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Körper und Geist hängen zusammen – davon sind Psychologie und Psychotherapie überzeugt.
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Körper und Geist hängen zusammen – davon sind Psychologie und Psychotherapie überzeugt.

Hessen

Hessen: Schmerzt der Körper, ist es oft die Seele

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Erste Anlaufstelle ist in der Regel die Hausarztpraxis. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Psyche ist noch nicht absehbar.

Bei dem 64-Jährigen stolpert das Herz, weil er unter Angststörungen leidet. Der 35-Jährige hat Rückenschmerzen, aber auch ein Alkoholproblem und trägt gerade einen Rosenkrieg mit seiner Ehefrau aus: Wer einem Menschen mit körperlichen Beschwerden helfen will, darf die Lebensumstände nicht ausblenden. „Bei einem Drittel meiner Patienten gibt es einen psychosozialen Hintergrund“, sagt Horst Löckermann, Facharzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut aus Darmstadt. Als Hausarzt ist er meist die erste Anlaufstellen für diese Menschen.

Am Dienstag sitzt Löckermann am virtuellen runden Tisch der Landesärztekammer Hessen, um Politik wie Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass Psyche und Soma nicht zu trennen sind. „Körper und Seele sind eins“, sagt Peter Zürner, Internist, Arzt für Psychotherapeutische Medizin und Physikalische Therapie und Präsidiumsmitglied der Kammer. Es verfestige sich die Meinung, dass Psychotherapeuten die besseren Experten seien. Die Notwendigkeit medizinischen Sachverstands dürfe nicht aus dem Blick geraten.

„Psychologen sind nicht schlechter oder besser ausgebildet“, bekräftigt Barbara Jäger, in Offenbach praktizierende Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und ebenfalls Präsidiumsmitglied. „Sie haben einen unterschiedlichen Blick.“ Zu Jäger kommen Krebskranke, MS-Patient:innen. Ein neues Phänomen hat die Corona-Krise hervorgebracht. „Eine Reihe junger Männer kommt mit einer Agressionsproblematik zu mir.“ Ausgelöst durch Ohnmacht, unterdrückte Ängste. Die Pandemie habe den Hilfebedarf erhöht. „Im Moment sind alle überlastet in der Psychologie und Psychotherapie.“ Wie stark Körper und Geist zusammenhängen, verdeutlicht die Ärztin am Beispiel einer Patientin, die wegen Gesichtsschmerzen eine zahnärztliche Odyssee hinter sich hatte, bevor sie zu ihr in die Praxis kam. Nach jahrelanger Therapie waren familiäre Problemen als wahrer Grund gefunden. „Ihr Motto war immer, Zähne zusammenbeißen und durch.“

Der Unterschied

Psychiater:innen haben nach dem Medizinstudium eine Ausbildung zum Facharzt beziehungsweise zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie absolviert. Sie dürfen zur Behandlung auch Medikamente verschreiben.

Psycholog:innen haben Psychologie studiert. Nach mehrjähriger Ausbildung können sie als Psychotherapeut:innen tätig werden. Sie behandeln mit therapeutischen Gesprächen.

Während der Pandemie stiegen die Anfragen in den Praxen
um durchschnittlich 40 Prozent. Nur jede:r Vierte erhielt einen Termin. Dies ergab eine Erhebung der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung unter ihren Mitgliedern.

In Hessen ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen in psychotherapeutischer Behandlung zwischen 2009 und 2019 um 37 Prozent gestiegen, bundesweit um 46 (Quelle: Barmer). jur

Auch die 13-jährige Magersüchtige mit Kreislaufproblemen muss zunächst auf körperliche Ursachen untersucht werden, sagt Martina Pitzer, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie Direktorin an der Vitos-Klinik Rheinhöhe in Eltville. Die Pandemie, sagt sie, habe nicht zu mehr stationären Einweisungen geführt. „Aber die Schweregrade sind deutlich höher.“ Ein Teil der kranken Kinder und Jugendlichen empfinde das Ausfallen der Schule sogar als Entlastung.

Der Hausarzt, die niedergelassene Fachärztin Jäger, die Klinik: „Wir haben eine gestuftes Versorgungssystem“, sagt Johannes Kruse, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Gießen- Marburg. Studien zufolge wollten mehr als die Hälfte der Menschen mit psychischen und psychosomatischen Problemen vom Hausarzt oder der Hausärztin behandelt werden. „Die Praxen sind ein ganz zentraler Baustein in der Versorgung.“

Kruse präsentiert ebenfalls ein Beispiel für coronabedingte Beschwerden, um dies zu verdeutlichen. Die Frau, die auf den Stress im Homeoffice mit Herzstolpern reagiert. „Da heißt es erst mal, den Bach flach halten, die Patientin beruhigen, ihr Ruhepausen verschaffen.“ So manche Hausärzt:innen oder Gynäkolog:innen mit Zusatzausbildung könnten mit einer Kurztherapie schon helfen.

Mehr solcher ambulanten Angebote wünscht sich die Runde am virtuellen Tisch der Landesärztekammer. „Der Nachwuchs ist knapp“, sagt Vitos-Direktorin Pitzer. Auch könnten die Inhalte besser ins Studium integriert werden. „Das ist ausbaufähig.“ Die Folgen der Pandemie auf die Psyche seien im Moment schwer abschätzbar. „Ich befürchte, dass noch mal was nachkommt, wenn wieder mehr Normalität einzieht.“

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