nicht die gleiche Energieeffizienz erreichen.

Was ist Ihre Aufgabe als Klimaschutzbeauftragte der Landesärztekammer und Vorsitzende einer ganzen Arbeitsgemeinschaft?

Wir schauen erstmal auf uns selbst, auch die Landesärztekammer will klimaneutral werden. Da geht es um Gebäude, Dienstfahrten. Wir möchten aber auch unsere Mitglieder – die Ärztinnen und Ärzte - fortbilden. Und deren Mitarbeitende. Etwa die Medizinischen Fachangestellten in den Praxen, die haben viele Einflussmöglichkeiten und können als Ansprechpartnerinnen fungieren.

Klingt nach Riesen-Baustelle. Gerade das Gesundheitswesen arbeitet nicht gerade klimafreundlich.

Stimmt. Der Gesundheitssektor befasst sich primär mit Patienten und deren Sicherheit. Wir arbeiten in einem unheimlich energieintensiven Bereich und nutzen viel Material, das nicht wiederverwendet wird. Wir müssen schauen, an welchen Schrauben wir drehen können. Man kann nicht von einem auf den anderen Tag auf klimafreundlich umstellen. Aber jeder hat die Möglichkeit, in seiner eigenen Arbeit im Gesundheitsbereich Gebiete zu identifizieren, in denen man klimafreundlicher arbeiten kann, und da zu intervenieren.

Haben Sie einige konkrete Beispiele?

Zum Beispiel die Anästhesiegase für die Narkose. Es gibt welche, die sind sehr umweltschädlich. Und andere, die klimafreundlicher sind. Wenn letzteres für den Patienten genauso gut oder gar besser ist, sollte man das nehmen. Oder dass man bei den Verbrauchsmaterialien schaut, ob es Anbieter gibt, die klimafreundlichere anbieten. Oder dass man seine Patienten über gesundheitsförderndes und gleichzeitig klimafreundliches Verhalten aufklärt. Und ja, auch bauliche Maßnahmen gibt es viele.

Sie engagieren sich nicht allein aus Sorge um den Klimawandel, sondern auch, weil Sie sich für unsere Gesundheit verantwortlich fühlen. Was macht der Klimawandel mit unserem Körper?

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Der Klimawandel betrifft alle Menschen, alle Organsysteme, auch die Psyche. Klassisch ist die starke Belastung des Herz-Kreislaufsystems in den Hitzeperioden. Das Frankfurter Gesundheitsamt hat schon vor 20 Jahren eine massive Übersterblichkeit, vor allem bei alten Leuten, als Hitzefolgen festgestellt. Die Frühgeborenenrate steigt deutlich in Hitzeperioden. Wir haben wachsende Probleme durch Allergien, speziell bei Kindern durch die veränderten Luftbedingungen, insbesondere Pollen. Wichtig ist auch die psychische Belastung. Angesichts von Bildern wie dem überfluteten Ahrtal machen sich gerade junge Leute berechtigte Sorgen um ihre Zukunft. Das kann sich zu psychischen Erkrankungen weiterentwickeln. Das wird in Zukunft eine große Rolle spielen. Deshalb fühlen wir uns sehr verantwortlich für den Klimaschutz.

Interview: Jutta Rippegather

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