1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Hessen soll die Rasseliste bei Hunden abschaffen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jutta Rippegather

Kommentare

Sieht freundlich aus, kann aber auch ganz anders: der Pitbull-Terrier.
Der Pitbull-Terrier ist ein Listenhund. © Eduard Goriev/Imago

Tierschützer fordern ein Hundegesetz, das keine „Scheinsicherheit“ vorgaukelt. Das Innenministerium beharrt auf der Rasseliste.

In Hessen werden pro Jahr durchschnittlich 300 Menschen von Hunden verletzt. Die Zahl ist seit Jahren konstant. 79 der Beißvorfälle in den Jahren 2018 bis 2021 sind Rassen zugeschrieben, die das Land als gefährlich gelistet hat. Dies geht aus einer aktuellen Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag hervor.

Demnach gingen 93 Prozent der Beißvorfälle auf das Konto von Vierbeinern, die in der hessischen Hundeverordnung nicht als gefährlich eingestuft sind. Anlass für die Tierschutzorganisation Tasso einmal mehr das Ende der Rasseliste zu fordern. Sie habe sich nicht bewährt. Die Zahlen der Beißvorfälle in Hessen stagnierten seit 15 Jahren auf einem hohen Niveau, sagt Mike Ruckelshaus, Fachbereichsleiter Tierschutz Inland. „Trotz Rasseliste ist kein signifikanter Rückgang in Sicht.“

Rottweiler kam hinzu

Die umstrittene Liste ist Bestandteil der Gefahrenabwehrverordnung für Hunde, die Hessen im August 2000 erlassen hatte, nachdem ein Pitbull einen Sechsjährigen in Hamburg tödlich verletzt hatte. Aus der Liste wurden in der Folgezeit Rassen gestrichen, der Rottweiler kam hinzu. Acht Rassen und deren Kreuzungen sind aktuell dort genannt. Deren Halterinnen und Halter müssen unter anderem Sachkunde sowie eine positive Wesensprüfung für das jeweilige Tier nachweisen.

Die Rasseliste war von Anfang an hochumstritten. Nach Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen habe auch Mecklenburg-Vorpommern im Sommer dieses Jahres darauf verzichtet, sagt Ruckelshaus. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich die Gefährlichkeit eines Hundes nicht durch seine Rassezugehörigkeit begründen lässt“, stellt der Träger des hessischen Tierschutzpreises klar. „Rasselisten gaukeln lediglich eine Scheinsicherheit vor und werden dem berechtigten Sicherheitsbedürfnis der Bürgerinnen und Bürger nicht gerecht.“ Stattdessen brauche Hessen eine moderne Hundegesetzgebung, die auf Prävention setze.

Die tierschutzpolitische Sprecherin der hessischen Linksfraktion, Heidemarie Scheuch-Paschkewitz, teilt diese Auffassung. Die Statistik beweise einmal mehr, dass nicht die Hunde selbst, sondern deren Halterinnen und Halter zur Gefährlichkeit ihrer Vierbeiner beitrügen. Anzusetzen sei deshalb beim Menschen. Tasso fordert eine generelle Pflicht zum Hundeführerschein sowie die Kennzeichnung und Registrierung aller in Hessen gehaltenen Hunde.

Hundeverordnung

Voraussetzung für die Erteilung einer Erlaubnis zum Halten eines gefährlichen Hundes ist unter anderem die Sachkunde der Halterin oder des Halters sowie eine positive Wesensprüfung für den jeweiligen Hund.

Acht Rassen und deren Kreuzungen sind in der Liste als gefährlich aufgelistet: American Pitbull, American Staffordshire, Staffordshire Bullterrier, American Bulldog, Dogo Argentiono, Kangal, Kaukasischer Owtscharka, Rottweiler. jur

Der Frankfurter Rundschau liegen die Beißstatistiken der Jahre 2018 bis 2021 vor. Demnach wurden in den drei Jahren 33 Menschen schwer verletzt. Am häufigsten von Schäferhunden und deren Mischungen. Der einzige Todesfall in dieser Zeit ging auf das Konto einer Pitbullkreuzung. Der Familienhund hatte 2018 im südhessischen Bad König dem sieben Monate alten Baby in den Kopf gebissen.

Gleichwohl hält das Innenministerium an der aktuellen Praxis fest. Es sei zwar wissenschaftlich unbestritten, dass allein von der Rassezugehörigkeit keine Rückschlüsse auf das Wesen und damit die Gefährlichkeit gezogen werden könnten. Dennoch seien einige Rassen statistisch besonders auffällig, sagte Pressesprecher Marcus Gerngroß der Frankfurter Rundschau auf Anfrage. Die seien in der Liste aufgeführt. Der hessischen Verwaltungsgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht hätten dies bestätigt. Die aktuelle Hundeverordnung trete zum Jahresende außer Kraft, werde aus diesem Anlass insgesamt überarbeitet und evaluiert.

Schäferhund ist sehr beliebt

Die Rasseliste, sagt Gerngroß, werde „als solche nicht überarbeitet“. Doch ohnehin regelmäßig „im Lichte neuer Erkenntnisse und aktueller Statistiken über Beißvorfälle überprüft“. Eine Rasse wird von der Liste gestrichen, wenn innerhalb von vier Jahren keine Beißvorfälle verzeichnet wurden und die Durchfallquote bei der Wesensprüfung unter drei Prozent liegt. Im Gegenzug werden auch neue aufgenommen – etwa der Rottweiler im Jahr 2008.

Warum die Schäferhundrassen trotzdem verschont blieben, begründet der Sprecher damit, dass er laut Welpenstatistik noch immer der mit Abstand am häufigsten gehaltene Rassehund sei. Damit relativiere sich die Zahl der Beißvorfälle stark. „Insofern wurde davon Abstand genommen, den Schäferhund als Listenhund aufzunehmen.“

Auch interessant

Kommentare