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Tierquälerei für A49-Ausbau: Siebenschläfer im Dannenröder Wald zerquetscht

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Von: Jutta Rippegather

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Siebenschläfer hatten in dem Baumhäusern gewohnt, die der Autobahnbaustelle weichen mussten. Foto: Michael Schick
Siebenschläfer hatten in dem Baumhäusern gewohnt, die der Autobahnbaustelle weichen mussten. © Michael Schick

Der Autobahnbau für die A49 zerstört wertvolle Lebensräume, sagen die Naturschützer. Die Baustellenverantwortlichen verweisen auf die Kompetenz ihres Personals.

Frankfurt – Die Autobahngesellschaft sieht keinen Anlass, an der Zuverlässigkeit ihrer Experten für Amphibien und Reptilien zu zweifeln. Die Eimer, in denen die Tiere an der Baustelle im Dannenröder Forst gesammelt werden, würden ein- bis zweimal am Tag geleert – je nach Frequentierung und Wetterverhältnissen. „Sowohl die Obere Naturschutzbehörde als auch die Umweltbaubegleitung haben den Sammlern gewissenhafte Arbeit bestätigt“, teilte Melanie Syring, die Sprecherin der für den umstrittenen Ausbau der Trasse in Mittelhessen zuständigen A49- Autobahngesellschaft, auf Anfrage mit.

Unterdessen erreichten die Frankfurter Rundschau weitere Hinweise auf mögliche Tierquälerei auf der Baustelle. Von den in den Baumhäusern lebenden Siebenschläfern habe keiner die Räumung des Protestcamps überlebt. Fledermäuse seien ihrer Brutstätten beraubt worden, berichtet die engagierte Naturschützerin und Linken-Stadtverordnete Katharina Jacob aus Lauterbach. „Ich und zahlreiche andere können bezeugen, dass eine ökologische Baubegleitung im Dannenröder Forst nicht stattgefunden hat.“

A49-Ausbau im Dannenröder Forst: Für Artenschutz in „Großbaustellenrealität“ wenig Platz

In den Aktenbergen zum A49-Ausbau nehme Artenschutz einen großen Raum ein. „In der Großbaustellenrealität eher weniger“, moniert Wolfgang Dennhöfer, Diplom-Biologe und Vorsitzender des Vogelsberger Kreisverbands des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND). Vor allem bei drei Tiergruppen hätten die Naturschützer dies immer wieder moniert: den Bilchen (Siebenschläfer und Haselmaus), den Amphibien und den Fledermäusen.

Demnach wäre der Vorfall, über den die Frankfurter Rundschau jüngst berichtete, einer von mehreren Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. An dem warmen und sonnigen Sonntag, 27. März, hatten Leute festgestellt, dass selbst nach 10 Uhr Kröten und Molche noch nicht aus den Fang-eimern an den Amphibienzäunen befreit worden waren. Trockenheit ist für sie lebensgefährlich. Und die Behältnisse waren nicht abgedeckt – eine Einladung für Beutetiere. Dennhöfer hatte die Informationen sorgfältig geprüft und für seriös befunden.

A49-Ausbau im Dannenröder Forst: Autobahngesellschaft weist Vorwurf zurück

Die Autobahngesellschaft weist in ihrer Antwort an die FR den Vorwurf der Tierquälerei zurück: Die Amphibien würden nach einem zwischen Oberer Naturschutzbehörde, Umweltbaubegleitung und Bau-Arge abgestimmten Konzept gesammelt und umgesiedelt. Verantwortlich für die unabhängige Kontrolle, Übermittlung und Spezifizierung der eingefangenen Tiere sei die Umweltbaubegleitung.

Wegen der stark schwankenden Anzahl der Tiere würden die Eimer während der Hauptwanderzeit von März bis April zu unterschiedlichen Zeiten geleert. „In der Regel ist die morgendliche Begehung bei beziehungsweise vor sonniger Witterung spätestens zwischen 9 und 10 Uhr abgeschlossen.“ Um die Amphibien vor der Morgensonne zu schützen, seien die Eimer teils abgedeckt. Ein nasser Schwamm gewährleiste die Befeuchtung der Amphibien. Am Ende ihres Schreibens deutet die Autobahngesellschaft Zweifel an der Seriosität der von den Naturschützern übermittelten Information an: Die konkrete Uhrzeit sei anhand der Fotos nicht nachvollziehbar, Unbefugten sei der Zutritt auf der gesamten Baustelle verboten.

A49-Ausbau im Dannenröder Forst: Tiere „einige Wochen nach der Fällung der Bäume tot“

Auf den ihm zugespielten Fotos habe er weder Abdeckungen noch Schwammbrocken gesehen, sagt hingegen BUND-Vorsitzender Dennhöfer. „Das ist in der Praxis auch nicht tragisch – nur muss dann halt wirklich sehr früh am Morgen jemand die Viecher rausholen, bevor Krähen und Sonne kommen.“

In Wirklichkeit gehe es doch um sehr viel mehr. Alle wüssten um den großen Verlust an natürlicher Vielfalt entlang der A49. „Die Zerschneidung der Lebensräume, die Betonierung von lebendigem Wald treffen die lokalen Populationen an Haselmäusen oder Molchen viel mehr als der Tod der Einzelnen, die wir persönlich kennengelernt haben.“ Siebenschläfer, Haselmäuse, Molche – sie alle überwinterten irgendwo im Boden, in Baumstümpfen und kleinen Erdhöhlen. „Alle diejenigen, die das auf dem Gelände der Trasse getan haben, waren einige Wochen nach der Fällung der Bäume tot, zerquetscht beim Roden der Stubben, meterhoch mit Schotter überschüttet und gewalzt.“ (Jutta Rippegather)

Im November 2020 war eine Aktivistin im Dannenröder Forst aus mehreren Metern Höhe gestürzt. Eine Juristin sieht Chancen auf einen Baustopp beim A49-Ausbau.

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