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Hessen: Mobil schlachten für die Geflügelwurst

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Von: Jutta Rippegather

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Die mobile Schlachtanlage für Geflügel auf dem Hof Emrich ist das kleine Vorgängermodell. Michael Schick
Die mobile Schlachtanlage für Geflügel auf dem Hof Emrich ist das kleine Vorgängermodell. Michael Schick © Michael Schick

Die neue Anlage nach EU-Norm verbessert die Vermarktung von Geflügel. Sie dient dem Tierschutz und dem Klima auch.

Schluss mit den stundenlangen und leidvollen Transporten in Tötungsfabriken. Was vor Jahren als Pilotprojekt in Hessen begann, hat die nächste Hürde überwunden: Ein Biobetrieb im Odenwaldkreis hat die bundesweit erste EU-Zulassung für eine mobile Geflügelschlachtanlage erhalten. Diese eröffnet ihm bessere Vermarktungsmöglichkeiten. Statt das Fleisch lediglich direkt zu verkaufen, kann er es auch in Betriebe bringen, die es weiterverarbeiten – etwa zu Wurst oder Bolognese. Im vergangenen Dezember hatte Hessen mit einem Erlass die notwendigen Voraussetzungen geschaffen. Darin ist geregelt, welche Bedingungen eine mobile Geflügelschlachtanlage auch in einem größeren Umfang und nach EU-Hygienestandard erfüllen muss. Ein Pilotprojekt, das nach Angaben des Umweltministeriums in Wiesbaden von vielen Ländern aufmerksam beobachtet werde.

Elektrobetäubung weiterentwickelt

Eingeflossen sind darin die Erfahrungen mit dem Mobil, das 2019 im Wetteraukreis in Betrieb genommen wurde und in Hessen landesweit genutzt wird. Die Elektrobetäubungsanlage der neuen Anlage wurde auf Anweisung des Umweltministeriums weiterentwickelt, was der Veterinärbehörde die Überwachung nach EU-Standards ermöglicht. Das Land hat die Anschaffung des jetzt zugelasssenen Mobils mit rund 25 000 Euro gefördert.

Die acht Meter lange Anlage verfügt über einen integrierten Kühlraum und kann vollmobil bis zu 600 Masthähnchen oder Legehennen, 250 Gänse oder Enten oder 25 Puten am Tag direkt im landwirtschaftlichen Betrieb schlachten.

„Diese mobile Schlachtung“, sagt Landwirtschaftsstaatssekretär Oliver Conz, „ist vor allem wichtig, um artgerechte Haltungen in Mobilställen und kleinere Betriebe mit Freilaufgeflügel dabei zu unterstützen, ihr Geflügel auch vermarkten zu können“.

Die nun erteilte EU-Zulassung ist zunächst auf drei Monate befristet. Nach einer weiteren Kontrolle innerhalb dieses Zeitraumes werde das Regierungspräsidium Darmstadt über eine Verlängerung entscheiden.

Das von dem Wetterauer Landwirtepaar Lisa und Marcel Emrich betriebene Geflügelschlachtmobil ist kleiner dimensioniert. Es ist Hessens erstes. Vor zwei Jahren hatten die beiden das Gefährt übernommen. Regionalen Geflügelhalterbetrieben wie ihnen war es immer schwieriger gefallen, einen Schlachter zu finden. Jetzt kommt das Mobil auf die jeweiligen Höfe.

Kein Stress durch Transport

Die Vögel müssen keinen stressigen Massentransport ertragen, auch keine Schlachtmethoden, bei denen die Betäubung gelegentlich nicht funktioniert, hieß es vor zwei Jahren beim Ortstermin in Ortenberg-Usenborn. Sie finden den Tod in gewohnter Umgebung – direkt neben ihrer Behausung. Früher wurden die Hennen der Emrichs 70 Kilometer zum nächsten Geflügelschlachthof im Lahn-Dill-Kreis gekarrt – in engen Kisten, und nach der Ankunft mitunter mit Wartezeiten von einem halben Tag.

„Der Schlachthof kommt zum Huhn“ ist auf der Längsseite des Gefährts zu lesen. Als Förderer erwähnt sind das Hessische Umweltministerium, die Gerty-Strohm-Stiftung, der Wetteraukreis, die Ökolandbau Modellregion Wetterau. Die Vögel werden in einer manuellen Elektroanlage betäubt, geschlachtet, dann landen sie im Kühlhaus oder in einem Kühlwagen. Der Einsatz rechnet sich bereits ab 100 Hühnern.

Einen weiteren Vorteil hob bei dem Ortstermin Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin hervor, die das Projekt mit initiiert hat. In Deutschland sei die ganze Branche auf Großbetriebe zugeschnitten. Geflügel werde bis nach Polen oder in ein anderes osteuropäisches Land transportiert, um dann wieder in gekühlten Lastwagen über die Autobahnen zurück zum deutschen Verbraucher zu gelangen. Schlachtmobile dienen demnach nicht alleine dem Tierschutz, sie verbessern auch die Klimabilanz.

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